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Heidi als Gipfelstürmerin im Schauspielhaus

Weihnachtsstück Heidi als Gipfelstürmerin im Schauspielhaus

Den Stoff kennt fast jeder. Begeisterung löst er nicht gerade aus. Doch was das Schauspiel Hannover aus "Heidi" gemacht hat, ist großartig. In der Inszenierung haben nicht nur sechsjährige Mädchen ihren Spaß. Der Applaus bei der Premiere zeigte es.

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Von der wunderbaren Bergwelt uns klinisch kalte Frankfurt: Heidi mit ihrem Großvater (links) und bei der Familie Sesemann (oben). Fotos: Katrin Ribbe

Quelle: Katrin Ribbe

Hannover. Heidi? Echt jetzt? Ist das aktuelle Familienstück des Staatstheaters nicht allenfalls etwas für sechsjährige Mädchen, die auf Flechtfrisuren stehen? I wo. Das Stück packt sie alle: Die großen Brüder und Schwestern, die als Mitmüsser verpflichtet werden, das Stück mit anzuschauen, ebenso wie die Eltern und Großeltern.

Schon das Bühnenbild ist der Gipfel: Maria-Alice Bahra hat eine dreigeteilte, drehbare Konstruktion geschaffen, die die Hauptschauplätze der einst von Johanna Spyri ersonnenen Geschichte abbildet: Zunächst die raue Berglandschaft, auf deren Spitze die Hütte des Alm Öhis, Heidis Großvater, steht. Eine Seite gewährt einen Blick ins Innere des Holzhäuschens mit seinem Heuboden, auf dem Heidi schläft, und der Feuerstelle, in der die Flammen züngeln, während Heidi (Sophie Krauß) und der Großvater (schön brummelig: Wolf List) auf Schemeln hocken und Haferschleim schlabbern. Die dritte Seite schließlich zeigt das Frankfurter Stadthaus der Familie Sesemann, in das Heidi verschickt wird, als klinisch weiße Umgebung, in der auf Knopfdruck Tische und Betten ausgefahren werden.

Spyris Roman „Heidis Lehr- und Wanderjahre“ ist mehr als 130 Jahre alt. Es gibt zahlreiche Verfilmungen und eine japanische Zeichentrickserie. Sowohl Kinder als auch Erwachsene im Publikum sind also Auskenner und zum Teil auch Skeptiker, denn „Heidi“ haftet das Image rührseligen Heimatkitsches an. Insofern ist es mutig, diesen Stoff auf die Theaterbühne zu bringen. Die Inszenierung muss den Vorstellungen des Publikums entsprechen und doch noch Überraschendes bieten. Die Figuren müssen Wiedererkennungswert haben und dürfen weder allzu modern daher kommen, noch zu angestaubt. Regisseur Florian Fiedler und Dramaturgin Sarah Lorenz gelingt all dies, zusammen mit einem wunderbaren Ensemble.

Sophie Krauß als Heidi turnt mit Flechtfrisur und im Unterhemdchen auf der Felslandschaft herum und gibt das „unverdorbene Schweizer Naturkind“, als das die Familie Sesemann sie schließlich ins Haus holt, damit sie die an den Rollstuhl gefesselte Klara (brav und hübsch und gutherzig: Ayana Goldstein) aufmuntert. Aber Heidi ist auch stark, frech, abenteuerlustig und sehr zu Späßen aufgelegt. Da steht sie dem Geißenpeter (Dennis Pörtner) in nichts nach.

Zusammen erkunden sie etwa das Echo mit Rufen in den Zuschauerraum: „Was klebt an deiner Backe?“ oder „Was sagt zu dir der Barsch?“. Das Premierenpublikum im Schauspielhaus zeigt sich reimfreudig. Spätestens an dieser Stelle hat Heidi die Herzen der Zuschauer erobert. Wobei Peter ein echter Konkurrent ist. Dennis Pörtner gibt nicht nur den bockigen Ziegenhirten, sondern auch den gutmütigen Diener Sebastian sowie Klaras verständnisvolle Großmutter. Dabei gelingt ihm das Kunststück, dass der Rollentausch nicht zum Klamauk wird. Auch die Musiker Martin Engelbach und Thomas Zander, die als Geißböcke verkleidet am Bühnenrand für musikalische Untermalung sorgen, treffen immer den richtigen Ton in diesem Stück.

„Heidi“ ist eine Berg- und Talfahrt der Gefühle. Das Mädchen ist Vollwaise, wird von der Tante abgeschoben, zunächst vom Großvater zurückgewiesen und dann in eine fremde Familie verfrachtet, wo das giftige Kindermädchen Fräulein Rottenmeier (herrlich schrill: Johanna Bantzer) sie als Viren und Keime verbreitende „Naturkatastrophe“ geißelt. Bei aller Unbekümmertheit nach außen, sehnt sich Heidi nach Zuneigung, Geborgenheit und Beständigkeit. Sie fühlt sich einsam und träumt sich Nacht für Nacht zurück in die Heimat der Berge.

Eine Videoprojektion wirft dann Bilder des Alm Öhis, Peters und dessen Großmutter an die Wand. Sobald Heidi ihre Lieben berührt, verschwinden sie. Doch ehe bei dieser Szene der Kloß im Hals richtig unangenehm wird, vertreibt schon wieder ein Witz die Melancholie. Schauspieler und Regisseur sorgen gekonnt für die richtige Balance zwischen unbeschwerter Unterhaltung und nachdenklichen Momenten.

Das Ende kommt nach neunzig Minuten ohne Pause ein bisschen holterdiepolter daher: Heidi darf zurück auf die Alm, Klara besucht sie und kann plötzlich wieder laufen. Zusammen mit Peter turnen sie auf den Felsen herum - echte Gipfelstürmer, über die schließlich lautstarker Jubel und Fußgetrampel hereinbricht. Da droht fast Lawinengefahr.

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