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Kultur Sokolov im Legendenton
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00:16 23.03.2016
Von Rainer Wagner
Grigory Sokolov bei einer Einspielprobe im Großen Sendesaal. Quelle: Insa Cathérine Hagemann
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Hannover

Man hätte ein Notenblatt fallen hören. Aber Grigory Sokolov spielt natürlich ohne Noten. Zwar hat er längst den Platz des großen alten russischen Klavierkünstlers ausgefüllt, den der verstorbene Swjatoslaw Richter frei gemacht hat. Aber wie Richter mit Stehlampe und Notenumblätterer anzutreten, fällt ihm nicht ein. Ihm liegt sein großer Landsmann Emil Gilels näher. Und so abgeklärt wie der alte Richter ist der 65-jährige Sokolov auch noch lange nicht.

Wenn das Publikum ahnt, dass er jetzt gleich auftreten wird, dann ist es im Großen Sendesaal mucksmäuschenstill. In einer leeren Kirche könnte es nicht leiser sein, aber hier kommt kein Hohepriester der Musik. Sokolov eilt zielstrebig zum Steinway, die Arme angelegt, die Hände nach hinten gewinkelt, ein Kunstarbeiter, kein Künstler mit Attitüde. Wenn man davon absieht, dass er keine Interviews und keine Klavierkonzerte mit Orchester gibt (zu wenig Probenzeit) und Plattenstudios hasst. Natürlich ist das Konzert ausverkauft, Sokolovs Klavierabende werden gebucht, auch wenn zum Vorverkaufsbeginn noch gar nicht feststeht, was er spielen wird: Es wird diesmal ein auf reizvolle Weise thematisch verschränkter Abend mit Schumann und Chopin, an dem sich die Werke auch gegenseitig spiegeln. Beide Male taugen leichtgewichtigere Stücke als Einleitung zu Schwergewichtigem.

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Vor dem Auftritt ist nach dem Aufritt: Grigory Sokolov stimmt sein Klavier vor dem großen Spektakel im NDR-Sendesaal.

Schumanns „Arabeske“ wird gerne unterschätzt, woran der Komponist mit seiner ganz und gar nicht gendermäßig korrekten Einschätzung mitschuldig ist, dieses Opus 18 sei „schwächlich und für Damen“. Sokolov lässt im zweiten Moll-Teil ernstere Gedanken einmarschieren und verweist so auf die Marschrhythmen, die den zweiten Satz der Schumann-Fantasie prägen. So wird die vermeintlich so harmlose „Arabeske“ eine vieldeutig schwebende Hinführung zu Schumanns gewichtiger Fantasie C-Dur op. 17, die sich bei Sokolov nahtlos anschließt.

Man muss die hochromantischen Unterlegungen dieser Musik nicht kennen, um zu hören, welche Leidenschaften hier toben. Sokolov meißelt das heraus und spielt gleichermaßen mit den Schattierungen. Das ist so hocherregt, wie der junge Schumann das gemeint hat. Dabei meidet Sokolov jedes Pathos, schlägt den geforderten Legendenton wie selbstverständlich an – und präsentiert den Schluss des Kopfsatzes als Drama in zwölf Takten. Der Überschwang des zweiten Satzes wirkt ansteckend. Im dritten Satz lässt der Solist Schumanns Beethoven-Paraphrasen anklingen, ohne sie plakativ auszustellen.

Nach der Pause nutzt Sokolov auch im Chopin-Teil des Programms zwei vermeintlich harmlose Stücke als Hinleitung zur hochdramatischen b-Moll-Sonate op. 35 und macht so aus den Nocturnes op. 32 Nachtstücke im schwereren Wortsinn. Die Wildheit und die Unrast des Sonatenbeginns schlagen den Hörer unmittelbar in Bann. Das Scherzo ist grell, brillant. Der so viel bemühte, arg abgespielte Trauermarsch tönt bei Sokolov wie neu. Der Kondukt bewegt sich langsam, aber nicht schleppend. Das Trio klingt ganz und gar nicht süßlich oder gar sentimental, sondern schlicht, innig und tröstend. Den abschließenden Notenwirbel des knappen Finales sortiert Sokolov so klug, dass der Schluss wie aufgeräumt erscheint.

Danach ist noch lange nicht Schluss, denn der von seinem Publikum gefeierte Klavierkünstler bedankt sich mit sechs (!) Zugaben: dreimal Schubert, noch zweimal Chopin und Debussy. Nicht nur Schuberts „Moments musiceaux“ oder das wie frisch gewaschene „Regentropfenprelude“, das zum Dramolett in Des-Dur wurde, rissen die Klavierfreunde von den Stühlen – dass einige von ihnen dann aus dem Saal drängten, wenn der Solist an ihnen vorbei zu weiterem Hand- und Kunstwerk drängte, war allerdings weniger höflich.

Ein großer Klavierabend eines großen Klangkünstlers.     

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