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Harpprecht spricht über Kirche im Nationalsozialismus

Interview Harpprecht spricht über Kirche im Nationalsozialismus

Klaus Harpprecht, einer der wichtigsten Intellektuellen der Bundesrepublik, redet jetzt im Kloster Loccum über "Kirche in der NS-Zeit". Im Interview spricht der 86-Jährige vorab über Widerstand gegen die Nazis und Zivilcourage von Pastoren.

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Klaus Harpprecht, einer der wichtigsten Intellektuellen der Bundesrepublik

Hannover. Herr Harpprecht, am Sonnabend halten Sie im Kloster Loccum einen Vortrag über „Kloster und Kirche in der NS-Zeit“. Wie fällt Ihre Bilanz aus? Gab es da mehr Licht oder mehr Schatten?

Unterm Strich muss man sagen, dass es zwar große Märtyrer und Widerstandskämpfer in den Reihen der Kirchen gab. Doch als Kollektive haben evangelische und katholische Kirche gegenüber dem totalitären Staat versagt. Insbesondere das Geschick der Juden hat die Kirchen weitgehend gleichgültig gelassen. Es gab vehemente Proteste von Kirchenmännern gegen die Euthanasie-Morde der Nazis, denen sich das Regime beugte. Einen ähnlich eindringlichen Einspruch gegen die Judenvernichtung gab es aber nicht.

Teils beriefen sich Kirchenvertreter nach 1945 darauf, vom Holocaust nichts gewusst zu haben...

Ich selbst bin in einem schwäbischen Pfarrhaus aufgewachsen, und mein Vater erfuhr als Pastor von Massenexekutionen. Soldaten auf Urlaub legten gewissermaßen die Beichte bei ihm ab. So wusste ich schon als 15-jähriger Junge davon. Ein Vetter von mir hielt als Pastor nach der Pogromnnacht eine prophetische Predigt, in der er warnte, dass nach den Synagogen bald das ganze Land brennen werde. Er wurde darauf von den Nazis halb totgeschlagen.

Trotz solch barbarischer Attacken blieben hohe Kirchenmänner wie Hannovers Landesbischof August Mahrahrens gegenüber jeder Form von Widerstand auf Distanz.

Sie verhielten sich systemkonform. Es erwies sich als verhängnisvoll, dass die evangelischen Kirchen seit der Reformation immer im Bündnis mit der Obrigkeit gestanden hatten, die sie schützte. Männer wie Mahrahrens beriefen sich auf den biblischen Römer-Brief, nach dem jeder der Obrigkeit untertan sein solle. Nur wenige stellten wie Dietrich Bonhoeffer das Zitat aus der Apostelgeschichte dagegen, nach dem man Gott mehr gehorchen muss als den Menschen.

Warum brachten Menschen wie Bonhoeffer so viel Zivilcourage auf, dass sie teils als Märtyrer starben?

Sie waren zunächst von Sympathisanten umgeben. Das hilft. Der Pastor Martin Niemöller gründete 1933 mit einigen anderen den Pfarrernotbund gegen die Einführung des Arierparagrafen in der Kirche - und dieser zählte binnen weniger Monate 3000 Mitglieder. Dietrich Bonhoeffer leitete das teils illegale Predigerseminar der Bekennenden Kirche in Finkenwalde bei Stettin, wo er von gleichgesinnten Dozenten und Studenten umgeben war. Es gab einen Kreis von Unterstützern, der diese Menschen trug. Ein Solidaritätsgefühl, das ihre Zivilcourage stärkte.

Dann gab es also sehr wohl kirchlichen Widerstand.

Natürlich, von mutigen einzelnen. Mich beeindruckt besonders Harald Poelchau, der Gefängnispfarrer in Berlin-Tegel war und zu den Widerständlern vom Kreisauer Kreis gehörte. Er betreute kommunistische, sozialdemokratische und konservative Häftlinge - und er half untergetauchten Juden, darunter dem Musiker Konrad Latte, der ein Schulfreund meiner Frau war. Poelchau ging mit großer moralischer Konsequenz immense Risiken ein. Ich habe eine Biografie über ihn geschrieben, doch vielen ist er heute gar nicht bekannt. Vielleicht bereitete er nach dem Krieg anderen Pastoren ein schlechtes Gewissen - er hatte schließlich vorgelebt, was möglich war, wenn man nur wollte.

Interview: Simon Benne

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