Volltextsuche über das Angebot:

11 ° / 10 ° Regenschauer

Navigation:
"Naidoo hat sich vergaloppiert"

Kunze über Naidoo "Naidoo hat sich vergaloppiert"

In der Debatte um den umstrittenen Text zum Lied "Marionetten" bekommt Xavier Naidoo Unterstützung von seinem Kollegen Heinz-Rudolf Kunze. Er halte den Text keinesfalls für einen Skandal, sagte er in einem Interview mit der HAZ. Es sei vielmehr ein "poetischer Ausrutscher", Naidoo habe sich auf dem Papier "vergaloppiert".

Voriger Artikel
John Mellencamp besingt Amerikas kaputtes Herz
Nächster Artikel
Der König stirbt nie, es lebe der König!

Erhält Unterstützung: Heinz-Rudolf Kunze glaubt allerdings, dass sich Xavier Naidoo "auf dem Papier vergaloppiert" habe.

Quelle: Archiv/Montage

 Herr Kunze, Xavier Naidoo eckt derzeit mit dem Text des Songs „Marionetten“ an. Halten Sie den Text für einen Skandal?

Nein. Ich halte es für den poetischen Ausrutscher eines Songschreibers, der sich aus einer wütenden aggressiven Grundlaune heraus auf dem Papier vergaloppiert hat. Sowas kann sehr leicht passieren. Ich kenne ja dieses Handwerk. Wenn man aus einer bestimmten Emphase, aus einem emotionalen Überdruck, den man nicht filtert, etwas zu Papier bringt, dann kann sich das leicht verselbständigen nach dem Motto: „Die Geister, die ich rief ...“

Sprechen Sie aus eigener Erfahrung?

Ja. Ich kenne diesen Dämon. Wenn man als Schreiber so eine diabolische Lust hat, sich zum Sprachrohr irgendeines diffusen Ungenügens zu machen. Dann gehen die Pferde durch auf dem Papier.

Und wie fängt man sie wieder ein?

Ich habe schon so eine Art Kontrollinstanz in mir, die mich mehrfach alles filtern lässt, und ich habe auch Mitarbeiter und Mitmusiker, die eine Meinung haben und diese auch nicht verschweigen. Vielleicht hat er die nicht.
Ist Naidoo ein politischer Künstler?

Ich halte Naidoo nicht für einen besonders kompetenten politischen Sänger. Er ist ein deutscher R’n’B- und Soulsänger mit großem Schmelz, wenn es um Privates und Zwischenmenschliches geht. Sobald er sich in politisches Fahrwasser begibt, halte ich ihn für einen ziemlichen Wirrkopf, aber nicht für einen Neonazi. Das kann ich mit einfach nicht vorstellen. Ihn jetzt zu einer Galionsfigur der neuen Rechten zu machen, das halte ich bis auf weiteres für überspannt.

Sollte der NDR, der nach Protesten Naidoo 2016 als Sänger beim ESC in Stockholm zurückgezogen hat, den Auftritt beim NDR-Plaza-Fest nun konsequenterweise absagen, oder ist das ein Eingriff in die Freiheit der Kunst?

Ich möchte nicht in der Haut der Entscheider stecken. Ist ein schwieriges Thema. Im Zweifelsfall verteidige ich die Freiheit der Kunst. Als jemand, der nicht Veranstalter ist und die Sache von außen betrachtet, würde ich sagen: Lasst ihn spielen und lasst ihn mit diesem Material seine Erfahrungen machen. Voller Gewähr könnte ich mich dazu aber nur äußern, wenn ich das Album gehört hätte. Ich kenne bislang nur die Textauszüge, um die es geht, die Aufregung in den Medien und die Reaktion von Jan Böhmermann. Was ich aber nicht mag, sind diese extrem schnell aufgeheizten Diskussionen.

Wundert es Sie denn, dass die Reaktionen so hochkochen? Oder ist die Öffentlichkeit derzeit extrem sensilbiliert?

Sensibilisiert ist noch freundlich ausgedrückt. Seitdem es diese neuen Medien gibt, von denen ich nichts halte, ist die Öffentlichkeit in einem Zustand der Dauerhysterie, eine Dauererektion des moralischen Pegels. Deshalb ist es auch immer weniger wert, weil sie ständig stattfindet.

