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Hannovers Raubmörder Hanebuth und sein sagenhafter Nachruhm

Roman Hannovers Raubmörder Hanebuth und sein sagenhafter Nachruhm

Ein Roman erinnert an den 1653 hingerichteten Jasper Hanebuth – der Raubmörder war eine der unheimlichsten Gestalten in Hannovers Historie.

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Am Leineufer zwischen Marstallbrücke und Beginenturm erinnert der Hanebuthgang an den legendären Verbrecher (19 Morde, zehn Raubüberfälle). Durch den Tunnel soll er unerkannt in die Stadt gekommen sein. Doch wohin der Gang führte, weiß man nicht. Er wurde zugeschüttet.

Quelle: Stefan Arend

Es wurde ja nicht einfach so drauflosgefoltert im hannoverschen Rathauskeller. Man verfuhr ganz penibel nach den Regeln der „Hochnothpeinlichen Halsgerichtsordnung“, um den mutmaßlichen Pferdedieb zum Sprechen zu bringen. Der Rat hatte eigens eine Art juristisches Gutachten bei der Uni Rinteln in Auftrag gegeben, das die Tortur befürwortete. Und so zeigte am 16. Dezember 1652, frühmorgens um 3.30 Uhr, der Scharfrichter diesem Jasper Hanebuth die Instrumente. Er legte die Beinschelle an und „schrob etwas zu“, aber nur „also, daß es zu verantworten sei“. Und prompt fing der Delinquent an zu reden. Er hörte gar nicht mehr auf zu gestehen. Hanebuth beichtete 14 Pferdediebstähle und 19 Morde, fast alle verübt während der letzten Jahre des großen, des Dreißigjährigen Krieges (1618–1648).

Jetzt, mehr als 350 Jahre nach seiner Hinrichtung, feiert Hanebuth eine Wiederauferstehung als düsterer Romanheld: Die Autorin Bettina Szrama hat ihn in den Mittelpunkt ihres Historienschmökers „Die Konkubine des Mörders“ (Gmeiner Verlag, 320 Seiten, 12,90 Euro) gestellt. Die bayerische Bauerntochter Marie muss darin mit ansehen, wie ihre Familie bei einem Überfall auf ihren Hof brutal getötet wird. Auf ihrer Flucht schließt sie sich dem Reitersoldaten Hanebuth an, der sich bald als ruchloser Schurke entpuppt. Dennoch folgt sie ihm in seine hannoversche Heimat.

Manche Wendungen sind etwas konstruiert, doch der Roman bietet viel hannoversches Lokalkolorit: Der „Zollturm Sturendieb“ kommt ebenso vor wie die Fuhrmannsschänke „Zum weißen Kreuz“, Hanebuths Räubergesindel säuft „Broyhan“ und treibt sich bevorzugt zwischen den Dörfern List und Bothfeld herum. Derweil ist der Tod allgegenwärtig: Ständig wird gemordet, niedergebrannt und vergewaltigt. Szrama schildert Hanebuth als Ausgeburt einer vom Krieg verrohten Zeit. Und dieser Blick auf den Raubmörder hat eine gewisse Tradition.

„Es sträubt sich die Feder, die Gräuel und den Jammer zu schildern“, notierte der Historiker August Jugler, als er 1879 Hanebuth und seine Zeit beschrieb. Marodierende Soldateska zog damals brandschatzend übers Land, verwüstete ganze Dörfer. Verzweifelte Bauern schlossen sich ihrerseits zu Räuberbanden zusammen – ein Kreislauf aus Gewalt und Gegengewalt, aus dem an Ende niemand unschuldig hervorging. „In den Nachbardörfern verwesten an der Heerstraße der Erschlagenen Leichen, wenn nicht Wölfe oder sonstiges Unthier sie verzehrten“, schrieb Jugler schaudernd.

Der historisch verbürgte Hanebuth, getauft 1607 in Bothfeld, ist geradezu eine Schlüsselfigur für diese Zeit. Sein Vater hatte einen Hof am heutigen Groß-Buchholzer Kirchweg 72, er selbst diente mal als Söldner in schwedischen Diensten, mal beim Rat von Hildesheim. Man weiß nicht viel über ihn und seine Untaten. Die ganze Figur ist wie etwas Böses, das im Nebel der Geschichte nur noch schemenhaft zu erkennen ist. Doch befreit man sie von allem Sagenhaften, das sich im Laufe der Jahrhunderte über sie gelegt hat, stößt man auf die Geschichte eines monströsen Kriminalfalls, der wie sonst nur der Fall Haarmann ein eigenes Kapitel in Hannovers Kriminalgeschichte beanspruchen kann.

Seine Mordserie begann wohl, nachdem im Krieg Hanebuths Haus in Buchholz abgebrannt war. Um zu Geld zu kommen, tötete er bei Bothfeld einen Marketenderjungen mit einem Kopfschuss. Mit zwei Kameraden warf er die Leiche in den Graben, drei Pferde nahmen sie dem Jungen ab. Bei alledem sang Hanebuth frohgemut ein Kirchenlied: „Greif an das Werk mit Freuden, wozu mich Gott beschieden in meinem Amt und Stand“.

