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Der Tanz des Tramps

Hannovers Staatsballett Der Tanz des Tramps

Hannovers Staatsballett beherrscht jede dieser Disziplinen. Das stellte es jetzt eindrucksvoll in „Chaplin“, eine Choreografie von Leipzigs Ballettdirektor Mario Schröder. Die Karten für die Gastspiele der Ostertanztage am Donnerstag und Sonnabend sind bereits ausverkauft.

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Für Schröder hat der Tramp durchaus feminine Züge und strahlt eine gewisse Verletzlichkeit aus.

Quelle: Archiv

Hannover. Nichts ist unmöglich für dieses 
Ensemble: Synchroner Musicaltanz, klassisch angehauchte Duette, Breakdance-Elemente, Spitzen-Solo, Akrobatik, Pantomime, Slapstick – Hannovers Staatsballett beherrscht jede dieser Disziplinen. Das stellte es jetzt eindrucksvoll in Mario Schröders „Chaplin“ unter Beweis.

Schon nach der vierten von insgesamt 16 Szenen applaudiert das Publikum im ausverkauften Opernhaus kräftig. So viel spontane Begeisterung gleich zu Beginn eines Tanzstücks ist selten. Zumal mit Mario Schröder ein Gastchoreograf am Werk war, dessen Bewegungssprache sich deutlich von Hannovers Ballettchef Jörg Mannes unterscheidet. Während dieser eher die luftige Schönheit des neoklassischen Balletts pflegt, steht Schröder für temporeiche, stark vom Ausdruckstanz geprägte Arbeiten. Mit „Chaplin“ reüssierte er 2010 als Ballettdirektor in Leipzig. Zum ersten Mal hat er sein Erfolgsstück nun zur Einstudierung an eine fremde Compagnie vergeben – und war nach der hannoverschen Premiere zum Auftakt der Ostertanztage in der Oper selbst sichtlich begeistert von dieser Entscheidung.

Mit Bravour haben Hannovers Tänzer die Herausforderung gemeistert, sich in relativ kurzer Zeit auf eine fremde Tanzsprache einzulassen, eineinhalb Stunden ohne Pause ein enorm hohes Tempo zu halten und nicht nur tänzerisch, sondern auch schauspielerisch das Bestmögliche aus sich heraus zu holen. In den Hauptrollen glänzten die Solisten Denis Piza und Catherine Franco, was jedoch trotz ihrer Stellung als herausragende Tänzer im Ensemble keine Selbstverständlichkeit ist. Die zierliche Franco, die in Mannes‘ Handlungsballetten stets die weibliche Hauptrolle übernimmt, schlüpft in „Chaplin“ in die Rolle des Tramps, Charlie Chaplins Kunstfigur, mit der er Hollywood einst eroberte.

Nicht das technisch ausgefeilte Können einer Ballerina ist hier gefragt, sondern die Reduzierung auf die chaplinschen „Bewegungsunikate“, wie Schröder den typischen Auswärts-Gang oder das Wackeln mit dem Kopf bezeichnet. Franco beherrscht nicht nur den Watschelgang, die slapstickhaften Stolpereinlagen und das Schwingen des Rohrstöckchens vorzüglich, sondern stellt auch gekonnt Chaplins tragikomische Miene zur Schau – kleine Frau ganz groß.

Für Schröder, der nach eigener Aussage schon als Kind großer Chaplin-Fan war, hat der Tramp durchaus feminine Züge und strahlt eine gewisse Verletzlichkeit aus. Aus diesen Gründen hat er die Rolle bewusst mit einer Tänzerin besetzt. Ginge es nur um das drollige Gebaren, den komödiantischen Ausdruck, wäre sicher auch der auf lustige Nebenfiguren spezialisierte Pantelis Zikas eine Alternative gewesen. Zikas bleibt immerhin ein großer und ebenfalls mit viel Beifall bedachter Moment als „Der große Diktator“, der zu einem lächerlichen Zwerg schrumpft.

Schröder spielt auf solche Kinoerfolge an, ohne Szenen zu kopieren. Chaplins Filmgeschichte vermengt er geschickt mit Hinweisen auf historische Ereignisse wie die Weltkriege sowie biografische Fakten und übersetzt alles in seine eigene, kraftvolle Tanzsprache. Bühneneffekte mit Licht und Projektionen (Peter Hörtner und Paul Zoller) dosiert er so sparsam und geschickt, dass sie den Tänzern nicht die Show stehlen.

Das Pendant zum Tramp ist der Mensch hinter der Kunstfigur. Denis Piza, sonst auf die Rolle des romantischen Helden oder feurigen Liebhabers abonniert, gibt überzeugend den sensiblen und gleichzeitig höchst perfektionistischen Geschäftsmann, Regisseur und Frauenhelden Charles Spencer Chaplin, der sich aus ärmsten Londoner Verhältnissen hochgearbeitet hat und am Ende mit Amerika und seiner Traumfabrik bricht. Es ist eine berührende Schlussszene, als Chaplin den Tramp buchstäblich hinter sich lässt und, getrieben von den Kommunistenhetzern der McCarthy-Ära, nach Europa zurückkehrt.

Das Stück, mit dem Schröder beispielhaft den Aufstieg und Fall eines Künstlers nachzeichnet, wird untermalt mit Musik vom Band. Neben Brahms, Britton, Wagner und anderen sind auch Kompositionen von Chaplin selbst, wie etwa die Musik aus „Modern Times“, zu hören. Die Melodien geraten schnell wieder in Vergessenheit. Im Kopf aber bleiben, einem Stummfilm gleich, die Bilder eines wunderbar tänzelnden Clowns mit filigranen Bewegungen und todtraurigen Augen. Ovationen im Stehen.

Chaplin

Wieder am 23. April und 3. Mai, jeweils 
um 19.30 Uhr.

Kartentelefon: 
(0511) 99  99 11 11.

Die Karten für die weiteren Gastspiele der Ostertanztage am Donnerstag und am Sonnabend sind ausverkauft.

Kerstin Hergt

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