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Kultur Hans Neuenfels schreibt im „Bastardbuch“ über sein Leben
Nachrichten Kultur Hans Neuenfels schreibt im „Bastardbuch“ über sein Leben
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19:37 21.08.2011
Von Rainer Wagner
„Ein Bastard mit Zukunft“: Regisseur Neuenfels 1984 bei Dreharbeiten für „Heinrich Penthesilea von Kleist“. Quelle: dpa (Archivbild)

Wenn man 70 Jahre alt geworden ist, kann man mit gutem Grund auf sein Leben zurückblicken (Popstars und Sportler machen das auch ohne Grund schon mit 20). Vor allem, wenn es ein bewegtes Leben voller Leistungen gewesen ist – und wenn eine nicht geringe Leistung darin besteht, dass man diesen Geburtstag überhaupt erlebt. Denn der Mann, um den es hier geht, raucht zu viel, er trinkt zu viel, er reibt sich auf, es treibt ihn um. Als Regisseur Hans Neuenfels vor einem Jahr bei der Pressekonferenz der Bayreuther Festspiele erklärte, er würde, wenn man ihn fragte, schon einen der vier Teile des Jubiläums-„Rings“ 2013 inszenieren, meinte ein Journalist, der promovierter Arzt ist, „das erlebt der nicht“. Aber Neuenfels hat schon anderes überlebt: vor fünf Jahren etwa eine Thrombose und eine Lungenembolie.

Am 31. Mai ist Multitalent Neuenfels 70 Jahre alt geworden, heute erscheint sein Lebensrückblick, der im Untertitel „autobiografische Stationen“ ankündigt, aber doch viel mehr ist. Nur die Frage, warum es ausgerechnet ein „Bastardbuch“ sein soll, beantwortet Neuenfels trotz vieler Anläufe nie ganz zwingend. Geboren wurde er jedenfalls in gutbürgerlichen Verhältnissen: Der Vater Oberregierungsrat (aber dennoch nie in der Partei), die Mutter Abiturientin mit großem Latinum. Später sollten sich die humanistischen Sprachgrenzen allerdings als Barriere für den Sohn erweisen, weshalb Neuenfels nur in deutschsprachigen Ländern (ein Paris-Abstecher mal übersehen) gearbeitet hat.

Der Bastard steht für den Unbehausten, den Einsamen, den nur selten Gestreichelten. Konterkariert wird das allerdings dadurch, dass Neuenfels nicht nur stolzer Vater und Großvater ist, sondern dass dieser Lebensroman als Zettelkastenernte eine große Liebeserklärung an seine Frau Elisabeth Trissenaar ist. Fast 50 Jahre sind sie nun zusammen, mit Höhen und Tiefen, die er nicht verschweigt, aber mehr andeutet als ausmalt: „Beide wissen wir nicht und werden es nie mehr wissen, ob es der größte Fluch oder das größte Glück ist, wobei ich sage, es ist beides für mich und vor allem darüber hinaus, es ist mein Leben.“

Kennengelernt hat Neuenfels die Nachwuchsschauspielerin Elisabeth Trissenaar, die später seine Muse und sein Star werden sollte, am Max-Reinhardt-Seminar in Wien. Begonnen hat der Theater-, Film- und Opernregisseur Neuenfels als Schauspieler. Als er nach der bestandenen Aufnahmeprüfung sagte, er würde gerne auch Regie studieren, antwortete ihm sein Prüfer, der Schauspieler und Regisseur Otto Schenk, sanft: „Das wird sich weisen, junger Mann.“

Es sollte sich weisen. Hans Neuenfels wurde einer der auf- und anregendsten (Musik-)Theaterregisseure der letzten vier Jahrzehnte: immer gut für einen Streit. Doch wenn man jetzt mit ihm zurückblickt, bleibt amüsierte Verwunderung etwa über einen Skandal, der keiner war: Weil Neuenfels in seiner Inszenierung von Edward Albees „Alles im Garten“ am Stuttgarter Staatsschauspiel die Schauspielerin Hannelore Hoger bei einem Dialog mit ihrem Partner Peter Roggisch auf eine Toilette setzen wollte, verbot der zuständige Theaterverlag die Aufführung. Neuenfels hatte Text, Personen und Handlung nicht angetastet. Und er betont in diesem Zusammenhang, dass er es „als Regisseur, Zuschauer und Zuhörer gleichermaßen ablehne“, wenn Theatertexte zu reinen Spielvorlagen werden, „durchsetzt mit Texten verschiedenster Autoren oder mit einer umgestalteten Sprache, die den Originaltext ‚aktualisieren‘ oder ‚nahezubringen‘ versucht“.

