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Haberlandt begeistert bei Lesung im Schauspielhaus

"Das kunstseidene Mädchen“ Haberlandt begeistert bei Lesung im Schauspielhaus

Fritzi Haberlandt und Jens Thomas begeistern mit einer Lesung aus Irmgard Keuns „Kunstseidenen Mädchen“ im Schauspielhaus Hannover. Die Schauspielerin und der Pianist touren mit ihrer szenischen und musikalischen Lesung durch Deutschland und haben am Sonntag in Hannover Station gemacht.

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Starkes Duo: Fritzi Haberlandt und Jens Thomas im Schauspielhaus.

Quelle: Eberstein

Hannover. "Ich will ein Glanz werden“, heißt es so oder leicht variiert immer wieder in Irmgard Keuns Roman „Das kunstseidene Mädchen“. Es ist eine eigenwillige Wortwahl des eigenwilligen Mädchens Doris, das die Bühnen dieser Welt erobern möchte. Aber wenn Fritzi Haberlandt diese Worte sagt, dann begreift man sie ganz intuitiv. Jetzt ist sie im Schauspielhaus in die Rolle von Doris geschlüpft und es gelingt ihr, sich diesem Text auf ganz besondere Weise anzunähern.

Zusammen mit dem Pianisten Jens Thomas hat Fritzi Haberlandt eine szenische Lesung mit Musik zum „Kunstseidenen Mädchen“ konzipiert, Textpassagen gewählt und neu angeordnet. Der 1932 erschienene Roman erzählt in Tagebuchform die Geschichte von Doris, die 18-jährig in Berlin ihr Glück sucht – privat und auf der Bühne. Die neu angelegte Dramaturgie arbeitet fragmentarisch: Sie erzählt in mehreren Strängen von Hubert, der Doris verlassen hat, von deren Anfängen als Statistin auf der Bühne, von verzweifelten Versuchen, vielleicht als Hure das nötige Geld zu verdienen. Und von Ernst, der sie am Straßenrand trifft und bei sich aufnimmt, sich kümmert, ohne Gefälligkeiten zu erwarten. Natürlich verliebt sich Doris in ihn. Aber auch die Liebe zu Ernst bleibt in letzter Konsequenz unerfüllt, sein Herz gehört einer früheren Freundin.

All das zu erzählen, mehr spielend als lesend, gelingt Haberlandt ganz meisterlich. Mit nur wenigen Requisiten, vor allem aber mit ihrer Stimme und ihrer Stimmung schafft sie es, dass auch der Zuschauer mühelos folgen kann. „Ich hantiere mit dem Staubsauger, falls man es nicht erkennt“, erklärt sie zwischendurch ihre Gestik, und das Publikum lacht verständig über diese kurze Grenzüberschreitung zwischen Gespielter und Spielender.

Gerade das Situative verstärkt Jens Thomas, der mit einem ähnlichen Bühnenformat bereits mit dem Schauspieler Matthias Brandt getourt ist, in seinem Klavierspiel: Sphärische Klänge betonen an mancher Stelle Unruhe und Wachsamkeit, an anderer Stelle wiederum Geborgenheit und ein Bei-Sich-Sein. Die besondere Sprache Irmgard Keuns, das Gespür für Worte und die Neigung zu einer ungewöhnlichen Syntax – all dem nimmt sich Fritzi Haberlandt mit ihrer klaren Sprache und ihrer Berliner Schnoddrigkeit aufs Herrlichste an: „Jemand blättert in meinen Därmen“ geht genauso wie „Liebe an sich strengt an“ aufs Eindringlichste aus ihrem Mund hervor und packt einen.

Das alles steht im Kontrast zu ihrer ganz und gar mädchenhaften Erscheinung in schwarzem Faltenrock und mit rotem Bubikragen, den langen, zusammengebundenen Haaren – da fragt man sich, wo die letzten 20 Jahre geblieben sind. Solange ist es bereits her, dass sie zum ersten Mal auf der Bühne in Hannover stand. Später ging es dann ans Thalia-Theater in Hamburg und weiter zum Maxim-Gorki-Theater in Berlin; hinzu kamen zahlreiche Film- und Fernsehrollen. Diesen Erfahrungsreichtum spürt man genau in diesem Spiel: Haberlandt verbindet an diesem Abend alles Mädchenhafte im besten Sinne, kokett, frech, nachdenklich und mit fragendem Blick auf die Welt.

„Aber auf den Glanz kommt es vielleicht gar nicht an“, sagt Doris zuletzt auf der Bühne. Nein, vielleicht nicht. Aber ein Glanzlicht, das war Fritzi Haberlandt an diesem Abend.

Von Katharina Derlin

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