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Herrenhäuser Kantorei zeigt Johannespassion

Geistliches Kraftwerk Herrenhäuser Kantorei zeigt Johannespassion

Für Martin Ehlbeck und die Herrenhäuser Kantorei war Bachs musiktheatralische Ader Grund genug, die Arbeit mit ihm über Jahrzehnte hinweg auf die szenische Präsentation hin auszurichten. In der diesjährigen Passionszeit gibt es die im Vergleich zur Matthäuspassion ungleich dramatischere Johannespassion.

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Ganz große Oper: Die gekonnte Arbeit mit Licht und Raum prägt die Inszenierung der Johannespassion.Foto: Philipp von Ditfurth

Quelle: Philipp von Ditfurth

Hannover. Die Reihe barocker Opernkomponisten ist lang, doch einer fehlt: Johann Sebastian Bach hatte nie die Gelegenheit, eine Oper zu komponieren. Der Thomaskantor wurde in seiner über 25-jährigen Leipziger Zeit hauptsächlich durch gottesdienstliche Musik beansprucht. Zu den kirchlichen Festen gerieten die Historien von Christi Geburt und Tod in den Fokus des Komponisten. In Passionen und auch im Weihnachtsoratorium entfaltete Bach sein musikdramatisches Talent.

Die Bilder zur Johannes Passion als Oper in der Herrenhäuser Kirche.

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Für Martin Ehlbeck und die Herrenhäuser Kantorei war Bachs musiktheatralische Ader Grund genug, die Arbeit mit ihm über Jahrzehnte hinweg auf die szenische Präsentation hin auszurichten. 2000, im Jahr der Expo, wurde die Herrenhäuser Kirche zur Bühne für die Matthäuspassion. Zwölf Jahre später folgte das Weihnachtsoratorium. In der diesjährigen Passionszeit gibt es die im Vergleich zur Matthäuspassion ungleich dramatischere Johannespassion. Skeptiker, die religiösen Kitsch befürchtet haben könnten, dürfen beruhigt sein. Christoph G. Amrheins szenische Präsentation geht weit über andächtige Beschaulichkeit hinaus. Sie packt, wühlt auf, befördert das Publikum mitten in das Geschehen und bestätigt als Gesamtkunstwerk die Oper als elementares Kraftwerk der Gefühle.

Amrheins Regie arbeitet mit vielen Kunstgriffen. Zum einen wird so konsequent mit Licht und Raum gearbeitet, als wäre die Herrenhäuser Kirche von vornherein als Theater gebaut worden. Ein Baugerüst an der Außenseite des Chorraums diente als Stativ für Scheinwerfer, deren durch die farbigen Fenster fallendes Licht das Kircheninnere in einen visionären Ort verwandelte. Der Kontrast zu dem Erdbeben, dem fallenden Riesenvorhang und dem fahlen Licht - es erinnerte ungemein an die gerade erlebte Sonnenfinsternis - hätte kaum markanter ausfallen können.

Amrheins zweiter Kunstgriff: Er löste die Dreiteilung der Musik in Passionsbericht, Arien der gläubigen Seele und Chorälen der Gemeinde zwar nicht auf, doch inszenierte er sie so, dass sie vom Publikum als Ganzes gehört und gesehen wurden. Der vom Tenor Götz Phillip Körner vorzüglich gesungene Evangelist wechselte als Spielleiter seine Position fortlaufend. Einmal sang er sogar von der Orgelempore.

Der dritte und entscheidende Kunstgriff der Regie zielte auf die Rolle des Pontius Pilatus. Dieser römische Statthalter ist oberster Gerichtsherr und nur im Johannes-Evangelium als nachdenklicher Zweifler mit der Frage „Was ist Wahrheit?“ überliefert. Amrhein stellt Pilatus in den Mittelpunkt des Geschehens. Der vom Bassisten Daniel Claus Schäfer eindrucksvoll verkörperte Römer ist ein gebildeter, mitleidender und angesichts des geifernden Mobs resignierender Mensch. Er verneigt sich vor dem gestorbenen Jesus, singt das ergreifende Arioso „Betrachte, meine Seel“, ermuntert die angsterfüllten Wohin-Rufe der angefochtenen Seelen und intoniert von der Kanzel aus die nun von einem Choral unterfütterte Arie „Mein teurer Heiland, lass dich fragen“.

Alle Solorollen, gleich ob sängerisch oder szenisch, werden treffend gestaltet. Die Sopranistin Nadežda Senatskaya als Jünger Johannes singt fabelhaft lyrisch und die Altistin Sandra Fechner verkörpert mit innigem Timbre die trauernde Maria Magdalena. Der Bariton Dietmar Sander profiliert Christus als mitfühlende, die Situationen durchschauende und souverän handelnde Gestalt. Das Publikum sieht keine Kreuzigung, sondern - was viel stärker berührt - den Rücken des Sterbenden und seinen sich neigenden Kopf. Der nach dreimaliger Verleugnung des Herrn im Weinkrampf zusammenbrechende Petrus (Jens Olf), Jesu Mutter Maria (Johanna Wickler) und der nach seiner vom Volk herbeigebrüllten Freisprechung triumphierend mit hochgereckten Armen davoneilende Barrabas (Ali Khoshkhabar) pointieren ihre Nebenrollen.

Die Leistung der Herrenhäuser Kantorei ist beachtlich. Sie übertrifft hinsichtlich ihrer plastischen Gestaltungskraft bei Weitem die leider über weite Strecken nur blass wirkende instrumentale Unterfütterung durch die Hannoversche Hofkapelle. Als Dirigent hat Martin Ehlbeck die musikalischen Fäden in der Hand. Gemeinsam mit Amrheins Regie und der sorgsamen Ausleuchtung des gesamten Innenraums ist Bachs Johannespassion in ein geistliches Kraftwerk verwandelt worden. Viel Beifall.

Weitere Aufführungen am 22., 28. und 29. März sowie am 2. und 3. April. Kartentelefon:. (0171) 1 98 98 29.

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