Neuenfels war ein erfolgreicher, wenn auch umstrittener Schauspielregisseur, aber nie ein Revoluzzer, im Gegenteil, er galt der dogmatischen Linken als zu bürgerlich. Was ihn nicht hinderte, am umstrittenen Mitbestimmungsmodell in Frankfurt am Main mitzuwirken.

Noch prägender für das Neuenfels-Bild war seine erste Operninszenierung 1974: Verdis „Troubadour“ in Nürnberg (also Jahre vor dem Frankfurter „Aida“-Skandal). Wer diesen „Troubadour“ miterlebt hat, der hat die traumwahnhaften Bilder noch vor Augen. Das war eine neue Erfahrung, ein psychoanalytisch grundiertes Bilderrätsel, ein (so der junge Musikkritiker) Opernabend, „den man gesehen haben sollte, wenn man das Wort Musik-Theater ernst nimmt“.

Es sollte nicht der letzte Aufruhr bleiben, den Neuenfels in den Opernhäusern entfachte. Aber sein autobiografischer Rückblick ist nicht bloße Kriegsberichterstattung, er ist auch Glaubensbekenntnis für die Sache, die Kunst – und die Musik. Man erfährt zwar auch Anekdotisches etwa über die drei Ohrfeigen, die er in seiner Berufslaufbahn einstecken musste, und über die Ohrfeige, die sein damaliger Dramaturg Gérard Mortier in Frankfurt einem widerborstigen Chorleiter verpasste (wie denn überhaupt oft der Chor störrischer war als der Gesangsstar).

Aber noch wichtiger ist, was Neuenfels zu den Werken, zu seinen Annäherungen zu sagen hat. Auch wenn nicht alle Bilderrätsel erklärt werden: seine Vorliebe für Jünglinge, Hunde und Engel – und für Doppelungen. Neuenfels hat nie eine Psychotherapie gemacht („Es ist weder Scham noch Angst, sondern die Gewissheit, dass ich sonst das Spiel verliere oder das qualvolle Aushalten von Situationen falsch beende“), aber er imaginiert in seinem Buch eine Selbstdiagnose.

Neuenfels ist erstaunlich loyal selbst zu Freunden und Kollegen, die ihn enttäuschten. Und er ist auch gnadenlos ehrlich zu sich selbst, wenn er über seinen Alkoholkonsum schreibt: „Wobei ich nie einen Hehl daraus gemacht habe, und es auch nie hätte können, da es öffentlich geschah, wie gefährdet ich selbst war und bin.“ Und er resümiert: „Zugegeben, das ist eine Balance, eine Grätsche, ein Tanz auf der heißen Herdplatte.“

Natürlich ist dies auch ein Buch für die Theatergeschichte, das sich aber gottlob nicht von Inszenierung zu Inszenierung hangelt. Den Konflikt mit der Berliner Opernintendantin Kirsten Harms etwa, die 2006 überängstlich Neuenfels’ religionskritischen Schluss seiner „Idomeneo“-Inszenierung kupieren wollte, fertigt er kurz, aber deutlich ab.

Je später es wird in diesem Lebensabend, desto konzentrierter ist der Text. Der Schluss gilt, natürlich, seiner Frau: „Ich sehe Elisabeth am Fenster. Sie schaut in den Abend. Ob sie mich sieht? Solange wir uns noch sehen, bin ich ein Bastard mit Zukunft.“

Hans Neuenfels: „Das Bastardbuch. Autobiografische Stationen“. Edition Elke Heidenreich bei C. Bertelsmann. 250 Seiten, 16 Seiten Bildteil. 19,95 Euro.

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