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Gurlitt-Buch beschreibt seine drei Karrieren

„Hitlers Kunsthändler“ Gurlitt-Buch beschreibt seine drei Karrieren

Detailreich – und sehr verständnisvoll: Kunsthistorikerin Meike Hoffmann und die Kunstkritikerin Nicola Kuhn haben in „Hitlers Kunsthändler“ die drei Karrieren von Cornelius Gurlitt herausgearbeitet: Museumschef in der Weimarer Republik, Kunsthändler in der Nazizeit und wiederum Kunstvereinschef in der jungen Bundesrepublik.

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„Weder rassisch begründet noch volklich erträglich“: Adolf Hitler und Joseph Goebbels 1937 in der Propagandaschau „Entartete Kunst“, deren Bilder Hildebrand Gurlitt verwertete.

Quelle: TU Dresden Nachlass Cornelius Gurlitt / dpa

"Beckmann stark & interessant, mit exzellentem Farbsinn – einige bewundernswerte Meeresbilder und eine bergige Waldstraße.“ Diese Worte notiert Samuel Beckett in seinem Tagebuch – und das nach dem Besuch einer Galerie in Hamburg Ende November 1936. Erstaunlich, denn zu diesem Zeitpunkt ist der Maler Max Beckmann schon verfemt, ein halbes Jahr später, noch vor dem Start der Schmäh-Ausstellung „Entartete Kunst“, wird er Deutschland für immer verlassen. Doch in der Alten Rabenstraße im Bezirk Rotherbaum wird er noch ausgestellt – hinter einer unscheinbaren Tür, auf der ein Messingschild mit der Aufschrift „Kunstkabinett H. Gurlitt“ prangt.

Gurlitt, dieser Name war bis 2012 allenfalls Kunsthistorikern geläufig – bis zum Münchner Kunstfund: 1280 Kunstwerke im Wert von rund 50 Millionen Euro hatte Cornelius Gurlitt in einer Schwabinger Wohnung gehortet. Das war der Kunstschatz seines Vaters Hildebrand Gurlitt (1895–1956), der zweifellos schillerndsten unter allen Figuren, die mit Naziraubkunst zu tun hatten. Schnell war 2012 von „Raubkunst“ die Rede, doch die Wirklichkeit ist komplizierter – was den Kunstfund angeht ebenso wie in Bezug auf die Rolle Hildebrand Gurlitts. Bislang wurde nur für vier Kunstwerke ein „verfolgungsbedingter Entzug“ festgestellt, und bislang wurde Hildebrand Gurlitt vor allem als Verwerter jener „entarteten“ Werke gesehen, die nach der Propaganda-Ausstellung ins Ausland verkauft werden sollten, um die deutsche Kriegskasse zu füllen.

Ein ganzes Kapitel zu Gurlitt

Tatsächlich war er zunächst Anhänger der verfemten Moderne, wovon die zu diesem Zeitpunkt mutige Beckmann-Ausstellung zeugt. Er war mit linken Künstlern und Aktivisten befreundet und doch Nazihelfer, war mal Opportunist, mal fast ein Widerständler. Und hat damit drei Karrieren in drei politischen Systemen erlebt – als Museumschef in der Weimarer Republik, als Kunsthändler in der Nazizeit und wiederum als Kunstvereinschef in der jungen Bundesrepublik. Das haben die Kunsthistorikerin Meike Hoffmann und die Kunstkritikerin Nicola Kuhn in ihrem Gurlitt-Buch über „Hitlers Kunsthändler“ herausgearbeitet. Es trägt den Untertitel „Die Biografie“, unbescheiden, doch durchaus zu Recht. Denn erstmals erscheint damit – nach der Neuauflage von Stefan Koldehoffs „Die Bilder sind unter uns“ (Kiepenheuer & Witsch, 336 Seiten, 14,99 Euro), die Gurlitt ein Kapitel widmet – ein ganzes Buch über diese Persönlichkeit.

Hildebrand Gurlitt stammt aus wohlhabendem bildungsbürgerlichem Milieu: Der Vater war in Dresden Kunstgeschichtsprofessor, ein Bruder Musikwissenschaftler, Cousins waren Kunsthändler und Komponisten. Hildebrand Gurlitt steht damit von kleinauf unter Erfolgsdruck. Seelischen Rückhalt findet er bei seiner Schwester Cornelia, die in expressionistischem Stil malt – und sich 1919 das Leben nimmt. Vielleicht ein Motiv für Hildebrand Gurlitts Neigung zum Expressionismus. Er ist fast dreißig, als er seine Doktorarbeit abgeschlossen hat, präsentiert aber wenig später als Direktor des Zwickauer Museums Pechstein und Nolde Dix und Schmidt-Rottluff, also Repräsentanten der damals schon von den Nazis als „undeutsch“ diffamierten Moderne. Das kostet ihn 1930 den Job, doch schon ein Jahr später findet er eine neue Aufgabe als Direktor des Hamburger Kunstvereins – und dort ein liberaleres, weltoffenes Klima und Kunstverständnis.

