Volltextsuche über das Angebot:

20 ° / 14 ° wolkig

Navigation:
Wie verändert Macht den Menschen?

Henry VIII als Ballett Wie verändert Macht den Menschen?

Es ist ein Ballett der Deformation: Jörg Mannes bringt, ganz frei nach William Shakespeare, "Henry VIII" auf die Bühne der Oper Hannover. Die tänzerische Leistung ist sehr sehenswert.

Voriger Artikel
Chris de Burgh spielt "A Better World" im HCC
Nächster Artikel
Das war Tim Bendzko in der Swiss Life Hall

Noch ein jugendlicher Held: Denis Piza als Henry VIII. und das Ballettensemble der Staatsoper Hannover.

Wie verändert Macht den Menschen? Dieser Frage geht Jörg Mannes in seiner Ballettinszenierung „Henry VIII“ nach, die jetzt in der Staatsoper Premiere feierte. Henry VIII (1491-1547), das war jener britische Monarch, der in die Geschichte eingegangen ist durch seine Trennung vom Papsttum. Denn das hätte ihm die Scheidungen verwehrt, ohne die er seinem wechselhaften Interesse am anderen Geschlecht nicht so ungezügelt hätte nachgehen können. Nicht zuletzt die wechselvollen Verhältnisse zu seinen sechs Frauen und etlichen Mätressen motivierten also sein Streben nach Macht.

Der Weg zum dicken Tyrannen

Wunderbar verdeutlicht der Ballettdirektor Mannes in seiner von Shakespeares gleichnamigem Drama (um 1612/13) nur sehr frei inspirierten Choreografie denn auch die Beziehungen Henrys zu seinen Frauen, wobei die Ehefrauen hier, anders als bei Shakespeare, alle auftreten. Bei Henrys erster Hochzeit mit Katharina von Aragon (Michèle Stéphanie Seydoux) tanzt Denis Piza den Monarchen als kraftstrotzenden jungen Mann, seine Werbung ist weniger emotional als höfisch-verhalten. Der eheliche Vollzug ist dem Fortbestand des Hauses Tudor gewidmet, was in eher turnerischen Übungen auf einem Holzbrett zum Ausdruck kommt. Wie unbekümmert der König seinen Neigungen freien Lauf lassen kann, zeigt sein Tanz mit vier Mätressen. Henry umkreist sie unermüdlich, greift nach ihnen, hält die willfährige Beute fest - ein Mann, dem seine Stellung gestattet zu nehmen, was er begehrt.


HENRY VIII – Ballett von Jörg Mannes from Theater-TV on Vimeo.

Doch nicht alle geben sich mit der Rolle der Geliebten zufrieden: Anne Boleyn will mehr - und Giada Zanotti verkörpert sie als Frau, die ihre Reize berechnend einsetzt. Zunächst scheinbar spröde, mit eckigen Bewegungen, hält sie den entflammten Henry auf Distanz und weist ihn ab, bis er verspricht, worauf es ihr ankommt: die Legitimation als Ehefrau Nummer zwei und die englische Krone. Die Werbung um Ehefrau Nummer drei zeigt Henry dagegen als gefühlvollen Liebhaber. Geradezu zärtlich, in ruhigen, fließenden Bewegungen gerät da ein Pas de deux mit der ätherischen Catherine Franco.

Doch der Weg zum Tyrannen hat längst begonnen, immer stärker offenbart sich Henrys unberechenbarer Charakter. Das führt Mannes vorAugen, indem er die Rolle teilt und Henry die Figur „H“ zur Seite stellt. Durch diesen Kunstgriff kann Orazio di Bella als „H“ das seelische Innenleben des Regenten ungebrochen dynamisch und mitunter geradezu akrobatisch verkörpern, während Denis Piza den körperlichen und seelischen Verfall in fahrigen Wutausbrüchen und immer schleppenderen Bewegungen demonstriert - eine Deformation, die auch in einem Kostüm mit Bauchwölbung Ausdruck findet. Ein starker Regieeinfall ist überdies der Einsatz von Gummibällen - mal schwarz als Symbol für die totgeborenen Kinder Katharinas, mal blau für den ersehnten Thronerben, mal weiß für die Opfer von Henrys Hinrichtungen.

Anspruchsvoll anspielungsreich

Das Bühnenbild wird durch drei bewegliche Wände mit Gobelindekor dominiert und schafft einen variablen Raum für die Tänzer. Die Kostüme sind fast ausnahmslos schwarz und deuten Renaissancestil nur an. Und das musikalische Spektrum reicht von Werken Johann Sebastian Bachs bis zu Neukompositionen von Mark Polscher.

Entstanden ist so eine durchaus anspruchsvolle Inszenierung mit ebenso zahlreichen wie sublimen geschichtlichen Anspielungen. Um jede zu verstehen, sollte man entweder historisch recht beschlagen sein - oder das Programmheft genau studiert haben.

Die tänzerische Leistung des Opernballett macht indes mögliche Irritationen mehr als wett. Das Premierenpublikum spendet dafür - wie für das von Andrea Sanguineti geleitete Orchester - langen, enthusiastischen Applaus.

Nächste Termine: 11., 18., 24. und 27. Mai jeweils um 19.30 Uhr.

Von Kirsten Pötzke

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur
Briefe der Geschichte mit Anke Engelke und Devid Striesow

Anke Engelke und Devid Striesow lesen im Theater am Aegi historisch bedeutende Briefe vor.