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Hat Hannover das Zeug zu Europas Kulturhauptstadt?

Mögliche Bewerbung Hat Hannover das Zeug zu Europas Kulturhauptstadt?

Was wäre Hannover ohne seine Kultur? Die Staatsoper wagt aufsehenerregende Inszenierungen, die Kunstfestspiele sind ein Besuchermagnet, Museen und Musiker arbeiten hervorragend zusammen und die freie Szene mischt auch kräftig mit. Ganz klar: Hannover könnte problemlos europäische Kulturhauptstadt sein. Aber soll Hannover auch?

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Quelle: HAZ/M

"Hallo, Hannover!!!" Das wird in diesem Jahr ein paarmal zu hören sein. Und zwar sehr, sehr laut. Robbie Williams kommt, Helene Fischer kommt, Bryan Adams kommt, Zucchero, Westernhagen, Coldplay, Depeche Mode, Guns n’ Roses, System of a Down – alle treten in Hannover auf, dazu kommen die Plaza-Festivals, bei denen 25.000 Besucher pro Tag feiern werden. Es wird wieder entsetzlich viel los sein in der Stadt.

Robbie Williams kommt, Helene Fischer kommt, Bryan Adams kommt, Zucchero, Westernhagen, Coldplay, Depeche Mode, Guns n’ Roses, System of a Down – alle treten in Hannover auf, dazu kommen die Plaza-Festivals, bei denen 25.000 Besucher pro Tag feiern werden.

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Hannover ist ein guter Ort für große (Pop-)Konzerte und überhaupt eine anerkannte Musikstadt: Seit 2014 darf sich Hannover sogar Unesco City of Music nennen. So sehr viel merkt der Bürger davon freilich nicht. Helene Fischer würde sicher auch in Hannover auftreten, wenn die Stadt nicht gerade City of Music wäre. Und auch in den vielen kleineren Clubs der Stadt (die wie das Musikzentrum oder das Lux ein exzellentes Programm bieten) wäre ohne den City-of-Music-Status der Stadt wohl ganz genauso viel los.

"Hannover spielt eine Rolle"

Sie wirken ein wenig wie Rätselworte – jene Sätze, mit denen die HAZ seit einigen Wochen in der Stadt auf Hannovers Stärken aufmerksam macht. Mit dem Text, den Sie gerade lesen, erklärt Ihnen HAZ-Kulturchef Ronald Meyer-Arlt anhand des Themas "Kulturhauptstadt", was hinter seinem Satz steckt. 

Das Label City of Music hilft

Aber trotzdem ist das Label City of Music nicht schlecht. Es hilft dabei, Ideen zu finden und Projekte voranzubringen. City of Music ist Hannover schon, Kulturhauptstadt könnte Hannover vielleicht werden. Schließlich wird es im Jahr 2025 wieder eine deutsche Kulturhauptstadt für Europa geben. Im Rathaus prüft man, ob eine Bewerbung sinnvoll ist. Die Konkurrenz ist groß: Dresden, Lübeck, Hamburg, Hildesheim, Magdeburg und Kassel schmieden auch Bewerbungspläne.

Aber: Kann Hannover überhaupt Kulturhauptstadt?

Warum eigentlich nicht? Manchmal neigt die Stadt dazu, sich kleiner zu machen, als sie ist. Chancen sind jedenfalls vorhanden. Kurt Schwitters könnte den Weg weisen. Der hat Hannover rückwärts gelesen, übersetzt und wieder in die richtige Reihenfolge gebracht. Herausgekommen ist „Vorwärts nach weit“. Mit diesem Motto hätte die Stadt wohl eine Chance.

Denn Hannover pflegt nicht nur alte Kulturschätze, verwaltet nicht nur alte Schönheit. In und um Hannover entsteht auch viel Neues. Ambient Entertainment etwa produziert international bekannte Animationsfilme, Sennheiser arbeitet an der Technik von Klangerlebnissen der Zukunft, die Musikhochschule bildet die Virtuosen aus, die uns demnächst begeistern werden.

Stichwort: Kulturhauptstadt

Seit 1985 wählt die EU jedes Jahr mindestens eine Stadt für zwölf Monate als „Kulturhauptstadt“ aus. Das Programm geht auf die Initiative der früheren griechischen Kulturministerin Melina Mercouri zurück. Deutschland hat sich bisher mit Berlin (1988), Weimar (1999) sowie der Region Essen/Ruhrgebiet (2010) beteiligt. 2025 ist das Land wieder an der Reihe. Nach einer nationalen Vorauswahl entscheidet eine internationale Jury über den Titel. In diesem Jahr sind das dänische Aarhus und Paphos auf Zypern die Kulturhauptstädte Europas. 

