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Kerkelings tragikomische Memoiren

Schreiben statt Bühne Kerkelings tragikomische Memoiren

„Dieses Buch widme ich meiner Mutter Margret“, schreibt Hape Kerkeling in seiner Autobiografie, die gerade zum Bestseller wird. Interviews des Entertainers lösen zwiespältige Gefühle aus.

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Exemplare der Autobiografie "Der Junge muss an die frische Luft" von Hape Kerkeling.

Quelle: dpa

Berlin . Er mache sich nicht rar, um begehrter zu sein, sagte Hape Kerkeling in einem dpa-Interview im März zu seinen seltener gewordenen Auftritten. „Ich mache mich rar, weil ich mich rarmachen will.“ Vor einem halben Jahr wollte der Entertainer, der am 9. Dezember 50 wird, sein Schlageralbum „Ich lasse mir das Singen nicht verbieten“ promoten. Jetzt, Anfang Oktober, zum Erscheinen seiner Autobiografie „Der Junge muss an die frische Luft. Meine Kindheit und ich“, gab Kerkeling erneut wirkungsvoll die Interview-Zurückhaltung auf.

Die Medienoffensive schlägt sich bereits nach wenigen Tagen in den Verkaufszahlen nieder, wie ein Blick auf die Bestseller-Listen von „Focus“ (von null auf Platz zwei), „Spiegel“ (null auf vier) oder Amazon zeigt. Viele loben das pathetische Buch für dessen unvergleichlichen Hape-Sound. Der Entertainer ist ein Meister darin, persönlich und philosophisch zu schreiben, und dennoch gar nicht allzu viel von sich preiszugeben.
In den Memoiren erzählt er viel aus seiner dramatischen Kindheit im Ruhrgebiet, schwärmt von seinen prägenden Omas und der bunten Verwandtschaft, schildert, wie er seinen Schulfreund und späteren „Hurz!“-Partner Achim Hagemann kennenlernt und als Erwachsener bewegende Begegnungen mit kranken Kindern oder dem Dalai Lama hat.

Das Buch wird sich wohl hunderttausendfach verkaufen. Fast fünf Millionen verkaufte Exemplare - wie bei dem Jakobsweg-Bericht „Ich bin dann mal weg“ (2006), der als das erfolgreichste deutsche Sachbuch der Nachkriegszeit gilt - sind aber eher unwahrscheinlich.

Den Aufschlag für den neuen Buch-Erfolg besorgte der „Stern“. Das Magazin zeigte auf dem Titel der Ausgabe vom 2. Oktober einen ernst blickenden Kerkeling mit Krähenfüßen um die Augen. Das dazugehörige Gespräch („Das Drama meines Lebens - Hape Kerkeling spricht erstmals über den frühen Freitod seiner Mutter und seine unbekannten Seiten“) führte der Journalist und Fernsehproduzent Gero von Boehm. Mit ihm drehte Kerkeling die vor drei Jahren ausgestrahlte ZDF-Dokureihe „Unterwegs in der Weltgeschichte“. Den Suizid von Kerkelings Mutter Margret im Jahr 1973 griff auch die „Bild“-Zeitung direkt groß auf.

In der ARD-Talkshow „Menschen bei Maischberger“ vom 7. Oktober redete Kerkeling - etwas widerwillig, aber doch offen - erneut über das Erlebte: „Dass es so einen Presseaufschlag gibt - das mag vielleicht kokett klingen - das hab ich nicht erwartet...“

Bei „FAZ.net“ kommentierte der TV-Experte Stefan Niggemeier: „Die Frage hätte man ihm schon gerne gestellt, wie er denn nicht damit rechnen konnte, dass dieses ungeheure Erlebnis in seiner Kindheit nicht zu den größten Schlagzeilen führen könnte...“

Der „Bild“-Zeitung vom 11. Oktober sagte Kerkeling: „Ich hatte das Gefühl, dass ich den Menschen, meinen Fans, die Wahrheit schuldig bin. Dass sie erfahren, dass ich nicht immer ein Sonntagskind war. Ich finde, man schreibt eine Autobiografie ganz und gar oder man lässt es bleiben. Ich habe mich für ganz und gar entschieden.“

Bei Maischberger hatte er auch gesagt, dass es Betroffenen guttun könne, wenn ein Promi eine solche Erfahrung öffentlich mache. Das habe ihm selbst das Beispiel der Moderatorin Sonya Kraus vor ein paar Jahren gezeigt, die im TV über den Tod ihres Vaters geredet habe.

Eines wurde in den vergangenen Tagen sehr deutlich: Kerkelings Abschied von der Showbühne scheint endgültig. Der Entertainer sucht stattdessen mehr und mehr die Rolle des Doyens der TV-Nation und des nachdenklichen Schriftstellers. Privat ist Kerkeling, der nun in Berlin statt früher Düsseldorf lebt, viel in Italien. Das Land nannte er im „Stern“ „eine unbelastete Zweitheimat“. Viele Fans, die seinem Kult-Journalisten Horst Schlämmer hinterhertrauern, würden das wahrscheinlich auch so machen, wenn sie die Mittel dazu hätten.

Fazit: Aus dem früheren Konsens-Kerkeling wird zunehmend ein Ex-Fernsehstar, der seine Ruhe will und nur noch macht, was er wirklich möchte. Ein Mann mit Ecken und Kanten, der im Alter auch offensiver mit seiner Homosexualität und dem Anderssein umgeht.

„Seitdem ich denken kann, denke ich schwul“, heißt es im Buch. Den Satz erläuterte er im „Stern“ wie folgt: „Eine „Schaffe, schaffe, Häusle baue!“-Mentalität ist mir jedenfalls nicht zu eigen. Haus, Frau, Hund und zwei Kinder?! Das war nie mein Lebensentwurf. Nicht, dass er schlecht wäre, aber er ist nicht meiner.“

dpa

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