Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Große Timm-Ulrichs-Retrospektive im Künstlerhaus Hannover
Nachrichten Kultur Große Timm-Ulrichs-Retrospektive im Künstlerhaus Hannover
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:39 26.11.2010
Von Johanna Di Blasi
Der Künstler Timm Ulrichs im Künstlerhaus Hannover in einer ihm gewidmeten Retrospektive. Quelle: dpa

„Betreten der Ausstellung verboten!“ – Na, dann kann man ja gleich wieder nach Hause gehen. Oder macht einen das Verbot erst recht neugierig?

Wer Timm Ulrichs’ Schau mit dem ­Titel „Betreten der Ausstellung verboten!“ betritt, begeht schon an der Pforte einen Regelbruch. Mit dem kleinen Kunstgriff macht Ulrichs alle, auch die bezahlenden Besucher, zu Illegalen. Und damit ist man auch schon mitten drin in Timm Ulrichs’ Kunstuniversum des lustvollen Regelbruchs und der notorischen Verrückung des Alltäglichen hin zum Merk- und Denkwürdigen.

Die Jubiläumsausstellung für den 70-Jährigen erstreckt sich über zwölf Säle im hannoverschen Kunstverein und im Sprengel Museum. Die Retrospektive mit etwa 70 Werken ist sozusagen die ultimative Totalausstellung für den selbsternannten Totalkünstler, der seit einem halben Jahrhundert in Hannover beständig Kunst erfindet und realisiert.

Die Schau mit sämtlichen Ulrichs-Klassikern („Ich kann keine Kunst mehr sehen!“, „Der Findling“, „Kopfsteinpflaster“) und einigem, das selbst Kenner überrascht, ist eine späte Anerkennung für einen der Väter der deutschen Konzeptkunst und ein spätes Bekenntnis Hannovers zu Timm Ulrichs; sein Kölner Kollege Gerhard Richter wartet immer noch auf eine große Retrospektive im ­Kölner Museum Ludwig.

Ein Herzenswunsch ist Ulrichs im Kunstverein erfüllt worden: Endlich gibt es eine Liveschaltung vom Museum ­direkt in Timm Ulrichs hannoversche „Zimmergalerie“ alias „Werbezentrale für Totalkunst, Banalismus und Extemporismus“. Kunst und Leben sind dank Webcam für die Dauer der Schau kurzgeschlossen. Man wird den Künstler also gelegentlich in seinen extrem vollgestellten hannoverschen Arbeits- und Archivräumen umherwandeln sehen.

Gleich neben dem Monitor mit der Liveschaltung ist Timm Ulrichs’ Grab aufgebaut und frisch bepflanzt mit violettroten Alpenveilchen. Die Inschrift des vorsorglich bereits vor Jahrzehnten gemeißelten Grabsteines, „Denken Sie immer daran, mich zu vergessen!“, fehlt in kaum einem Beitrag über Timm Ulrichs. Sein künftiges Grab werde dieser Stein allerdings nicht zieren, sagte der Künstler gestern. „Er gehört ja längst nicht mehr mir, sondern dem Osthaus Museum in Hagen.“

Während Ulrichs mit diesem Werk schon als junger Mann die eigene Sterblichkeit künstlerisch zu verarbeiten suchte, bewegte ihn in den siebziger Jahren das Waldsterben. In einer Art Überkompensation half er diesem sogar nach. In symbolisch eindringlichen „baumchirurgischen Operationen“ legte er jungen Bäumen gleichsam Fußfesseln an, und zwar in Form eiserner Nachbildungen seiner eigenen Hand. Diese umklammerten die jungen Bäume, stützten sie zunächst, strangulierten sie aber mit der Zeit. Eines dieser Baumopfer, eine dürre Kastanie, ist im Kunstverein ausgestellt – „aufgebahrt“, sagt Ulrichs. Dem Publikum obliegt es, zu entscheiden, was gelungener ist: Ulrichs Installation oder jene seines Kollegen Michael Sailstorfer in dessen gerade eröffneter Ausstellung in der Kestnergesellschaft. Sailstorfer zeigt dort ein rotierendes Baum-Mobile.

