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Die bewegte Kunst

Herbstausstellung im Kunstverein Die bewegte Kunst

Zwischen Leichtigkeit und Gewicht: Die künstlerische Bandbreite der 87. Herbstausstellung ist groß. Die Schau mit Werken von niedersächsischen Künstlern an verschiedenen Orten in Hannover ist bis 8. November zu sehen.

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Kein echter Shop, sondern Kunst: Ein Teil der Ausstellung „Raumstationen".

Quelle: Surrey

Hannover. Augenscheinlich hat sich da, gleich im ersten Saal des Kunstvereins, ein dicker Wackerstein in die Kunstausstellung verirrt. Zu schwer anscheinend, um nur an der Wand befestigt werden zu können. Und deshalb mit zwei Wanderstöcken abgestützt. Doch tatsächlich spielt die Künstlerin Claudia Piepenbrock nur mit dem Eindruck von Gewichtigkeit – „Gravitation“, ihr Werk, besteht im Wesentlichen aus Pappmaché.

In diesem Spannungsfeld zwischen Leichtigkeit und Gewicht ist die ganze Biennale des Kunstvereins angesiedelt, die unter Kunstvereinschefin Kathleen Rahn etwas ausführlicher – und genderpolitisch zweifellos erst jetzt korrekt – „87. Herbstausstellung niedersächsischer Künstlerinnen und Künstler“ heißt. Wer einen Überblick über deren künstlerisches Schaffen gewinnen will, ist bei der Ausstellung unter dem Titel „Raumstationen“ am rechten Platz.

Nur jeder zehnte Künstler darf seine Werke zeigen

Zumindest quantitativ ist die Herbstausstellung – mit 80 Werken von 53 Künstlern an fünf Ausstellungsorten – die niedersächsische Kunstschau der Superlative. Und was heißt dabei schon niedersächsisch? Hier sind auch Künstler zu sehen, die in Vietnam oder den USA, in Korea oder Spanien geboren wurden. Die in Berlin oder Bremen, Hamburg oder Stuttgart arbeiten. Denn für die Teilnahme reicht es, irgendwann in Niedersachsen gelebt zu haben. Immerhin 500 Künstler haben sich bei der Kunstvereinsjury beworben, nur jeder zehnte durfte also Werke zu den „Raumstationen“ beitragen.

Darunter sind auch die Kunstvereinspreisträger Lotte Lindner und Till Steinbrenner. Sie haben nicht nur eine Lichtinstallation an der ehemaligen Unterführung vorm Maritim-Hotel eingerichtet, sie bespielen auch zwei Kunstvereinsräume, einen mit Bildern früherer Werke und Performances, einen mit der 80 000-Lumen-Lichtskulptur „Zeugungsabsicht“ – die man freilich nur mit zusammengekniffenen Augen wahrnehmen kann.

Groß ist das Spektrum der übrigen Werke. Neben Malerei , Grafik und Fotografie gibt es skulpturale Installationen und Videokunst. Groß ist freilich auch das Niveaugefälle. Da arrangiert etwa Delia Jürgens einen Teppich und diverse andere vorgefundene Utensilien und erklärt das Ganze als „Art School’s Decor“ sozusagen zum Inventar der HBK Braunschweig, die sie 2014 verlassen hat. Da verteilt Rolf Bier Alubalken, eine Axt, Knetstangen, Nike-Schuhe und einen Western-Hut auf dem Boden und nennt das Ganze „American Sketch“. Stille Tage im Klischee. Manche Videoinstallation zeigt eher Künstler, als selbst ein Kunstwerk zu sein. In „Circus Movement“ etwa präsentiert Lucas Berger Zirkusartisten. In „Chim Chanh“ zeigt Annika Kahrs asiatische Vogelstimmenliebhaber.

Selbstherrlichkeit der Kunst wird zum Thema

Ins Auge fallen mehrere bewegte Kunstwerke. Etwa Franka Hörnschemeyers Installation „Im Innern der Figur“, eine rotierende Säule, an deren oberem Ende fünf aus Einzelbrettern zusammengesetzte Platten verzögert der Drehbewegung folgen und dabei laute Klappgeräusche erzeugen. Einige dieser Werke setzen auch das Publikum in Bewegung. Etwa Mijin Hyuns Bohnenwurfmaschine, die von den Kunstvereinsgästen mit Bohnen gefüttert werden muss. Oder die pfiffige Musikinstallation „CM Guitar“ von Max Elzholz. Sie besteht aus einer pneumatisch, also mit Druckluft betriebenen E-Gitarre, welche das Publikum über einen Bewegungsmelder in Gang setzt. Bewegte Kunst also. Doch nicht sonderlich bewegend.