Seine zweite Karriere beginnt, als er im Sommer 1933 auch diesen Job verliert, unter anderem, weil er am 1. Mai 1933 den Kunstverein Hamburg nicht mit der Hakenkreuzfahne beflaggen lässt. Diese demonstrative Abgrenzung sei Gurlitt zum Verhängnis geworden, urteilt das Autorenduo. Doch viel verhängnisvoller als sein Hang zur Moderne war aus Gurlitts Sicht der Umstand, dass seine Großmutter Jüdin, er selbst mithin nach Nazi-Logik „Vierteljude“ war.

Es ist schon atemberaubend nachzulesen, wie kühn er angesichts fortdauernder Verschärfung der „Rassegesetze“ darauf setzt, für die Nazis unverzichtbar  zu werden. Sein „Kunstkabinett“ hat er noch auf seine zweifelsfrei „arische“ Ehefrau übertragen, doch nach der Ausstellung „Entartete Kunst“ geht er vollends in die Offensive – und dient sich als Kunstverwerter an. Gurlitt ist einer von nur vier Kunsthändlern, die die „entarteten“ Werke vermarkten, er handelt dabei als einziger auch auf eigene Rechnung und häuft auf diese Weise einige Reichtümer an.

Tausende Briefe ausgewertet

Dabei folgt er keineswegs brav der Nazidoktrin, nur ins Ausland zu verkaufen, auf dass die germanische Seele nicht mit modernen Werken verstört werde. Vielmehr versorgt er auch Freunde der Moderne wie den Tabakhersteller Hermann Reemtsma und den Schokoladenfabrikanten Bernhard Sprengel mit Kunstwerken. Als alles „Entartete“ verkauft ist, wechselt Gurlitt in die Rolle des Kunstaufkäufers hinter den Frontlinien im besetzten Belgien und Frankreich. Und danach wird er sogar Chef-Einkäufer für das in Linz geplante „Führermuseum“. Private Käufe und solche im staatlichen Auftrag hält er dabei nicht getrennt – und wird noch während des Krieges zum reichen Mann, der sich im eigenen Auto auf den Weg zu Kunst oder Kunstkäufern macht. Nach Kriegsende führt er dann seine jüdische Großmutter als Argument dafür ins Feld, dass er sich arrangieren musste, geriert sich gegenüber der US-Raubkunst-Taskforce als Retter verfemter Kunstwerke und als Helfer verfolgter Künstler und wird, nach kurzer „Entnazifizierung“ Direktor des Kunstvereins Düsseldorf.

Um all das zu schildern, haben Meike Hoffmann und Nicole Kuhn Tausende Briefe Gurlitts und seiner Familie ausgewertet. Auf dieser Grundlage schildern sie Gurlitts Wiederanfang im Nachkriegswestdeutschland detailreich, aber auch reichlich verständnisvoll. Dem Kunsthändler werfen sie lediglich vor, sich nach 1945 nicht Rechenschaft abgelegt zu haben, ansonsten teilen sie seine Sicht, dass er sich nur so, wie er es eben getan hat, durch die Nazizeit lavieren konnte. Und weil sie Gurlitts Beweggründe stets in erlebter Rede, doch meist ohne genaue Quellenangabe schildern, weiß der Leser nie so recht, ob hier das Autorenduo oder doch Gurlitt selbst zu Wort kommt. Etwas mehr wissenschaftliche Distanz hätte man sich auch für ein Sachbuch gewünscht, das spürbar übers bloße Fachpublikum hinauszielt.

Einen Beleg fürs bisweilen gute Handeln des dreifachen Karrieristen gibt es übrigens: Er hat offenbar den von ihm geschätzten Beckmann (1884–1950), der in Amsterdam im Exil lebte, durch Verkäufe seiner Bilder tatsächlich uneigennützig unterstützt.

Meike Hoffmann, Nicole Kuhn: „Hitlers Kunsthändler. Hildebrand Gurlitt 1895–1956. Die Biografie“. Verlag C. H. Beck.
400 Seiten, 24,95 Euro.

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