An den Schamanen Beuys und dessen New Yorker Aktion mit einem Kojoten („Coyote; I like America and America ­likes me“, 1974) muss man denken, wenn man Ulrichs seinem jüngst geschaffenen Werk „Wolf im Schafspelz“ meditierend gegenüberstehen sieht. Es ist die Handarbeit eines geschickten Tierpräparators. Allerdings geht es Ulrichs, anders als Beuys, nicht um irgendeinen mythologischen Hintersinn, sondern schlicht (zu schlicht?) um die Verdrehung einer Redewendung. Das zeigt die Pendantfigur: das „Schaf im Wolfspelz“. Ein wahres Kunststück war es auf jeden Fall, das Wolfsfell aus Kanada zu besorgen. „Ich musste gegenüber dem Bundesnaturschutzamt nachweisen, dass ich die Würde des Wolfes nicht verletze“, sagt der Künstler.

Im Sprengel Museum geht es stark weiter mit der knarzenden Installation „Konzert der Türen“, doch dann fällt die Spannung ab. Das Sprengel Museum hatte schon immer Probleme mit diesem Künstler. Man tut Timm Ulrichs keinen Gefallen, wenn man Werke wie „San Gimignano“ und „Das getarnte Frühstück im Freien“ zusammenwürfelt oder einen ganzen Saal mit Modellen seiner Skulpturen im öffentlichen Raum vollstellt. Sehenswert sind im Sprengel Museum vor allem die gefilmten Performances.

Der Raum zwischen Kunstverein und Sprengel Museum ist wundervoll genutzt. Schilder wie „Hier 40.000 km“ oder „Mit geschlossenen Augen zu lesen!“ weisen im Stadtraum auf die große Schau für ­einen großen Künstler hin.
Timm Ulrichs wäre nicht Timm Ulrichs, wenn ihm der plötzliche Rummel um seine Person nicht auch ein wenig verdächtig wäre. Neun Ausstellungen hatte der in Hannover, Münster und Berlin lebende Künstler im Jahr seines runden Geburtstages. „Blöder Geburtstag“, sagt er jetzt zum Jahresausklang. „Da hat man Jahrzehnte gewurschtelt. Es war strapaziös. Und dann wollen einen auf einmal alle entdecken“. Es sei wie mit den Indianern, zu denen Kolumbus kam, um ihnen zu erklären, sie seien entdeckt, „obwohl sie schon die ganze Zeit über da waren“.

Nicht verhehlen aber kann er seine Genugtuung, dass endlich auch die Preise anziehen. Seine Pornoheftarbeit „Kunst und Leben“, von der es mehrere Ausgaben gibt, kaufte das Münchner Stadtmuseum unlängst für 3000 Euro. Kurze Zeit später zahlte ein Sammler 9000 Euro für die Arbeit, was dann noch mit einem Verkauf für 27.000 Euro getoppt wurde – keine schlechte Steigerungsrate.

Wenn Kunsthistoriker sich um nuancierte Einordnungen seines Werkes bemühen, macht Ulrichs das nervös. Er lässt immer noch gern den Pomp und das Pathos aus Kunstweiheveranstaltungen. Im Grunde sei die jetzige Ausstellung eine „Weihnachtsschnäppchenaktion“, scherzte der Künstler gestern. „Die meisten Werke, die Sie hier sehen, gehören mir. Ich habe sie unterm Bett hervorgezogen, aus Regalen oder dem Großlager, das ich zusammen mit Christiane Möbus gemietet habe. Alle diese Dinge harren noch der Aufnahme durch Museen“.

28. November bis 13. Februar. Eröffnung ist am Sonnabend um 17 Uhr im Sprengel Museum und um 19 Uhr im Kunstverein Hannover. Katalog 25 Euro.

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Kultur Hannoversche Orchestervereinigung - Dirigent Heinz Bethmann beendet seine Arbeit

Heinz Bethmann hat mehr als 40 Jahre am Dirigentenpult der Hannoverschen Orchestervereinigung gestanden, eines der traditionsreichsten Laienmusikensembles der Stadt. Am 27. November ist sein Abschiedskonzert im Großen Saal des Funkhauses.

26.11.2010

Landschaften, die gegensätzlicher kaum sein könnten, sind derzeit in der hannoverschen Galerie BBK.ruhm ausgestellt. Ruth Bubel-Bickhardt und Rainer Janssen zeigen in der Schau auf eindrucksvolle Weise unterschiedliche Auseinandersetzungen mit dem Thema.

26.11.2010

Über Profile, Kooperationen und den 20. Geburtstag des Vereins Literaturbüro Hannover: Ein Gespräch mit Geschäftsführerin Kathrin Dittmer. Seit 1994 leitet sie das Literaturbüro Hannover. Zum 20. Geburtstag des Vereins gibt es am 2. Dezember um 20 Uhr, im Künstlerhaus einen Geburtstagsabend, unter dem Titel "Kunstausüben".

Martina Sulner 26.11.2010