Der Songtext bringt derzeit vor allem eines: Gerede. Besteht die Gefahr, dass sowas zu PR-Zwecken eingesetzt wird?

Das ist nicht ganz auszuschließen. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass das jemand wagen würde. Auf dieses Pferd zu setzen, mit diesem Feuer zu spielen, das kann gewaltig nach hinten losgehen. Promotion mit dem Teufel sollte man nicht machen. Ich bin überzeugt, dass diese aktuelle Aufmerksamkeit für Naidoo ihm keine kommerziellen Erfolge bringt. Und die Nazibands werden ihn nicht in ihre Arme schließen, denn er ist ja schließlich nicht „reinrassig“.

Naidoo redet von Missverständnis. Merkt er gerade, in was für eine Mühle er reingeraten ist?

Klar. Er hat sich einfach verrannt. Aber: Im Zweifel für den Angeklagten. Und für mich bestehen noch Zweifel. In meinen Augen ist er noch nicht gebrandmarkt.

Wie steht es denn überhaupt um das politische Lied in Deutschland?

Für mich herrschen im Moment die neuen jungen männlichen Jammerlappen vor. Die Beziehungsheulsusen, extrem mutarm, oft langweilig. Ein politisches Lied ist eine weite Sache. Da muss es nicht um die große Koalition gehen oder um Atomkraft. Für mich ist jedes Lied, das ein Detail genau anguckt, ein politisches Lied. Mir ist zu wenig Neugier in der neuen Musik, zu wenig AnnenMayKantereit. Die machen das ganz gut.

Interview: Uwe Janssen

Demo bei Auftritt geplant

Der NDR hat weiter Ärger wegen des geplanten Auftritts der Söhne Mannheims beim NDR Plaza Festival am Freitag, 26. Mai: Nachdem Politiker eine Absage des Auftritts wegen umstrittener Passagen im Popstück „Marionetten“ gefordert haben, kündigt nun die Grüne Jugend Niedersachsen eine Demonstration am Festival-Tag an, sollte die Band nicht ausgeladen werden.

Naidoo rudert nach einem Gespräch mit Mannheims Oberbürgermeister zurück: „Bei dem Lied handelt es sich um eine zugespitzte Zustandsbeschreibung gesellschaftlicher Strömungen“ die „bewusst überzeichnet“ sei. Er und die Band stünden „für eine offene, freiheitliche, liberale und demokratische Gesellschaft“. Den Vorwurf, das Lied enthalte rechtspopulistisches Gedankengut, wies er zurück.

Doch wie glaubwürdig ist das Statement? Immerhin war Naidoo schon häufiger durch umstrittene Aussagen aufgefallen. „Deutschland hat immer noch keinen Friedensvertrag und ist dementsprechend kein echtes Land und auch nicht frei“, sagte er 2011 im ARD-Morgenmagazin, zwei Jahre später sprach er dann vor „Reichsbürgern“, stellte unter anderem die Glaubwürdigkeit der Berichterstattung von 9/11 in Frage. „Wer das als Wahrheit hingenommen hat, was darüber erzählt wurde, der hat den Schleier vor den Augen“, sagte er. Es gehe also keinesfalls nur um den Text von „Marionetten“, sagte Grünen-Sprecher Timon Dzienus. Dass der NDR als öffentlich-rechtlicher Sender keine Stellung beziehe, sei unfassbar.

Der Radiosender Bremen Vier sagte die Kooperation mit den Söhnen Mannheims ab. Zahlreiche Radiosender, unter anderem SWR, NDR, BR und HR, haben „Marionetten“ nicht im Programm. Auch bei der Tournee der Band wird das Lied nicht gespielt. Der NDR teilte Dienstagabend mit: „Die Bewertung der neuen Sachlage dauert noch an.“

lis

Xavier Naidoo ist wiederholt mit umstrittenen Äußerungen in die Schlagzeilen geraten. Einige Sprüche des Sängers.

Zur Bildergalerie
Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur
Marius Müller-Westernhagen in der Tui-Arena

Marius Müller-Westernhagen spielt vor 10.000 Menschen in der ausverkauften Tui-Arena.