Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Habilitationsschrift von Panofsky gefunden
Nachrichten Kultur Habilitationsschrift von Panofsky gefunden
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
13:43 17.02.2014
Schwärmte von Besuchen im Kestner-Museum: Erwin Panofsky. Quelle: dpa
Hannover

Der überraschende Fund wird in der Kunstwelt als Sensation gefeiert: Jahrzehntelang war die Habilitationsschrift von Erwin Panofsky verschollen – jetzt wurde sie in einem Panzerschrank im Münchener Zentralinstitut für Kunstgeschichte wiederentdeckt. Prompt weckt der Fund neues Interesse an Panofsky, der in den fünfziger und sechziger Jahren einer der weltweit einflussreichsten Kunsthistoriker war. Er gilt als Mitbegründer der ikonologischen Kunstbetrachtung, die neben formalen Aspekten auch Zeit- und Kulturbezüge in den Blick nimmt und ein wichtiger Vorläufer heutiger kulturwissenschaftlicher Kunstbetrachtung ist. Und Panofsky war Hannoveraner.

Dass dies im öffentlichen Bewusstsein kaum verankert ist, mag daran liegen, dass Hannover mit seinen berühmten Söhnen und Töchtern nicht eben hausieren geht. Auch der Mitbegründer der deutschen Romantik, August Wilhelm Schlegel, wurde in Hannover geboren - und die wenigsten wissen es.

Seine erzwungene Emigration in die USA, so sagte der jüdische Intellektuelle und Princeton-Professor Panofsky einmal, sei keine Vertreibung aus dem Paradies gewesen, sondern eine „Vertreibung ins Paradies“. Panofsky war 1933 von den Nazis seiner Professur in Hamburg enthoben worden. Fortan schrieb er seine Werke auf Englisch. Einen halben Regalmeter füllen die gesammelten Briefe des Gelehrten, Privates kommt darin selten vor. Biografische Angaben sind knapp. Mit zunehmendem Alter aber schimmerte Sentimentalität durch. Als 1959 der junge Literaturkreis „Die Horen“ aus Hannover den berühmten Professor in Princeton um die Unterzeichnung einer Erklärung zum Stopp von Atomwaffenversuchen bat, strich Panofsky Hannover als seine „Geburtsstadt“ heraus.

Als er Mitte der sechziger Jahre die Autobiografie des Direktors des Kestner-Museums, Carl Schuchhardt, in die Hand bekam, schrieb Panofsky an dessen Sohn, dass seine Familie mehr als hundert Jahre gut situiert in Hannover gelebt habe und ihm eine Menge Leute der Stadt bestens vertraut seien. Panofsky erwähnte den „almighty ,Stadtdirektor‘ Tramm“. Dieser sei ein persönlicher Freund seiner Eltern und seines Onkels, dem die Bank Carl Solling und Co. gehörte, gewesen.

Auch den Besitzer des „unübertrefflichen“ – den Ausdruck fügte Panofsky auf Deutsch ein – Hotels Kasten erwähnt er. In dessen Ferienhaus in Harzburg habe er als Knabe glückliche Sommer verlebt. Tief prägten sich Besuche im Kestner-Museum ein. Schuchhardt habe den Mut besessen, Originale der zum Grundstock des Hauses gehörenden Sammlung Culemann Seite an Seite mit Kopien und Fälschungen zu zeigen. Das damals im Kestner-Museum empfundene Glück, Echtes von Falschem unterscheiden zu können, sei wahrscheinlich sogar der Grund gewesen, weswegen er sich später für die Kunsthistorikerlaufbahn entschieden habe, schrieb Panofsky.

Geboren wurde der Gelehrte in Hannover am 30. März 1892 als einziges Kind des ältesten Sohns eines Kaufmanns und der hannoverschen Bürgerstochter Cäcilie Solling. Sein Vater hatte Kohlegruben und Kalköfen in Oberschlesien geerbt, sich aber mit 42 Jahren aus dem Geschäft zurückgezogen und war mit seiner Frau zu deren Verwandten nach Hannover gezogen. Nach dem Tod der Großmutter zog die junge Familie 1901 nach Berlin, wo Panofsky das Gymnasium besuchte und studierte.

Ein Studienfreund aus Berliner Jahren war Alexander Dorner, der später in leitender Funktion am Provinzialmuseum in Hannover, dem heutigen Landesmuseum, Herausragendes leistete. Als Dorner in der NS-Zeit seinen Dienst in Hannover aus Gewissensgründen quittierte, bemühte sich Panofsky von Princeton aus, dem Freund eine Stelle in Amerika zu vermitteln. Er empfahl Dorner als „eine der progressivsten Persönlichkeiten auf dem Gebiet der Kunstgeschichte“ und als „exzellenten Museumsmann“, der ein Gewinn für jede Institution sei. Parallel setzte sich Alfred H. Barr vom Museum of Modern Art für Dorner ein, der im Hause des Architekten Walter Gropius unterkam und dann in Rhode Island eine Professur antrat.

Aus der Landesgalerie in Hannover hatte sich Panofsky unter anderem das Poussin-Gemälde „Inspiration des Anakreon oder Properz“ eingeprägt. Er deutet es als allegorische Repräsentation poetischer Inspiration. In den fünfziger Jahren stand Panofsky mit dem damaligen Direktor des hannoverschen Landesmuseums, Gert von der Osten, in Briefkontakt. Dieser redete den Professor mit „lieber Pan“ an - so wurde Panofsky von Freunden genannt.

Die nun in einem früheren Panzerschrank der NSDAP aufgetauchte 334 Seiten starke Habilitationsschrift des Kunsthistorikers überrascht durch ihren konservativen Ansatz. Die „Die Gestaltungsprinzipien Michelangelos, besonders in ihrem Verhältnis zu denen Raffaels“ betitelte, 1920 in Hamburg eingereichte Schrift soll im Wesentlichen Motiv- und Stilgeschichte sein. Die Ausweitung hin zu einer Betrachtung, die Zeit- und Kulturgeschichte mit einbezieht, kam offenbar erst später.

Ludwig Heinrich Heydenreich (1903 bis 1978), Panofsky-Schüler und Gründungsdirektor des Münchener Zentralinstituts für Kunstgeschichte, steht jetzt im Verdacht, die Schrift ein Leben lang unterschlagen zu haben. Vielleicht aber hatte Heydenreich das von Panofsky wahrscheinlich in den von seinem Schüler übernommenen Amtsräumen in Hamburg zurückgelassene Manuskript auch einfach verkramt und vergessen. Das Werk des Meisters wird jetzt von dessen betagter Witwe ediert – und vielleicht noch in diesem Jahr veröffentlicht.

Judith Seiffert

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Risse im Fundament: Der Berliner Schriftsteller Jan-Peter Bremer wird am Mittowch mit dem niedersächsischen Nicolas-Born-Preis ausgezeichnet. Den Stoff für seinen Roman zog er dabei aus eigenen, unangenehmen Erfahrungen.

11.09.2012

Wird er’s oder wird er’s nicht? Laut einem Bericht von NDR Kultur soll Kent Nagano neuer Generalmusikdirektor in Hamburg werden. Der Star-Dirigent bestätigte am Dienstag nur, dass es Gespräche gibt.

11.09.2012

Der Dreh für die Fortsetzung des Blockbusters „Die Tribute von Panem“ hat begonnen. Die Produktionsfirma Lionsgate gab bekannt, dass „Catching Fire“ hauptsächlich in den bereits bestehenden Locations in und um Atlanta im US-Bundesstaat Georgia gedreht wird.

11.09.2012