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Kultur Holocaust als „Selbstvernichtung der Juden“
Nachrichten Kultur Holocaust als „Selbstvernichtung der Juden“
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00:17 13.02.2015
Von Johanna Di Blasi
Schon die Herausgabe von Heideggers „Schwarzen Heften“ aus den Jahren 1931 bis 1941 löste international ein geistiges Beben aus. Quelle: Archiv
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Man könne gar nicht anders, als „Heideggerianer“ zu sein, sagte der französische Philosoph Alain Finkielkraut im Januar in Paris bei der Expertentagung „Heidegger und die Juden“. Inzwischen dürfte das Bekenntnis zu dem deutschen Denker noch schwieriger geworden sein.

Bereits die Herausgabe von Heideggers „Schwarzen Heften“ aus den Jahren 1931 bis 1941, philosophischen Gedankennotizen, deren posthume Veröffentlichung Heidegger verfügte, löste international ein geistiges Beben aus. Erstmals ließ sich nicht mehr bestreiten, dass einer der einflussreichsten und bedeutendsten Philosophen des 20. Jahrhunderts einen philosophischen Antisemitismus vertrat. Noch Brisanteres aber bergen die „Schwarzen Hefte 1942–1948“, die laut Ankündigung des Klostermann-Verlags im März erscheinen.

Nun hat die italienische Philosophin und Heidegger-Expertin Donatella Di Cesare, Verfasserin des Buches „Heidegger und die Juden“ und stellvertretende Vorsitzende der Martin-Heidegger-Gesellschaft, im italienischen „Corriere della Sera“ bisher unbekannte Passagen aus diesen Heften veröffentlicht und kommentiert. Sie werden ohne Zweifel eine zweite Welle der Diskussionen über Heidegger auslösen.

Der deutsche Philosoph zieht hier die Konsequenzen seiner Gedanken, die er bereits zuvor entwickelt hat: Die Juden waren für ihn Agenten einer von ihm bekämpften Modernität. Sie hätten den abendländischen Geist unterminiert und sich einer technologischen Beschleunigung verschrieben. Nur die Deutschen, referiert Di Cesare Heideggers Gedanken, hätten die zerstörerischen Effekte der Technik eindämmen können. Daher sei der planetarische Konflikt zu einem Krieg zwischen Deutschen und Juden angewachsen.
Im Jahr 1942 schreibt Heidegger: „Die Judenschaft ist im Zeitraum des christlichen Abendlandes, d. h. der Metaphysik, das Prinzip der Zerstörung.“ Die Schoah habe, so Di Cesare, bei Heidegger eine entscheidende Rolle in der Seinsgeschichte. Sie stelle in seiner Logik die „höchste Erfüllung der Technik“ dar, habe alles „vernutzt“ und sich dann gegen sich selbst gewendet.

Die Vernichtung der Juden repräsentiere damit einen apokalyptischen Höhepunkt, in dem das Zerstörerische sich selbst zu zerstören beginnt. Als „Selbstvernichtung der Juden“ mache die Schoah gleichzeitig eine „Reinigung des Seins“ möglich. Di Cesare: „Der Jude ist das Ende und muss einfach enden, nur so kann ein ‚anderer Anfang‘ auftauchen und eine europäische Morgenröte erscheinen lassen.“

Öffentliche Aussagen zur Schoah sparte Heidegger nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges weitgehend aus, in den tagebuchartigen „Schwarzen Heften“ aber bezog er Stellung. Er kommentierte Flugzettel der Alliierten, auf denen Fotos befreiter KZ-Insassen mit der Aufschrift versehen sind: „Diese Schandtaten: Eure Schuld!“ Heidegger meint dazu: Wäre das Unverständnis des deutschen Schicksals nicht vielleicht eine noch wesentlichere „Schuld“, deren Ungeheuerlichkeit gar nicht mit dem Horror der „Gaskammern“ verglichen werden könnte? Heidegger schrieb „Gaskammern“ tatsächlich in Anführungszeichen.

Da die Alliierten die deutsche Mission aus Unverständnis gestoppt hätten, sei diese „Schuld“ weitaus schrecklicher noch als die „öffentlich stigmatisierten Verbrechen der Nazis, von denen sich niemand in der Zukunft freisprechen könne. Schon jetzt verstünde man, dass das deutsche Volk und Land „ein einziges KZ“ seien, das die Welt noch nicht gesehen hat und nicht sehen will. Mit anderen Worten: Seinsgeschichtlich betrachtet sei die eigentliche Untat gegen das deutsche Volk begangen worden, dem aufgetragen war, das Abendland zu retten.

Trotz solcher ungeheuerlichen Aussagen plädiert Donatella Di Cesare am Ende ihres Beitrags im „Corriere della Sera“ dafür, nicht mit einer Ächtung des deutschen Denkers zu reagieren, sondern sich stattdessen mit der Komplexität seiner Reflexionen in offener und kritischer Weise auseinanderzusetzen. „Das wäre für die Philosophie vielleicht eine Gelegenheit, die Schoah in ihrer abgründigen Tiefe zu denken.“

Erst vor Kurzem zog sich der Vorstandsvorsitzende der Martin-Heidegger-Gesellschaft, Günter Figal, mit Verweis auf Heideggers Antisemitismus aus seinem Amt zurück. Den neuen Vorstand wird nicht die Mitgliederversammlung wählen, sondern das Kuratorium, dessen fünf Mitglieder auf Lebenszeit bestellt sind. Vorsitzender des Kuratoriums ist der Rechtsanwalt Arnulf Heidegger, Enkel Martins und Nachlassverwalter.

Er bestreitet nach wie vor alle gegen seinen Großvater gerichteten Antisemitismus-Vorwürfe.

Martin Heidegger Gesamtausgabe

„Martin Heidegger Gesamtausgabe“, Band 97: Anmerkungen I-V, („Schwarze Hefte“ 1942–1948). Herausgegeben von Peter Trawny. Klostermann Verlag. Etwa 560 Seiten, 58 Euro. Erscheint Anfang März.

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