Die Stadt hat eine lebendige Poetry-Slam-Szene (im Oktober finden hier die deutschsprachigen Meisterschaften im Poetry-Slam statt), sie hat starke Initiativen wie den Literarischen Salon, den Technik-Salon, das Up-and-Coming-Filmfestival, den Jazz-Club und richtig viele großartige Chöre.

Man muss Kulturhauptstadt nur wollen. Das Zeug dazu hätte Hannover. Natürlich spricht auch vieles dagegen, vor allem die Frage, ob solch ein Titel überhaupt irgendeinen Sinn hat, außer den, ein paar Touristen in die Stadt zu schleusen.

Ein wichtiger Effekt solch einer Bewerbung wäre freilich, dass dadurch auch das Miteinander der einzelnen Institutionen in der Stadt verbessert werden würde. Das funktioniert in Hannover ohnehin schon ziemlich gut. Es gibt nicht viele Städte, in denen sich Museen und Kunstvereine zusammentun, um eine gemeinsame Ausstellung zu präsentieren. Im Juni 2017 wird es in Hannover die dritte Ausgabe von „Made in Germany“ geben. Dann soll der Kreis der beteiligten Häuser – Kunstverein, Sprengel-Museum und Kestnergesellschaft – sogar noch ein wenig erweitert werden. Auch das Klassik-Open-Air zeigt, dass viel Gutes passieren kann, wenn man sich zusammentut – wie es in diesem Fall die Stadt und die NDR-Radiophilharmonie getan haben.

Kunstvolle Bilder: Die Werkstatt für Photografie im Sprengel-Museum.

Quelle: Wilde

Kooperation klappt gut in Hannover – das hilft der Kunst in der Stadt. Im vergangenen Sommer war der Zauber des Miteinander bei den Kunstfestspielen Herrenhausen zu erleben. Arnold Schönbergs „Gurre-Lieder“ sind ein musikalisches Großereignis, das den Rahmen sprengt: Fünf Gesangssolisten, einen Sprecher, mehrere Chöre und einen riesenhaften Orchesterapparat braucht man dafür. Ingo Metzmacher, Intendant der Kunstfestspiele, hat die „Gurre-Lieder“ mit großem Erfolg vor 3000 Zuschauern im Kuppelsaal dirigiert. Etwa 500 Mitwirkende standen auf der Bühne, neun Chöre (Mädchenchor und Knabenchor, Bach-, Brahms- und Figuralchor, die Cappella St. Crucis und das Junge Vokalensemble, der Kammerchor und das Collegium Vocale) und zwei Orchester der Stadt waren dabei. Da hatte man das geballte Musikschaffen der Stadt auf einer Bühne.

Kultur braucht Paukenschläge

Ingo Metzmacher ist ein kluger Festivalleiter. Er weiß, dass man für Wirbel sorgen muss – auch wenn es um Hochkultur geht. Er weiß, dass ein Festival Höhepunkte braucht, die das Zeug dazu haben, Stadtgespräch zu werden. Mit den „Gurre-Liedern“ ist ihm das sehr gut gelungen, für die nächste Ausgabe der Kunstfestspiele plant er Ähnliches. Da wird es ein großes Konzert im Stöckener Werk von Volkswagen Nutzfahrzeuge geben: Metzmacher wird Heiner Goebbels’ „Surrogate Cities“ dirigieren.

Solche Paukenschläge braucht die Kultur der Stadt. Klein-Klein gibt es ohnehin reichlich. Manchmal muss man mit Aplomb auftreten und ein bisschen Wirbel machen. Auch die Staatsoper Hannover versucht das gelegentlich. Carl Maria von Webers Oper „Der Freischütz“ in der Inszenierung von Kay Voges war so ein Ereignis. Frech, verstörend, unerhört. Im Dezember 2015 hatte die Stadt eine große Operndiskussion. Darf man so mit einem Klassiker umgehen? Die Oper war Stadtgespräch – und auch mal wieder Thema im überregionalen Feuilleton.

Frech, verstörend, unerhört: Die Inszenierung von Carl Maria von Webers „Freischütz“ an der Staatsoper.

Quelle: Staatsoper

Vor Kurzem hat man an der Oper wieder mal einen Paukenschlag versucht. Für Smetanas „Die verkaufte Braut“ hat sich die ganze Oper verkleidet. Alles sieht aus wie die Veranstaltung einer Firma, die sich um die Region kümmert und auch eine elektronische Partnervermittlung im Angebot hat. Regisseur Martin G. Berger hat gigantische Anstrengungen unternommen, Smetanas Oper anders aussehen zu lassen, als man sie so kennt: Bloß keine Dorfidylle! Er hat die Oper auseinandergenommen und eine merkwürdige Unterhaltungsshow zusammengeleimt. Verstört fragte sich mancher Besucher, was der ganze Aufwand eigentlich soll.

