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Heinz Becker ist reif für den Ruhestand

Gerd Dudenhöffer im Pavillon Heinz Becker ist reif für den Ruhestand

Dem Völkischen aufs Maul geschaut: Gerd Dudenhöffer gastiert als Heinz Becker im Pavillon – und zeigt dabei, dass die Figur eigentlich aufs Altenteil gehört.

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Über die Grenzen: Gerd Dudenhöffer spielt Heinz Becker.

Quelle: Tim Schaarschmidt

Hannover. Heinz Becker wird nicht in Würde altern. Der Kabarettist Gerd Dudenhöffer hat seine Bühnenfigur vor über 30 Jahren entwickelt und seither in 16 Programmen gespielt: einen Spießbürger mit beschränktem Blick auf die Welt. „Wer über Heinz richtig lacht, lacht vor allem auch über sich selbst, weil er sich wiedererkennt“, sagt Dudenhöffer.

Ausgerechnet im Best-Off-Programm „Déjà-vu“, mit dem er im Pavillon gastiert, wird seine Figur nun endgültig von der Wirklichkeit eingeholt. Denn der Kontext der gezielten Provokationen hat sich verändert. Der rustikale Biedermann wird zum reaktionären Wutbürger mit nationalistisch-rassistischem Vokabular.

Die oft menschenverachtenden Tabubrüche sind jetzt bestenfalls noch zynisch. Schlimmstenfalls unterhalten sie jene, über die sich Dudenhöffer lustig machen will. Heinz Becker findet, Homosexuelle sollten markiert werden, „Mischlinge“ seien gewohnheitsmäßige Diebe, „Neger“ sollten nicht Wolfgang heißen, sondern Lumbumba, Flüchtlinge seien „Zeug“ und holten sich deutsche Frauen, weil sie diese brauchten. Er befürwortet Vergewaltigung in der Ehe, verharmlost den Holocaust und sagt Sätze wie diesen: „Der Neger setzt seine Hautfarbe ein wie einen Schwerbehindertenausweis.“

All das mag einst als satirische Überzeichnung für emotional belastbare Menschen funktioniert haben. Heute klingt es jedoch wie eine Rede von Pegida-Gründer Lutz Bachmann oder AfD-Mann Björn Höcke. Dudenhöffer hat offenbar dem Völkischen aufs Maul geschaut. Sein Problem besteht darin, dass es kaum noch möglich erscheint, dessen Ungeheuerlichkeiten weiter zuzuspitzen. Aus der Parodie wird eine detailverliebte Wiedergabe ohne deutliche Brüche. Würde Heinz Becker nebenan wohnen, viele Gäste im nur mäßig besuchten Pavillon würden ihre Kinder vor ihm zu schützen versuchen.

Zumindest bleibt das zu hoffen. Die dargebotenen Abgründe ernten nämlich auch im veränderten politischen Klima herzhaftes Lachen und viel Applaus. Sicher: Satire darf die Grenzen des guten Geschmacks überschreiten. Sie muss sich dabei aber fragen lassen, wen sie damit auf welche Weise unterhalten möchte, wer sich in ihr amüsiert wiedererkennen soll.

In der Pause rechtfertigt ein Zuhörer einem anderen gegenüber: „Er meint das ja nicht wirklich so - aber das sind schon alles wichtige Themen.“ Die beiden stehen dabei in einer Menschenrechts-Ausstellung von Amnesty International, die der Pavillon gerade im Foyer zeigt.

Von Thomas Kaestle

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