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„Natürlich werde ich 100 Jahre alt“

Hannes Wader „Natürlich werde ich 100 Jahre alt“

Der große Liedermacher Hannes Wader gastiert am 28. März in Hannover. Im Interview spricht er über das Unbehaustsein, das Alter, die Langsamkeit und die letzte Tournee.

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„Ich fühl‘ der Jahre Schwere.“: Hannes Wader.

Quelle: Britta Pedersen

Herr Wader, ich erreiche Sie zu Hause in Kassel. Ihre Lieder klingen nach Wind und Watt und flachem Land. Was hat Sie nach Kassel verschlagen?
Die Liebe. Meine Frau ist Psychologin und wollte, nachdem die Kinder aus dem Haus waren, wieder mehr arbeiten. Wir sind dahin gegangen, wo die Bedingungen am besten waren. Das war hier. Mir ist es auch relativ egal, wo ich wohne. Ich bin nirgendwo so ganz zu Hause. Das Lied „Heute hier, morgen dort“, das war ja durchaus ernst gemeint.

Das Unbehaustsein gibt es immer noch bei Ihnen?
Ja. Mit dem Zur-Ruhe-Kommen wird es wohl nichts mehr.

Leiden Sie darunter?
Nein. Ich bin daran gewöhnt. Ich bin in diesem Punkt einfach anders als andere Leute.

Sie waren immer viel unterwegs.
Da ist Kassel durchaus von Vorteil. Von hier können Sie eine Tournee weitaus leichter beginnen als von Schleswig-Holstein aus.

Sie starten jetzt zu Ihrer letzten Tournee. Warum tun Sie uns das an?
Ich bin nicht mehr so gern auf Tour. Ich wäre es gern, wenn ich nicht schon so alt wäre. Im Juni werde ich 75. Wie es bei dem Dichter Carl Michael Bellmann heißt: „Ich fühl‘ der Jahre Schwere.“ Das macht sich im Alltag nicht so bemerkbar, aber auf Tournee. Tourneen sind anstrengend. Natürlich werde ich 100 Jahre alt. Aber nicht auf der Bühne.

Wir werden Sie vermissen. Ich werde besonders Ihre Schubert-Lieder vermissen, die CD „An dich hab ich gedacht“. Für die Platte haben Sie noch mal extra Gesangsunterricht genommen, richtig?
Als ich Franz Schubert für mich entdeckt habe, habe ich gemerkt, dass er all die Lieder, die ich geschrieben habe, schon längst geschrieben hatte. Ich fühlte mich ihm dadurch noch mehr verbunden. Ich habe dann für die CD das Rauchen aufgegeben und Gesangsunterricht genommen. Ich wollte nicht Belcanto singen. Aber ich wollte mich Schubert annähern.

Ich habe Ihre Art, Schubert zu singen, als eine Art Verbeugung vor dem Komponisten empfunden.
Genauso war es gedacht.

Sie haben alles von Arbeiterliedern bis zu Shantys gesungen, ganz zu schweigen von Ihren zahllosen eigenen Stücken. Auf einer Platte widmen Sie sich Carl Michael Bellmann, den Sie schon erwähnt haben, schwedischer Dichter und Komponist aus dem 18. Jahrhundert. Wie sind Sie auf den gestoßen?
Mit Bellmann bin ich schon bei den Liedermachertreffen auf Burg Waldeck in den Sechzigerjahren in Berührung gekommen. Er wurde da an den Lagerfeuern gesungen. Die Idee, eine Platte mit Bellmann-Liedern zu machen, stammte von Klaus Hoffmann.

Sie ist witzig geworden. Und derb: „Lache, saufe, hure, trabe nota bene bis zum Grabe.“
Klaus Hoffmann hat auch vorgeschlagen, Reinhard Mey dazuzuholen. So ist die CD mit uns dreien zustande gekommen.

Von Ihnen dreien waren Sie immer der politischste Liedermacher. Sie waren in der DKP, sind wieder ausgetreten, sind aber links geblieben. Wie erleben Sie die Bundesrepublik jetzt?
Ich bin, gelinde gesagt, beunruhigt. Im Moment habe ich den Eindruck, dass sich alles nach rechts bewegt. Nicht nur in Deutschland. Und die Linke steht gelähmt daneben. Ich auch. Fehlt nur noch, dass Frau Le Pen die Wahl in Frankreich gewinnt.

Sie schreiben an Ihrer Autobiografie. Wann erscheint das Buch?
Weiß ich nicht. Ich bin sehr langsam, ich brauche Monate, um einen Song zusammenzukriegen. Schreiben ist schwer für mich, aber es strukturiert das, was in meinem Kopf ist - Schreiben ist eine diszi­plinarische Maßnahme. Doch es dauert. Also kann ich nicht sagen, wann das Buch fertig ist.

Vorher kommen Sie auf jeden Fall nach Hannover. Was erwartet die Fans?
Ich habe kein spezielles Tour-Abschiedsprogramm. Es gibt Lieder, die mich in früheren Lebensphasen begleitet haben, und es gibt Lieder für die jetzige Lebensphase. Und es ist schön, wenn das nicht nur für mich, sondern auch für das Publikum gilt.

Interview: Bert Strebe

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