Volltextsuche über das Angebot:

7 ° / 2 ° wolkig

Navigation:
City of Music: Was ändert die Auszeichnung?

Unesco-Titel City of Music: Was ändert die Auszeichnung?

Es ist eine große Sache. Vielleicht sind deshalb so viele davon enttäuscht. Seit fast zwei Jahren ist Hannover eine Unesco City of Music, und noch immer hält sich die allgemeine Begeisterung darüber in überschaubaren Grenzen. Wie kann es nach der Auszeichnung weitergehen?

Voriger Artikel
Theatermann Frank Castorf erhält Nestroy-Preis
Nächster Artikel
Fremd und vernetzt

Ein Konzert vor dem Rathaus feiert Hannover als Unesco City of Music.

Quelle: Behrens

Hannover. Eine Auszeichnung der Vereinten Nationen kann mit einigem Recht erhebliche Erwartungen wecken: In letzter Konsequenz geht es dabei, wie immer bei dieser Organisation, um einen Beitrag zum Weltfrieden. Da wirkt es schon ein bisschen klein, wenn Musiker aus anderen Ländern am Rande des Maschseefestes unter einem Schild mit dem Unesco-Logo auftreten. Das also soll die City of Music sein? 

Die Antwort ist so klar wie fast alles, was mit der Auszeichnung zu tun hat. Sie lautet ja und nein. Denn jeder Ton, der derzeit in Hannover erklingt, jedes Konzert, jede Jam-Session, jede Schlagerparade hat mit Musik und so irgendwie auch mit einer City of Music zu tun. Und doch ist es nie das Ganze, sondern immer nur ein kleiner Teil von etwas noch undefiniert Größerem.

Die Stadt hat immerhin schon ein Wort dafür erfunden: Auf der Website, auf der sich die City of Music wortreich zu erklären versucht, heißt jetzt alles, was klingt oder zum Klingen gebracht werden kann, „Music“. Im fröhlichen Sprachenmix kann man sich dort über „Music Bildung“ und „Music Wirtschaft“ informieren. Denn nicht nur das Maschseefest, bei dem es ja durchaus nicht nur um Konzerte geht, gehört zur „Music Stadt“, auch Instrumentenbauer und Künstleragenturen, Veranstaltungstechniker und Toningenieure sind dabei. Ganz zu schweigen von den Chören und Orchestern der Stadt, den Bläserklassen und der Musikhochschule. Hier kann sich beinahe jeder wiederfinden. Und damit auch wieder keiner. Denn was genau hat all dies vielfältige Treiben mit einem Unesco-Titel zu tun?

Eine City of Music ist kein Weltkulturerbe. Hier geht es nicht darum, etwas Außergewöhnliches für die Nachwelt zu bewahren. Das Ziel ist vielmehr im Gegenteil, etwas Neues aufzubauen. Nicht ohne Grund sucht man Städte wie Wien und Nashville vergeblich in der Liste der Music-Cities. Wer so offensichtlich schon eng mit Musik verbunden ist, scheint sich nicht für die Auszeichnung zu interessieren. Hannover dagegen ist keine Musikstadt – der Titel steht dafür, dass es eine werden möchte.

Zu diesem Wunsch kann man verschiedene bequeme Positionen einnehmen: Man kann ihn überflüssig finden; man kann daraus konkrete Ansprüche ableiten und beispielsweise verlangen, dass das eigene musikalische Tun stärker wertgeschätzt und besser gefördert wird. Einen Weg zu suchen, der irgendwann zur Erfüllung dieses Wunsches führen könnte, ist dagegen die bei Weitem unbequemste Variante.

Nach der ersten Euphorie über die Titelvergabe dürfte inzwischen deutlich geworden sein, dass ein einziger großer Wurf nicht reicht. Der Glanz, den die vielen prominenten Botschafter der hannoverschen Bewerbung von den Scorpions bis zu Ingo Metzmacher auf die Stadt geworfen haben, ist schnell verblasst. Wer wirklich etwas erreichen will, muss viel Geduld haben. Und seine Ansprüche herunterschrauben.

Die Stadt hat längst begonnen, die Pflöcke auf einem mühsamen und unspektakulären Weg zum Ziel eingeschlagen: Es gibt beispielsweise bereits eine aktive Zusammenarbeit mit anderen Cities of Music: vor allem mit Tongyeong in Südkorea und Hamamatsu in Japan, wo ein ähnlicher Wille zum Glück zu beobachten ist wie in Hannover. Außerdem hat sich außerhalb der Musikszene ein potenter Verein gegründet, der das allgemeine Verständnis für den Wert des Titels fördern will. Im November veranstaltet er deshalb erstmals ein Benefizkonzert im Peppermint-Park, bei dem ein City-of-Music-Preis für Nachwuchsmusiker vergeben wird. Im kommenden Jahr soll der Rahmen dann größer werden: Geplant ist eine Gala im Kuppelsaal.

Für heute hat Hannovers Kulturdezernent Harald Härke zum ersten Mal seit der Bewerbung vor zwei Jahren alle Akteure des städtischen Musiklebens eingeladen, um die City of Music wieder zu einem gemeinsamen Gesprächsthema zu machen. Ihm sei vor allem wichtig, „Menschen mit dem Gefühl zu verbinden, Unesco City of Music zu sein“, sagt er. Ginge es nach Härke, hinge längst in jedem Club und jedem Konzertsaal ein Schild mit dem entsprechenden Logo.

Das erscheint eigentlich nicht als ein sehr großer Wunsch. Und doch rückt er die Möglichkeit in Sicht, dass man die große Vielfalt des hannoverschen Musiklebens einmal als Einheit begreifen könnte, als wahrnehmbare Stimme im Konzert der übrigen Musikstädte dieser Welt.

Mag sein, dass dann auch die Kulturwirtschaft prosperiert, wie manche Titel-Befürworter es hoffen. Mag sein, dass die Arbeitsbedingungen für Musiker sich weiter verbessern, und dass es noch mehr noch interessantere Musik zu hören gibt. Vielleicht passiert das alles aber auch nicht.

In jedem Fall wäre Hannover aber eine Stadt, in der die Musik eine wichtige Rolle spielt und viele Teile der Gesellschaft gemeinsam berührt. Es wäre eine bessere Stadt. Auch wenn das nur ein Gefühl ist.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur
NDR Sachbuchpreis 2016

Bruno Preisendörfer hat den NDR-Sachbuchpreis 2016 für sein Werk "Als unser Deutsch erfunden wurde" erhalten.