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Herr Nerlich, wie spielt man eigentlich Hamlet?

Schauspiel Hannover Herr Nerlich, wie spielt man eigentlich Hamlet?

Daniel Nerlich gibt Shakespeares „Hamlet“ in der Inszenierung von Thorleifur Örn Arnarsson am Schauspiel Hannover. Mit der HAZ sprach er darüber, wie man diese Figur auf die Bühne bingt.

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Daniel Nerlich gibt Shakespeares „Hamlet“.

Quelle: Katrin Ribbe

Hannover. Hamlet trägt einen schwarzen Hoodie. Er hat schwarze Haare. Er lacht. Er wirkt jung. Er könnte auch ein Farradkurier sein oder ein Maschinenbaustudent. Hamlet bestellt ein Bier. Und dann erzählt er, wie das so ist auf den Proben mit dem isländischen Regisseur Thorleifur Örn Arnarsson:

„Mit Shakespeares Text ist das so: Du kannst ihn nicht - er kann dich.“

„Manchmal trägt einen ein Vers durch die Szene.“

„Regisseur Thorleifur Örn Arnarsson lässt improvisieren wie ein Weltmeister. Er sammelt Goldstücke.“

„Man reist ja eine ganze Weile zusammen. Da braucht man einen Käpt’n, dem man vertrauen kann.“

„Wir sind im Übergang. Wir lassen die Goldgräberphase jetzt langsam hinter uns. Dann wird es darum gehen, aus dem Gold etwas zu schaffen. Vielleicht wird es ja eine Krone.“

„90 Prozent der Improvisation ist Müll. Aber über die Improvisation bekommt der Regisseur Sachen, die er sich nicht ausdenken kann.“

„Der Regisseur spekuliert auf Momente, von denen er im Moment nicht weiß, ober er sie auch bekommen wird.“

Daniel Nerlich spielt den Hamlet am Schauspiel Hannover. Er ist ein kantiger Typ. In „Tschick“ von Wolfgang Herrndorf spielt er den jungen Maik. Jung kann er. Und kräftig. Und wütend. Seit der Spielzeit 2009/10 ist er festes Ensemblemitglied am Schauspiel Hannover. Die berühmte „Hamlet“-Inszenierung von Nicolas Stemann aus dem Jahr 2001 kennt er nur als Videoaufzeichnung.

„Ich habe die Stemann-Inszenierung dreimal auf DVD gesehen. Mir gefällt, dass sie so total unpoetisch ist. Und so humorvoll.“

„Und Philipp Hochmair als Hamlet - da dachte ich so: Woaaah.“

„Ja, Ehrfurcht und Respekt sind schon da. Aber das sind Mittel, mit denen ich arbeiten muss.“

„Wir werden einen anderen Schwerpunkt setzen, aber das geschieht unverkrampft.“

Irgendetwas ist merkwürdig an Daniel Nerlich. Er ist ein sympathischer, freundlicher Mensch, aber da ist etwas Unheimliches, etwas Gefährliches, etwas Mysteriöses. Seine schwarzen Haare trägt er hochgestrubbelt. Plötzlich, mitten im Gespräch darüber, wie er den Hamlet auf der Bühne spielen will, fährt er sich mit der Hand durchs Haar und ändert seine Frisur. Nun hat er einen Pony - und sieht aus wie ein Klosterschüler. So wird er wohl auch als Hamlet auftreten. Und jetzt erklärt sich auch der Eindruck des Unheimlichen: Daniel Nerlich hat sich seine Augenbrauen hellblond gefärbt. Sie sind so gut wie verschwunden. Warum das? Nerlich erklärt seinen Hamlet. Und wie er sich an die Figur herantastet.

„Hamlet ist ein genialischer Charakter. Ich will, dass der etwas mit sich gemacht hat.“

„Im Grunde wäre es doch egal, welche Kleidung Hamlet trägt. Ich könnte mir Hamlet auch im Rock vorstellen. Aber Hamlet trägt Hose.“

„Ich habe nie das Gefühl gehabt, dass das ein Mensch ist, der kurz davor ist, Selbstmord zu begehen.“

„Mein Hamlet wird nicht der sein, den sich alle wünschen.“

„Den richtigen Hamlet gibt es nicht.“

„Es ist ein so komplexes Werk. Man könnte auch an einem Abend verschiedene Hamlets spielen.“

„Das kann man sich nicht ranschaffen. Das muss man finden. Man kann den Hamlet nicht richtig liefern.“

„Das ist wie eine Schreibtafel, die sich selbst beschreibt.“

Daniel Nerlich ist ein interessanter Schauspielertyp. Er hat etwas Schweres, Wuchtiges an sich, eine gewisse Quadratschädeligkeit, andererseits ist da auch so eine Leichtfüßigkeit, etwas Schnelles, Flirrendes, Quecksilbriges. Eine merkwürdige Mischung. Manchmal wirkt er wie einer, der unter Strom steht, aber nicht zittert. Als Hamlet wird er auch den berühmten Monolog von Sein oder Nichtsein sprechen müssen. Es ist nicht ganz einfach, das so zu machen, als würde man es zum ersten Mal hören. Wie geht er die Sache an?

„Wenn du das sagst, bist du immer sehr nervös.“

„Ich habe das Gefühl, dass wir da an etwas ganz Poetischem dran sind.“

„Ich neige manchmal zur Obsession. Ich will so einen Text fressen.“

„Ich will nicht Malen nach Zahlen spielen. Ich will etwas erleben auf der Bühne.“

„Klar habe ich Angst vorm Scheitern - aber man darf sich davon nicht beherrschen lassen.“

„Angst schützt dich auch davor, langweilig zu werden.“

„Im Moment gibt es keinen Grund, sich zu fürchten, denn es passieren wunderbare Dinge auf der Bühne.“

„Wenn ich mich damit blamiere, habe ich eben Pech gehabt.“

Hamlet steht auf. Seine Haare hat er wieder hochgestrubbelt. Er zieht seine schwarze Jacke an. Er sagt, er würde sich gleich noch auf ein Bier mit dem Regisseur treffen. Es gebe, was den Hamlet angeht, noch einiges zu besprechen.

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