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17:58 04.10.2015
Von Simon Benne
Herfried Münkler beim "Faust"-Symposium im Künstlerhaus. Quelle: Alexander Körner
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Hannover

Mit souveräner Lässigkeit steht er hinter dem Mikrofon. Weiße Haare, grauer Bart, dezenter Anzug. Obwohl er meist frei spricht, spricht Herfried Münkler druckreif. Wie beiläufig, eine Hand in der Hosentasche, zitiert er im Künstlerhaus Luther, Nietzsche oder Thomas Mann. Der Berliner Politikwissenschaftler ist einer der Stars beim dreitägigen „Faust“-Symposium, zu dem die Goethe-Gesellschaft anlässlich ihres 90-jährigen Bestehens viele illustre Redner versammelt hat.

Die Deutschen haben in Faust den melancholischen Grübler gesehen, den sinistren Teufelsbündler, den weltbeherrschenden Tatmenschen – und immer auch einen Spiegel ihrer selbst. „Die Figur diente auch der Legitimation deutscher Vorherrschaft in Europa“, sagt Münkler, der im Faust einen deutschen Mythos sieht. Deutsche Mythen sind so etwas wie die Spezialität des Gelehrten, der als einer der großen Geister der Bundesrepublik gilt. Sein Buch „Die Deutschen und ihre Mythen“ erhielt 2009 den Preis der Leipziger Buchmesse; es war einer jener Bestseller, die Münkler fast in Serie produziert: „Ich kann nicht ordentlich denken, ohne etwas aufzuschreiben – und wenn es einmal aufgeschrieben ist, kann man auch gleich ein Buch draus machen“, sagt er der 64-Jährige mit hintergründigem Lächeln.

Er selbst ist dabei ein Handlungsreisender in Sachen Gelehrsamkeit: Gestern eine Diskussion in Hamburg, heute der Faust in Hannover, morgen ist er wieder in daheim in Berlin. In Talkshows ist er inzwischen fast so häufig zu Gast wie sein Kollege Arnulf Baring. „Ab einem gewissen Alter kann man die Rolle des Public Intellecutal spielen“, sagt er mit selbstironischem Schmunzeln – des öffentlich auftretenden Gelehrten also. „Das ist anstrengend, weil man sich ins Handgemenge der politischen Kontroversen begibt – aber es gibt Zeiten, in denen man sich positionieren muss.“

Tatsächlich schlägt er in seinem Vortrag immer wieder klug und unterhaltsam Brücken von Goethe zur Gegenwart – etwa, wenn er auf die Kritik ausländischer Politiker an der deutschen Aufnahme von Flüchtlingen zu sprechen kommt: „Da wird eine Geste der Humanität als moralischer Imperialismus wahrgenommen“, sagt er.

Er selbst verteidigt Merkels Aufnahme der Schutzsuchenden: „Sie war alternativlos – auch, wenn ich das Wort sonst nicht mag.“ Die Flüchtlingskrise sei eine ähnlich große Aufgabe wie vor 25 Jahren die deutsche Einheit: „Auch heute geht es um die Frage, was die Gesellschaft zusammenhält - nicht nur Ost- und Westdeutsche, sondern auch ,Biodeutsche’ und Menschen mit Migrationshintergrund.“ Seine Bilanz der Einheit fällt dabei eher positiv aus: „Als ich 1992 von Frankfurt an die Humboldt-Universität ging, konnte man noch genau erkennen, ob Studenten aus dem Westen oder aus dem Osten kamen“, sagt er: „Nach ein paar Jahren war das nicht mehr so.“ Inzwischen seien die alten Unterschiede zwischen Nord und Süd in Deutschland teils wieder größer als die zwischen Ost und West.

Mit seinen pointierten Thesen hat Münkler auch Kritik linker Studenten auf sich gezogen: In einem Blog namens „Münkler-Watch“ prangerten sie im vergangenen Jahr angeblich chauvinistische Äußerungen aus seinen Vorlesungen an. Anonym. Er reagierte offensiv: „Wer sein Gesicht nicht zeigt, ist ein erbärmlicher Feigling.“ Politischen Kontroversen geht Münkler nicht aus dem Weg. In der Hinsicht könnte der alte Faust von ihm noch etwas lernen.     

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