Dabei demonstriert diese Ausstellung auch, wie Leichtigkeit und Tiefe vereinbar sind. Mehrere Künstler nehmen sich ebenso kritisch wie selbstironisch den Kult um Großkünstler, die Selbstherrlichkeit von Kunstrichtern und die Folgen für den Kunstmarkt vor. Eine Bilderserie von Christian Holtmann scheint Jonathan Meese, Joseph Beuys, Sigmar Polke, Damien Hirst, Karin Kneffel und Nan Goldin zu zeigen – doch tatsächlich handelt es sich durchweg um Holtmann, der sich in Posen inszeniert hat, die für die Kunststars typisch sind. Ein Video des Indonesiers Rizki Resa Utama zeigt unter dem Titel „The Idea’s Trial“ eine Jury aus sechs Kunstrichtern im Streit um Kunst – englischsprachig, doch von einem deutschen Dialogtext begleitet. Die sechs simultan auftretenden Richter dieses „Ideengerichts“ spielt übrigens durchweg der Künstler selbst.

Sarkasmus in der Kunstschau

Einer der sarkastischsten Beiträge dieser Kunstschau ist „La Grande Vague“, das von Dirk Dietrich Hennig, pardon: Jean Guillaume Ferrée stammt. Hennig ist ein wirklich begnadeter Kunst- und Kunstmarktparodist, der fiktive Künstler wie eben Jean Guillaume Ferrée, Steve Elliot oder auch George Cup mit so viel Finesse mit Eigenleben und einem jeweils eigenen Œuvre ausstattet, wie dies eben nur ein echter Künstler kann. „La Grande Vague“ ist eine fast fünf Quadratmeter große Assemblage mit lauter Dokumenten aus dem Frankreich der Nachkriegszeit. Die „Grande Vague“ könnte der Nouvelle Vague vorausgegangen sein. Zumal einen hier von den Plattenspielern über die zerschlagene Gitarre bis zu den Fotos und Illustriertenausschnitten vergilbte Originaldokumente der Fünfzigerjahre anzuwehen scheinen. Doch bei Hennig sind stets Zweifel am Platz. Denn dieser Kunstinszenator überlässt nichts dem Zufall und lässt auch kein noch so authentisch wirkendes Detail unverändert. Und mit dieser „Dokumentation“ einer Zeit, die es genau so wahrscheinlich nie gegeben hat, sät Hennig genussvoll Zweifel an der künstlerischen Aura wie überhaupt an jeder künstlerischen Originalität. Das ist ziemlich originell. Auch diese Assemblage ist übrigens – vom Luftzug mehrerer Ventilatoren – bewegte Kunst. Aber eben auch intellektuell bewegend.

Noch weiter treibt den Sarkasmus bei dieser Herbstausstellung nur einer: Hannes Malte Mahler hat, gleich gegenüber von Claudia Piepenbrocks vermeintlichem Wackerstein, seinen Kunstverkaufsladen eröffnet. Darin kann man sich Taschen oder T-Shirts mit vielen monochromen Motiven bedrucken lassen, die es auch auf Filzuntersetzern gibt. Noch Zweifel? Der Slogan zur „Mahlerwear“ wird sie gewiss beseitigen. „It is Art“, lautet er. Und Kunst hat ihren Preis. 35 Euro das T-Shirt, 20 Euro der Beutel.
Angenehmen Einkauf.

Das sind die Ausstellungsorte

„Raumstationen. 87. Herbstausstellung niedersächsischer Künstlerinnen und Künstler“: Bis 8. November im Kunstverein und an weiteren Ausstellungsstätten:
Nord/LB Art Gallery: Eröffnung heute um 18 Uhr. Hier wird unter anderem Dirk Dietrich Hennig ausgestellt.
Kubus und Galerie vom Zufall und vom Glück: Eröffnung heute um 19 Uhr. Hier sind unter anderem Arbeiten von Annika Kahrs, Mijn Hyuns, Max Elzholz, Christian Holtmann und Rizki Resa Utama zu sehen.
Kunstverein: Eröffnung heute um 20 Uhr mit anschließendem Fest. Hier sind die Arbeiten aller übrigen genannten Künstler ausgestellt.
Ehemalige Unterführung vorm Maritim-Hotel: Hier ist die Lichtinstallation „Naherholung“ von Lotte Lindner und Till Steinbrenner zu sehen.

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