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Kultur „Hannovers schönstes U-Boot": Schauspielhaus wird 20
Nachrichten Kultur „Hannovers schönstes U-Boot": Schauspielhaus wird 20
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21:16 25.11.2012
Von Ronald Meyer-Arlt
 „Weißer Riese" oder „Hallenbad" wurde das Schauspielhaus nach der Eröffnung fast liebevoll genannt. Heute ist das Theaterhaus eine Institution. Quelle: Archiv
Hannover

Die Städtischen Bühnen wurden im Krieg zerstört, danach gab es Schauspielaufführungen vornehmlich im Ballhof. Für größere Produktionen zog man ins Opernhaus.

Das reichte vielen Bürgern nicht. Sie wollten ein eigenes Schauspielhaus. Am 1. Dezember 1966 wurde die „Gesellschaft der Freunde des hannoverschen Schauspielhauses“ gegründet, die sich intensiv für einen Neubau einsetzte. Das Ziel des Freundeskreises ist längst erreicht, aber die Gesellschaft der Freunde gibt es immer noch. Sie agiert nun als „kritischer, aber treuer Freund und Begleiter des Schauspiels Hannover“. Mittlerweile sind die Schauspielfreunde die älteste Bürgerinitiative Hannovers. Ein Tagesordnungspunkt der nächsten Vorstandssitzung am 13. Dezember werden die Planungen für das Jubiläumsfest zum 50. Geburtstag 2016 sein.

Geplant wurde der Neubau eines Schauspielhauses in Hannover schon sehr früh. Bereits 1958 gab es dazu einen Ratsbeschluss. Aber Planung und Finanzierung zogen sich hin. 1988 wurde das Architektenbüro Paillard, Leemann und Partner aus Zürich beauftragt, ein Theater für Hannover zu entwerfen. 64 Millionen Mark wurden dann für das Haus an der Prinzenstraße verbaut. Claude Paillard hatte zuvor bereits andere Theaterbauten entworfen: In Zürich hatte er das Opernhaus erneuert und ihm einen Anbau verpasst, in St. Gallen hatte er das Stadttheater entworfen – „eine eindrückliche Betonplastik“, so urteilte die „Neue Zürcher Zeitung“ in ihrem Nachruf auf den im Jahr 2004 verstorbenen Architekten. Paillards Anbau des Züricher Opernhauses erhielt wegen des rosa gefärbten Betons von der Bevölkerung einen wenig schmeichelhaften Namen: „Fleischkäse“. So nennt man das Haus auch heute noch.

Hannovers Schauspielhaus kam in dieser Hinsicht vergleichsweise glimpflich davon. „Weißer Riese“ wurde der Kasten genannt oder „Hallenbad“ oder auch: „Hannovers schönstes U-Boot“. Das sind eher Kosenamen, nach harscher Architektenkritik klingen sie nicht.
Die zur Eröffnung angereisten Kritiker – es waren viele; mehr als 60 zählte der HAZ-Reporter – bewerteten nicht nur die ersten Inszenierungen, sondern auch die Architektur. Die „Süddeutsche Zeitung“ schrieb: „Außen erinnert das Haus an die Mehrzweckhallen der Pariser Vorstädte, an die klotzigen Maisons de la Culture von Bobigny, Aubervilliers und Gennevilliers; innen an ein Krankenhaus. Das Foyer ist groß, dreigeschossig und sehr weiß, sehr aseptisch und sehr karg. Am Fußbodenbelag wurde ebenso gespart wie an den Garderoben, doch alles lässt sich schnell mit Sagrotan säubern.“

Und Benjamin Henrichs, damals Theaterkritiker der Wochenzeitung „Die Zeit“, meinte: „Von außen (mit seinen kahlen, weißen Wänden und seinen Bullaugenfensterchen) ist das Theater ein dynamischer Kompromiß zwischen Kaufhaus-Wucht und Dampfer-Romantik. Sein Inneres wiederum betritt man durch eine abschreckende Garderoben- und Toilettenzone (mit vielen hundert senfgelben Kleiderschränken), steigt dann hinauf in ein klobiges, mehrstöckiges Foyer – und fühlt sich sogleich gewärmt vom herben Zauber einer städtischen Badeanstalt.“

Einig indes war man sich darin, dass in dem Haus gut Theater gespielt werden kann. „Aber immerhin“, hieß es in der „Zeit“: „Auf der Bühne kann man offenkundig Theater spielen und (vom magisch dunkelgrünen) Zuschauerraum aus dem Theaterspiel ungestört folgen – das ist mehr als bei Theaterneubauten Durchschnitt und Brauch.“

Zum ersten Premierenwochenende waren alle wichtigen Theaterkritiker Deutschlands angereist, aber die Rezensenten aus München waren besonders gut vertreten. Denn das neue Haus wurde von einem Intendanten eröffnet, der schon auf dem Sprung war. Eberhard Witt war zu der Zeit designierter Intendant des Bayerischen Staatsschauspiels, es war schon ausgemacht, dass Thomas Reichert, Matthias Fontheim und Matthias Hartmann, die Regisseure des hannoverschen Eröffnungsreigens, bei ihm in München inszenieren würden.

Das Publikum hat das Haus übrigens schon ein paar Wochen vor den ersten Premieren erobert. Anfang November 1992 gab es eine Eröffnungsfeier mit einem Gastspiel des Frankfurter Varietétheaters Tigerpalast. Höhepunkt war der Auftritt eines Seelöwen namens Adolph, der sich auch zu einem Kommentar zur kulturpolitischen Situation des Landes hinreißen ließ: „Uurrrg!“

Der HAZ-Kritiker schloss seinen Bericht über diese Veranstaltung mit den Worten „„Hannovers schönstes U-Boot ist endlich vom Stapel gelaufen. Und es ist schöner als sein Ruf.“

Am Dienstag, 27. November, will das Ensemble im Anschluss an „Endstation Sehnsucht“ mit dem Publikum auf „20 Jahre Schauspielhaus“ anstoßen.

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