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Kultur Ohne Worte
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00:15 23.10.2013
Von Ronald Meyer-Arlt
Wo Worte fehlen, müssen Gesten her, oder gute Ideen: Karl Moor (Sebastian Kaufmane) träumt von seiner Amalia (Juliane Fisch). Quelle: Ribbe
Hannover

Manchmal fehlen dem Theater die Worte. Aber: Warum auch nicht? Manchmal ist das Schweigen ja das Größte, was auf der Bühne geschehen kann. Und manchmal, in diesen seltenen Theaterglücksmomenten, da schweigen alle zusammen: die, die auf der Bühne stehen und jetzt unschlüssig sind, ob sie sich verbeugen sollen oder nicht, und die Zuschauer, die ausnahmsweise nicht sofort besinnungslos mit dem Applaudieren beginnen, sondern das Gesehene noch etwas nachhallen lassen in einem Moment der Stille und der Spannung. Große Theatermomente sind selten wortreich.

Insofern ist es gar keine schlechte Idee, wenn das Theater auch mal ganz wortlos sein will. Im kleinen Ballhof 2 (für dieses Experiment scheute man die große Bühne, und das mit Recht) hatte nun Schillers „Räuber“ Premiere – als Spiel ohne Worte. Die Regisseurin Ruth Messing brachte das Schauspiel, das von Bruderzwist und Vatermord, von Freiheitsliebe und Terror erzählt, in der Art eines Stummfilms auf die Bühne: ohne Dialoge, aber mit expressionistischer Mimik und Gestik sowie einigen eingeblendeten Texttafeln.

Ruth Messing inszeniert Schillers „Die Räuber“ im Ballhof 2 –  und zwar ohne Worte als stummes Spiel.

Ein wahnwitziges Unterfangen eigentlich, gerade auch, wenn man bedenkt, dass Schiller sein Stück als Lesedrama konzipiert hat. Die Worte also waren dem Dichter wichtiger als der Ausdruck auf der Bühne. Erstaunlich ist, wie dem Theater, das immer sehr wortreich alle möglichen Romane nacherzählt, beim Umgang mit der klassischen Dramenliteratur plötzlich die Worte fehlen. Die Entscheidung, Schillers Frühwerk als Stummfilm zu präsentieren, wirkt nicht nur wie die Demonstration des Vermögens zu zeigen, dass es ohne Worte geht, sondern auch wie der Ausdruck von Furcht vorm großen Text. Wem traut man hier eigentlich nicht: dem Dichter, oder sich selbst?

Dass sie es so machen, wie sie es machen, mag man verurteilen; aber die Art, wie sie es machen, ist dann doch bewundernswert. Die Inszenierung des Jungen Schauspiels (geeignet für Zuschauer von 14 Jahren an) taugt zwar nicht, jungen Zuschauern den Stoff so zu erschließen, dass sie bei entsprechenden Deutsch-Hausarbeiten mit „Gut“ oder gar „Sehr gut“ abschneiden werden, aber die Sache hat Witz und Charme und, ja, auch: Kraft. Nur fünf Darsteller (Sebastian Kaufmane als Karl, Oscar Olivo als Franz, Thomas Mehlhorn als der alte Moor, Juliane Fisch als Amalia, Dominik Maringer als Spiegelberg) braucht Ruth Messing, um den ganzen Räuberstoff zu erzählen.

Jeder spielt mehrere Rollen, und jeder ist körperlich ganz schön gefordert. Der Stummfilmästhetik entsprechend ist vieles mit breitem Pinsel gemalt. Die Kostüme (von Theresa Klement) wirken historisch (und ein bisschen karnevalesk) und passen in ihrer zurückhaltenden Farbgebung gut zur Schwarz-Weiß-Filmästhetik. Ein drehbarer Kubus in der Mitte der Bühne (Andrea Wagner) ermöglicht schnelle Szenenwechsel und dient als Leinwand für Textprojektionen und für einige schöne Schattenspiele. Wie bei der Betrachtung eines trickreich konstruierten Maschinchens staunt man darüber, wie schön das alles funktioniert und wie genau die Räuberhandlung nacherzählt wird.

Für die Kunst in all der Kunstfertigkeit sorgt ein Außenstehender: der Musiker und Geräuschemacher Martin Engelbach. Er sitzt ein bisschen abseits des Spielgeschehens und unterlegt den Theaterstummfilm mit den passenden Klängen und Geräuschen. Ganz wunderbar zirpt und knirscht und tutet und fiept es aus seiner Soundstation. Engelbach ist ein Virtuose der Alltags- wie auch der Gefühlsklänge. Vor allem seinem Einsatz ist es zu verdanken, dass diese Schillerverweigerung eine so charmante ist.

Der Applaus (begeistert, von Bravorufen durchsetzt) setzte wie so oft ohne jede Verzögerung ein: keine Stille, keine Spannung.

Mit Worten*

Pfui! Pfui über das schlappe Kastratenjahrhundert, zu nichts nütze, als die Taten der Vorzeit wiederzukäuen und die Helden des Altertums mit Kommentationen zu schinden und zu verhunzen mit Trauerspielen.
Karl Moor

Das Gesetz hat noch keinen großen Mann gebildet, aber die Freiheit brütet Kolosse und Extremitäten aus.
Karl Moor

Darum lass ich mir’s auch nicht bange sein, wenn’s aufs Äußerste kommt. Der Mut wächst mit der Gefahr; die Kraft erhebt sich im Drang.
Spiegelberg

Sterben ist etwas mehr als ein Harlekinssprung, und Todesangst ist ärger als Sterben.
Roller

Ha! ich will ihnen mit meinen Fangern den Bauch schlitzen, dass ihnen die Kutteln schuhlang herausplatzen! - Führ uns an, Hauptmann! Wir folgen dir in den Rachen des Todes.
Schweizer

Wurm, du, befehlen? mir befehlen? – und wenn man den Befehl mit Hohnlachen zurückschickt?
Amalia

Es wird alles zugrund gehen. Warum soll dem Menschen das gelingen, was er von der Ameise hat, wenn ihm das fehlschlägt, was ihn den Göttern gleich macht?
Karl Moor

Denk, ich rate dir als ein Vater – lern erst die Tiefe des Abgrunds kennen, eh du hineinspringst!
Karl Moor

Blut! war mein erster Gedanke, Blut! Mein letzter.
Kosinsky

Es kommt alles nur darauf an, wie man davon denkt, und der ist ein Narr, der wider seine Vorteile denkt.
Franz Moor

Oh ich Ungeheuer von einem Toren – voll Liebe sein Vaterherz – oh Schelmerei, Schelmerei! Es hätte mich einen Fußfall gekostet, es hätte mich eine Träne gekostet – oh ich blöder, blöder, blöder Tor.
Karl Moor

Aber wofür der heiße Hunger nach Glückseligkeit? Wofür das Ideal einer unerreichbaren Vollkommenheit?
Karl Moor

Zeit und Ewigkeit – gekettet aneinander durch ein einzig Moment.
Karl Moor

Die Gesetze der Welt sind Würfelspiel worden, das Band der Natur ist entzwei, die alte Zwietracht ist los, der Sohn hat seinen Vater erschlagen.
Karl Moor

Reißt sie von meinem Halse! Tötet sie! Tötet ihn! mich! euch! alles! Die ganze Welt geh zugrunde!
Karl Moor

Das Erbarmen ist zu den Bären geflohen – ich töte dich nicht!
Karl Moor

… dem Mann kann geholfen werden.
Karl Moor

* Kleine Nachreichung einiger auf der Bühne nicht gesprochener Sätze

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