Geht es darum, die Aufmerksamkeit des überregionalen Feuilletons zu wecken? Geschenkt. Das guckt sowieso regelmäßig nach Hannover – und „Die verkaufte Braut“ fand kaum mehr Aufmerksamkeit als das, was sonst so in der Oper passiert. Manche Kunstanstrengung scheitert eben. Aber das liegt im Wesen von Kunst. Kunst muss ein Wagnis sein dürfen. Kunst muss mit dem Scheitern rechnen dürfen. Kunst muss das Andere suchen, das Neue, das, was so noch nicht gemacht wurde. Dafür darf sie auch verschwenderisch, verträumt, verspielt und pubertär sein.

Was spricht für die Bewerbung – und was dagegen?

PRO CONTRA
  • Man müsste die Sache mit frischen Ideen angehen. Hannover hat das Zeug dazu.
  • Wieso nicht?
  • Es wäre eine Chance, etwas zu entwickeln, das man sich jetzt noch gar nicht vorstellen kann.
  • Hannover konnte Expo, also kann Hannover auch Kulturhauptstadt.
  • Man sollte für die Kulturhauptstadt-Bewerbung nicht auf das Offensichtliche setzen, sondern auf das Verborgene. Und
  • Hannover hat einige verborgene Talente.
  • Vorwärts nach weit! Wir sollten Schwitters’ Rat ernst nehmen.
  • Wichtig ist die Kunst von morgen.
  • Es hilft der hannoverschen Kulturszene – und die Kulturszene hilft Hannover.
  • In Hannover gibt es viel Kultur – und Touristen können das ruhig wissen.
  • Es gibt doch schon viel zu viele Kulturhauptstädte.
  • Die Konkurrenz ist zu stark. Wie kommt man in Hannover auf die Idee, man könnte gegen Dresden antreten?
  • Noch ein Titel? Warum? Wir kommen ja schon mit der City of Music nicht zurecht.
  • Bringt eh nichts.
  • Andere werden sich lustig machen.
  • Was das kostet! Man muss ein Planungsbüro installieren, das irgendetwas entwirft, was sowieso nicht umgesetzt werden kann.
  • Irgendwann kommt wieder jemand mit Leibniz um die Ecke und in dem Moment ist die Sache eh gestorben.
  • Erinnert sich irgendjemand an Städte, die mal Kulturhauptstädte waren? Eben.
  • Bei der Kulturhauptstadt geht‘s doch nur um Tourismus.

Freie Szene wichtiger Faktor

Kunst und Kultur sind nicht nur dazu da, der Stadt einen Standortvorteil zu liefern, weil ihre Existenz vielleicht ein paar Führungskräfte dazu bringt, es noch ein bisschen länger an diesem Ort auszuhalten. Das ist ohne Frage wichtig, aber Kunst und Kultur sollten nie auf ihren ökonomischen Effekt, auf Kulturwirtschaft reduziert werden. Kultur ist mehr als ein Standortvorteil. Kultur öffnet Horizonte, lehrt Risikobereitschaft, leitet dazu an, die Dinge anders wahrzunehmen und den eigenen Standpunkt zu hinterfragen. Das kostet zwar etwas, aber der Gewinn ist immens – nur lässt er sich meist nicht in Euro und Cent messen.

Im Kunstverein ist die Ausstellung „Returning“ von Susan Philipsz zu sehen. 

Quelle: Ditfurth

Das Öffnen der Horizonte ist in Hannover keine Haupt- und Staatsaktion (auch wenn sich die Schauspielabteilung des Staatstheaters hier sehr engagiert zeigt). Auch die freie Szene mischt kräftig mit. Es ist in Hannover nicht so, dass sich die Kleinen mit Klein-Klein begnügen würden. Im Gegenteil. Die Akteure der freien Kulturszene treten oft erstaunlich selbstbewusst auf. So hat die Theatergruppe Fräulein Wunder AG in ihrer Produktion „Wegefreiheit“ ihre Zuschauer zu einwem fünfeinhalbstündigen Stadtspaziergang eingeladen.

Überhaupt tut sich viel Unerwartetes in der freien Szene. Das Theater Fenster zur Stadt spielt in einem Container auf dem Steintorplatz, das Theater an der Glocksee erfindet sich mit fast jeder Produktion neu, und die Agentur für kreative ZwischenRaumNutzung sucht ungenutzte Räume für diverse temporäre Kulturprojekte. Gerade die kleinen Gruppen gehen in Hannover erstaunliche Wagnisse ein. Sie können ein wichtiger Standortfaktor sein, wenn sich Hannover tatsächlich um den Titel „Kulturhauptstadt“ bewerben sollte.

Was meinen Sie?

Hannovers Kultur ist bunt und vielseitig – doch soll sich die Stadt auch als Kulturhauptstadt Europas bewerben?

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