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Wer wird Kulturhauptstadt 2025?

Hannover und Hildesheim Wer wird Kulturhauptstadt 2025?

Hannover und Hildesheim wollen beide Kulturhauptstadt werden. In Hildesheim machen die Bürger Werbung für das Projekt. In Hannover wird eine „interne Lenkungsgruppe“ installiert – von Begeisterung der Stadtgesellschaft ist allerdings (noch) eher wenig zu spüren.

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Die weiteren Aussichten: Wolfgang Schneider, Direktor des Instituts für Kulturpolitik der Universität Hildesheim, blickt aus dem Fenster seines Büros.

Quelle: Isa Lange

Hannover/Hildesheim. „Gib Hildesheim Deine Stimme!“, fordert der Verein „Hildesheim blüht auf!“ auf der Internetseite hi2025.de. Viele Hildesheimer haben das schon getan und werben mit ihrem Bild und knackigen Sätzen dafür, dass Hildesheim Europäische Kulturhauptstadt 2025 wird. Denn dann wird wieder eine deutsche Stadt den Titel Kulturhauptstadt tragen können. Erstaunlich viele Städte wollen sich bewerben, darunter Halle, Dresden, Magdeburg, Chemnitz und Nürnberg.

In Hildesheim treibt man die Bewerbung selbstbewusst und mit Leidenschaft voran. Im April hat sich der Stadtrat geschlossen für die Bewerbung ausgesprochen. Zuvor hat der „Freundeskreis 2025“, eine Initiative interessierter Bürger, mit Kulturschaffenden, Kirchen, Ehrenbürgern und anderen wichtigen Institutionen und Bürgern der Stadt über die Bewerbung gesprochen. Die Zustimmung war groß. Im Juli muss noch der Kreistag über die Bewerbung entscheiden. Auch da ist mit großer Zustimmung zu rechnen.

Auf der Seite von „Hildesheim blüht auf!“ schreibt ein junger Mann forsch: „Hildesheim ist bereits jetzt die ,heimliche’ Kulturhauptstadt Niedersachsens.“

Und in Hannover? Da passiert auch einiges im Vorfeld der Bewerbung – von Begeisterung der Stadtgesellschaft ist allerdings (noch) eher wenig zu spüren. Mitte Mai haben sich Oberbürgermeister Stefan Schostok, einige Dezernenten und Führungskräfte aus der Verwaltung in einer zweitägigen Klausur über die Möglichkeiten einer Bewerbung beraten. Die Idee, dass die Stadt 25 Jahre nach der Expo wieder eine Großveranstaltung stemmt, kommt bei der Verwaltungsspitze gut an. Aber auch beim Bürger? Man weiß es nicht und plant erst mal eine repräsentative Umfrage. Um die Bewerbung voranzubringen, wird eine „interne Lenkungsgruppe Kulturhauptstadt“ geschaffen, die einen Zeitplan aufstellt und die nächsten Schritte festlegt.

2019 muss die Bewerbung zur niedersächsischen Vorauswahl eingereicht werden. Dass sich Hildesheim und Hannover gemeinsam bewerben, ist laut Satzung der Kommission ausgeschlossen.

Interview: „Es geht nicht darum, wer zuerst am Start ist“

Wolfgang Schneider ist Direktor des Instituts für Kulturpolitik der Universität Hildesheim.

Herr Professor Schneider, am 22. und 23. Juni veranstalten Sie das Kulturhauptstadtsforum in Hildesheim. Was versprechen Sie sich davon?

Für uns ist die Europäische Kulturhauptstadt ein interessanter Forschungsgegenstand. Das Instrument Europäische Kulturhauptstadt, das die EU 1985 begründet hat, war einmal sehr prestigeträchtig. Zuerst haben sich die Hauptstädte beworben, dann dümpelte es eine Zeit lang dahin, selbst 1999 in Weimar blieb es - abgesehen von der Stadtsanierung - ohne nachhaltige Wirkung. Bei der Bewerbung des Ruhrgebiets 2010 aber gab es einen Paradigmenwechsel. Seitdem ging es nicht nur darum, Programme zu entwickeln, die vielleicht ein Jahr lang Aufmerksamkeit erzeugen, sondern die Initiative als integralen Bestandteil von Kulturentwicklung zu sehen.

Die Städte sind doch Konkurrenten im Rennen, Kulturhauptstadt 2025 zu werden. Glauben Sie, dass alle Vertreter bei dem Forum ihre Karten offen auf den Tisch legen?

