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Kultur Die Queen des Gangster-Rap
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15:59 22.02.2018
Sängerin mit eigentümlichem Namen: Haiyti. Quelle: Tim Bruening / Universal Music
Hamburg

Ronja Zschoche gibt in der Regel wenig Privates über sich preis. Zwei große Fakten immerhin sind inzwischen bekannt: dass sie die Tochter eines Münchner Musikproduzenten ist und an einer Kunsthochschule studiert. Doch schon beim Alter wird es schwierig: Vermutlich ist sie 23, sicher kann man sich da in Ermangelung einer verlässlichen Geburtsangabe aber nicht sein.

Das unscheinbare „y“ in der Mitte des Namens lässt den Leser stocken

Das Geheimnisvolle, Distanzierte, Ungreifbare liegt also in der Natur dieser Frau, wie auch beim Blick auf ihren Künstlernamen Haiyti ersichtlich wird: Der Name des karibischen Staates impliziert Exotik, das unscheinbare „y“ in der Mitte aber lässt den Leser stocken, nach der rechten Aussprache suchen. So geht Aufmerksamkeitsökonomie anno 2018: minimaler Aufwand, maximaler Effekt. Das gilt auch für Haiytis Musik.

Das erste Album heißt „Montenegro Zero“

Seit 2015 rüttelt sie die deutsche Rap-Landschaft auf. Drei EPs und ebenso viele Mixtapes mit Albumlänge stellte sie in den vergangenen zwei Jahren ins Netz, diverse Festivalauftritte und eine Vertragsunterzeichnung beim Branchenriesen Universal später erblickte nun ihr erstes Album das Licht der Welt, dem sogleich eine große Tour folgt: „Montenegro Zero“.

Der musikalische Sprung darauf erscheint auf den ersten Blick marginal, auf den zweiten jedoch entpuppen sich die zwölf Songs als Perfektionierung ihres unkonventionellen Stils. Sie selbst nennt es „Gangster-Pop“, andere nennen es Trap: Viel Bass, knallende Kicks, scheppernde Hi-Hat-Kaskaden, eine düstere Tonkulisse aus synthetischen Klängen und durch den Stimmverzerrer gejagte Stimmen, die simple Texte ins Mikrofon säuseln. Zeitgenössischer Gangster-Rap aus den Südstaaten der USA.

In ihrer Jugend lagen Armut und Dekadenz vor ihrer Haustür

Diese düstere Atmosphäre dominierte vor allem in Haiytis Frühwerk. Aufgewachsen im Hamburger Arbeiterviertel Langenhorn – zwischen Containerdörfern auf der einen und Villen auf der anderen Seite – lagen prekäre Armut und dekadenter Wohlstand gleichsam vor ihrer Haustür. Ihr Stammplatz war der Park hinter der Roten Flora. Anfangs inszenierte sie sich als Mädchen aus dem Viertel, Drogendealerin, Gangster- und Szeneprinzessin, rappte über Amphetamin, Hehlerware und ihr exzessives Nachtleben.

Später kamen emotionalere Facetten hinzu – es menschelte allmählich unter der Oberfläche. Mit „Montenegro Zero“ hat ihr Image den Sprung vom Crime-Life zum High-Life gemacht: Statt in den dreckigen Gassen St. Paulis posiert sie nun mit Jacht, Edel-Mafiosi und Luxus-Autos. Das Spiel mit Gangster-Rap-Ikonografien beherrscht sie perfekt. Ihre Geschichten sind Fiktion, ohne unauthentisch zu klingen. „Das Echte, verwandelt in Übertreibung. Das ist mein Lifestyle“, sagt sie selbst.

Im Vergleich mit anderen Rappern, die mit anspruchsvollen Reimschemata und um die Ecke geschriebenen Wortspielen protzen, wirken Haiytis Texte ungekünstelt, strotzen – ähnlich wie beim Genre-Primus Haftbefehl – vor Szene-Jargon und verbalen Iterationen, die sich in den Gehörgang brennen. Haiytis authentische Simplizität bringt frischen Wind in die Szene. Früher schrieb sie einen kompletten Song nach eigener Aussage in weniger als 15 Minuten. „Das Album hingegen waren für mich drei intensive Wochen Arbeit“, verriet sie kürzlich in einem ihrer raren Interviews.

Bei ihren Kiezgeschichten kommt es aber auch weniger auf den Inhalt an. Die Faszination an Haiyti resultiert vielmehr aus der hypnotischen Atmosphäre ihrer Musik: Die Mantra-artigen Refrains, die dahintrottenden Instrumentale, die krächzende Stimme, die von langen Nächten auf dem Kiez und starkem Tabakkonsum zeugt.

Ohnehin sieht man Haiyti in ihren Videos selten ohne Rauchware oder Alkohol in der Hand. Schrille Outfits und Frisuren komplettieren das Erscheinungsbild. Der ideale Soundtrack für eine durchzechte Nacht im Szeneviertel der Wahl.

Dabei schwingt stets eine gewisse Punk-Attitüde mit – auch in ihrer Vermarktung. Keine Marketing-Gags, keine durchkonzipierte Promophase begleiten ihre Veröffentlichungen. Die werden stattdessen einfach ins Netz gestellt, über soziale Netzwerke und eigenwillige Do-it-yourself-Videos beworben: Gedreht mit dem Handy, authentischen Statisten aus dem Viertel und mit simplen Spezial-Effekten veredelt. „Ich kann mich überhaupt nicht verkaufen“, behauptet sie.

Bei der großen Plattenfirma sind zumindest die Videos professioneller geworden, ihren musikalischen Stil aber hat Haiyti nicht nur beibehalten, sondern auf die Spitze getrieben: Auf „Montenegro Zero“ laufen die Erzählstränge ihrer bisherigen Karriere endgültig zusammen. Emotionale Balladen („Gold“, „American Dream“) treffen auf Tanzhallenkracher („Berghain“, „Bahama Mama“) und typische Gangstergeschichten („Kate Moss“, „Haubi“).

Die Verkörperung von Dualitäten, die man nur bei Ausnahmekünstlern findet: Rap und Pop, Gangster und Girlie, Akademie und Straßenecke, Künstlichkeit und Authentizität, Stiltreue und stete Weiterentwicklung. Haiyti ist der Wind der Freigeistigkeit, den Deutschrap zuletzt mit Marteria und Casper bekam – und den er längst wieder nötig hatte.

Von Christian Neffe/RND

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