Moderne Profiler hätten es schwer gehabt, ihm auf die Spur zu kommen, denn seine Taten folgten keinem Muster, sieht man einmal davon ab, dass er alle Leichen unbestattet liegen ließ. Mal mordete er allein, mal mit wechselnden Kameraden. Oft saß er in Wirtshäusern, zechend und würfelnd, um Reisende zu belauschen, denen er später auflauerte.

Mal erwischte es einen kaiserlichen Musketier, mal erschossen sie einen schwedischen Reiter im Bothfelder Moor, um ihm 50 Taler abzunehmen. Beim Dorf List töteten sie 1641 einen Marketender und dessen Sohn. Dorfbewohner hörten die Schüsse, griffen aber nicht ein. Den Jungen fraßen die Hunde. Die Beute wurde teils in einem Räuberlager im Unterholz vor dem Aegidientor versteckt.

Mit Teufelszauber, so glaubten die Bauern, sollte Hanebuth seinen Leib gegen Gewehrkugeln gefeit haben. Dennoch wagte der Wirt Curd Medefeld es schließlich, ihn nach einem Pferdediebstahl anzuzeigen. Hanebuth hatte den Wirt einige Zeit zuvor brutal zusammengeschlagen und gezwungen, sein eigenes Blut, vermischt mit Broyhan, zu trinken. Von seiner Generalbeichte im Folterkeller wurde ein interessantes Detail überliefert: Hanebuth gab an, eine Bäuerin aus List sei schuld an allem Unglück, denn ihr hätte er als Junge einst zu Willen sein müssen – ein Hinweis auf einen sexuellen Missbrauch also, der Psychologen heute womöglich einen Orientierungspunkt in den Abgründen seiner Seele bieten könnte.

Damals jedoch machte man kurzen Prozess – und so blieb vieles an dem rätselhaften Fall ungeklärt: Warum hatte es zuvor nie Ermittlungen wegen der Morde gegeben? Und warum ließen sich auch nach dem Geständnis in den Dörfern teils keine Spuren der Leichen mehr finden? Hatte Hanebuth gelogen? Die Rintelner Juristen empfahlen, ihm nochmals mit Folter zu drohen, um die Ungereimtheiten aufzuklären, doch er blieb bei seiner Selbstbelastung. Er bat vor Heiligabend nur darum, mit einem Prediger sprechen zu dürfen. Auch sein Wunsch nach einem paar Socken gegen die Kälte im Kerker wurde erfüllt.

Am 4. Februar 1653 bewegte sich dann ein bizarrer Zug zum Steintor hinaus. Vorweg die Bauermeister, zu Pferde der Stadthauptmann, hinter dem armen Sünder Hanebuth dann die Pastoren und Stadtknechte. Eine große Portion Wein hatte man Hanebuth auf seinem letzten Gang mitgegeben, unterwegs trank er reichlich. An der Richtstätte wurde er dann gerädert: Man zerstieß seine Knochen mit einem schweren Rad, die Gliedmaßen wurden durch die Speichen geflochten. „Gnade, bin verführt ...“ waren seine letzten Worte.

Sensibilität um Straßennamen

Was Straßennamen anbelangt, herrscht in Hannover heute eine gewisse Sensibilität: Haben Menschen für sie Pate gestanden, die „aktive Unterstützer eines Unrechtsregimes“ oder kriminell waren, droht die Umbenennung. Noch 1967 war man da weniger zimperlich: Damals benannte der Rat eine Straße nach dem Raubmörder, den Hanebuthwinkel am Nordrand der Eilenriede.

Überhaupt lebte der Hingerichtete in der kollektiven Erinnerung der Stadt teils als eher pittoreske Sagengestalt fort. Als eine Art Robin Hood, der seine Beute gerne mit armen Bauern geteilt haben soll, was historisch jedoch nicht verbürgt ist. So erinnerte am Zooeingang einst „Hanebuths Block“ an den Verbrecher. Hier, an einer Steinbank, die im Krieg zerstört wurde, sollte er einst seinen Opfern aufgelauert haben. Eine Geschichte, die für wohliges Gruseln sorgte, dabei war der Stein wohl als Teil einer Schlagbaumanlage erst lange nach Hanebuths Zeiten aufgestellt worden. Auch „Hanebuths Gang“ am Leineufer hat mit dem Verbrecher nichts zu tun; dass hier sein geheimes Beutelager war, gehört ins Reich der Legenden. Vielmehr handelt es sich um den Rest eines deutlich älteren Durchgangs unter der Stadtmauer.

Authentisch hingegen ist ein Grabstein der Familie Hanebuth in der Bothfelder Nikolaikirche: Der Leibnizhausbildhauer Peter Köster hatte ihn einst für die Familie von Hinrich Hanebuth, Jaspers Bruder, geschaffen. Und unter dem Familiennamen Hanebuth finden sich in Hannovers Telefonbuch noch heute Dutzende Einträge.be

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