Sicher, es handelt sich auch um einen Wettbewerb der Konzepte, und da ist wirklich die Frage, wie offen die Städte mit ihren Konzepten umgehen. Ich gehe davon aus, dass die Vertreter der Städte das Interesse haben, darüber zu sprechen, was sie verbindet. Einerseits ist es natürlich ein Wettbewerb, andererseits ist es aber auch ein Austausch von Ideen.

Was wollen Sie mit den Gästen aus den Bewerberstädten diskutieren?

Wir haben drei wichtige Themen identifiziert: Nachhaltigkeit, Partizipation und europäische Kooperation. Früher war die Kulturhauptstadt eine Veranstaltung, die sehr auf Repräsentation angelegt war. Mehr und mehr sind die europäischen Kulturhauptstädte aber auch zu Thinktanks geworden, in denen man darüber nachgedacht hat, wie viel Europa eigentlich in den Städten angekommen ist. Im Bewerbungsprozess wird man dann beobachten, wie die Städte diese Themen aufgreifen: als einmaliges Event oder im Sinne einer nachhaltigen, strukturellen Entwicklung.

Sie klingen wie ein glühender Verehrer der Idee der Kulturhauptstadt. Haben Sie eigentlich auch Zweifel an dem Wettbewerb?

Ich habe große Zweifel. Ich weiß doch, dass Kultur nach wie vor von vielen Politikern nur als freiwillige Leistung angesehen wird. Was ja eine irrsinnige Annahme ist. Anspruch und Wirklichkeit klaffen hier oft sehr auseinander. Manchmal wird einfach nur ein kulturelles Feuerwerk abgebrannt. Langfristig sinnvolle Projekte sind nicht die Regel.

Ihre Empfehlungen an die Besucher des Forums werden also lauten: Brennt keine Feuerwerke ab, setzt auf Nachhaltigkeit?

Ja. Es geht nicht um den schönen Schein. Europäische Kulturhauptstadt zu sein bedeutet nicht, ein verkapptes Festival zu veranstalten.

Warum veranstalten Sie das Forum für die Bewerberstädte in Hildesheim?

Weil Hildesheim Sitz des Instituts für Kulturpolitik ist.

Aber Hildesheim gehört auch selbst zum Kreis der Bewerber.

Das ist richtig. Aber kein Problem. Im Übrigen werden wir Anfang des kommenden Jahres in Kassel ein weiteres Forum veranstalten.

Hannover und Hildesheim wollen sich beide darum bewerben, 2025 Europäische Kulturhauptstadt zu werden. Sehen Sie da Unterschiede in der Leidenschaft, die Bewerbung anzugehen?

Der Prozess der Bewerbung ist in Hildesheim weiter fortgeschritten als in Hannover. Aber es geht nicht darum, wer zuerst am Start ist. Wichtiger ist, dass man weiß, was man mit solch einer Bewerbung eigentlich will. Es geht nicht nur darum, eine Stabsstelle im Kulturdezernat einzurichten. Viel wichtiger ist es, neue Beteiligungsformate zu entwickeln und sich zu überlegen, wie man die bestehenden Kultureinrichtungen mitnehmen kann. Längst überfällig ist es zum Beispiel, die Soziokultur neu zu denken.

Eine gemeinsame Bewerbung von Hildesheim und Hannover ist nicht möglich. Wie können sich die beiden Städte doch gegenseitig unterstützen?

Die Richtlinien sagen eindeutig, dass sich nur einzelne Städte bewerben dürfen. Die Stadt, die gewählt wird, kann dann natürlich ihr Umland in das Projekt Kulturhauptstadt mit einbringen.

Hat Hildesheim überhaupt Chancen gegen Hannover?

Ja, sicher. Vor allem, wenn sich die Stadt weiterbewegt. Eine wichtige Rolle könnten auch die ausgewanderten Kulturwissenschaftler der Stadt spielen. Die sitzen in der ganzen Republik an den Schalthebeln und beschäftigen sich mit spannenden kulturellen Projekten. Wenn man dieses Potenzial für die Bewerbung nutzen könnte, wäre viel gewonnen.

Das klingt jetzt aber nach Vetternwirtschaft und Klüngelei.

Nein. Es ist ganz legitim, dieses Potenzial und diese Erfahrungen zu nutzen. Andere kaufen eben teure Beratungsagenturen ein.

Interview: Ronald Meyer-Arlt

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