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Kann gemeinsames Essen die Demokratie retten, Herr Welzer?

„Offene Gesellschaft“ Kann gemeinsames Essen die Demokratie retten, Herr Welzer?

Am Sonnabend trifft sich die „Offene Gesellschaft“ zum Bürgerpicknick auf dem Opernplatz in Hannover. Initiator Harald Welzer erklärt im Interview, warum das so nötig ist.

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„Nirgendwo ist die Bewegung so vielfältig wie in Hannover“: Prof. Harald Welzer hat Die Offene Gesellschaft mitinitiiert.

Quelle: imago

Herr Prof. Welzer, für Sonnabend lädt die Initiative Die Offene Gesellschaft zum Bürgerpicknick auf den Opernplatz ein. Kann gemeinsames Essen die Demokratie retten?

Die Demokratie braucht nicht gerettet zu werden. Wir haben eine sehr große demokratische Mehrheit in Deutschland. Aber wir erleben seit dem vergangenen Jahr das Phänomen einer Hysterisierung von Diskussionen. Es ist erschreckend, wie wütend, wie hasserfüllt manche Debatten geführt werden. Dem wollen wir etwas entgegensetzen. Wir kommen zusammen, um uns dem Eindruck entgegenzustellen, die offene Gesellschaft sei vielen Menschen nichts mehr wert.

Aber ist es wirklich nur ein Eindruck? Oder hat sich nicht wirklich etwas geändert im öffentlichen Diskurs?

In der Realität hat sich wenig geändert. Aus wissenschaftlicher Sicht ist etwa ein Fünftel der Gesellschaft latent vorurteilsbehaftet, zum Teil antisemitisch und rassistisch. Zwei Faktoren aber sind neu. Mit dem Aufleben der AfD hat diese Gruppe plötzlich eine Stimme bekommen, und die Direktmedien, über die jeder seine krude Meinungen und angebliche Fakten in einen großen Kreis publizieren kann, haben diese Wahrnehmung verstärkt. Perfide war dann, wie viele Medienunternehmen das aufgegriffen haben. Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung zum Beispiel hat aus quasi jeder ideologischen SMS immer gleich einen Aufmacher fabriziert. Dadurch ist ein schiefes Bild entstanden, als ob die Mehrheit der Bevölkerung unsere offene Gesellschaftsform in Zweifel ziehe. Daraus ist bei mir und einigen Freunden die Idee entstanden, zu zeigen, dass die Mehrheit hinter der Demokratie steht. Es darf nur eben keine schweigende Mehrheit sein.

Bei einer Veranstaltung des hannoverschen Freundeskreises im März sagten Sie, Sie hätten sich nie vorstellen können, dass die Demokratie derart unter Druck gerät.

Wie viele andere Mitteleuropäer hatte ich immer damit gerechnet, dass andere Gesellschaften weltweit sich auch in Richtung einer größeren Offenheit entwickeln würden. Und jetzt erleben wir nicht nur antidemokratische Bewegungen in den USA und der Türkei, sondern haben diese Bewegungen auch mitten in Europa. In Deutschland hat die Flüchtlingsbewegung die Demokratie einer echten Stresssituation unterzogen. Aber ich habe damals auch das gesagt: Offene Gesellschaften geraten nicht in Gefahr, weil sie zu viele Feinde haben, sondern weil sie zu wenige Freunde haben, die sich zu ihr bekennen. Denn die Fakten sprechen gegen die Hysterie. Die aktuelle Shell-Jugendstudie hat gezeigt, dass die Angst vor Zuwanderung so gering ist wie noch nie.

Inzwischen scheint aber ein Riss durch die Gesellschaft zu gehen. Zwischen den Zweiflern und den Befürwortern einer offenen Gesellschaft scheint oft kaum noch ein Diskurs möglich zu sein.

Bei Menschen, die sich Argumenten verweigern, bin ich radikal. Von diesem „auf Augenhöhe begegnen“, der Habermas´schen Theorie des herrschaftsfreien Diskurses halte ich da nichts. Ein Fünftel der Gesellschaft ist einfach nicht zu überzeugen. Wir wissen ja, das die Angst vor Muslimen dort am größten ist, wo die wenigsten Muslime leben. Nur dort aber können auch die Vorurteile weiterleben. Müssten sie sich an der Realität messen, würden die Leute feststellen, dass man sehr gut mit Muslimen in der Nachbarschaft leben kann.

Aber soll man deshalb nicht mehr miteinander sprechen?

Doch, natürlich. Aber nicht mit allen. Mit Demokraten, egal welcher politischen Couleur, macht das immer Sinn. Und genau dieses miteinander Sprechen ist ja die Idee des Projekts der Offenen Gesellschaft. In Hannover hat das übrigens vorbildlich funktioniert. Nirgendwo bundesweit gibt es so vielfältige Aktivitäten und ein so großes öffentliches Echo wie in Ihrer Stadt.

Was bleibt denn nach der Bundestagswahl von der Bewegung?

Erstmal ist es klasse, dass es diese neue Politisierung gegeben hat im vergangenen Jahr. Das Klima hat sich pro Demokratie verändert. Das war ja nicht nur unser Projekt der Offenen Gesellschaft, es gab auch Bewegungen wie die „Pulse of Europe“-Versammlungen oder auch die massenweisen Eintritte in Parteien. Ich persönlich denke, wir sollten uns künftig der Frage zuwenden, was wir in dieser Gesellschaft verändern wollen. Wir sind ja immer alle sehr Statusquo-verliebt, erforderlich sind aber Debatten darüber, wie wir diese Gesellschaft sozialökologisch umbauen wollen. Fest steht für mich: Wir sollten bei analogen Formen bleiben. Je mehr die digitale Kommunikation voranschreitet, desto mehr sollten lebendige Diskussionen von Angesicht zu Angesicht geführt werden.

Interview: Conrad von Meding

Zur Person

Harald Welzer (58) hat als Professor der Sozialpsychologie lange in Hannover gelehrt. Der gebürtige Bissendorfer lebt jetzt in Potsdam. Die Offene Gesellschaft ist ein Projekt, mit dem bundesweit lokale Bündnisse Flagge gegen wachsenden Populismus und Ausgrenzung zeigen. Am Sonnabend gibt es 330 Aktionen – das Picknick auf Hannovers Opernplatz ist die größte. Von 12 bis 17 Uhr kann jeder eigenes Essen mitbringen und mitspeisen.

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