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00:22 19.09.2015
Von Martina Sulner
Lebhafte Schriftstellerin: Herta Müller erzählt von ihrem Schreiben. Quelle: Jan Philipp Eberstein
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Hannover

War sie ein seltsames Kind? Als Mädchen hat sie Pflanzen gegessen. Sie habe nahezu alles gekostet, sagt Herta Müller im hannoverschen Schauspielhaus. Das war nicht nur kindliche Neugier, sondern ein Versuch, sich der Landschaft, dem Tal mit seinen riesigen Feldern anzupassen: „Ich hoffte, dass die gegessenen Pflanzen meine Haut, mein Fleisch so veränderten, dass ich besser zum Tal passe“, heißt es in dem Band „Mein Vaterland war ein Apfelkern“, aus dem sie liest.

Die Literaturnobelpreisträgerin tritt vor ausverkauftem Haus auf. Schon bevor Müller auf die Bühne kommt, als sich nur der Seitenvorhang bewegt, applaudiert das Publikum. „Dichtung & Wahrheit“ ist der Abend, eine Kooperation von Schauspiel- und Literaturhaus, überschrieben. Man wolle mit der Wahrheit, mit dem Autobiografischen, beginnen, sagt Moderator Ernest Wichner anfangs. Autorin und Moderator kennen sich seit gemeinsamen Gymnasiastentagen in Rumänien, beide gehörten der dortigen deutschen Minderheit an, beide sind später in die Bundesrepublik ausgereist.

Wichner kennt die Autorin und ihr Werk so gut wie wohl kaum ein anderer Moderator. Geschickt und behutsam leitet er durch den Abend. Meist reicht schon eine knappe Frage, um Herta Müller zum Erinnern und Erzählen zu bringen; zwischendurch liest sie aus „Mein Vaterland war ein Apfelkern“ und dem Roman „Atemschaukel“. Anschaulich und lebhaft erzählt die 62-Jährige. Sie schildert ihre Kindheit in dem Dorf, dessen Bewohner äußerlich und innerlich durch den Zweiten Weltkrieg und durch Deportation kaputt waren, wie sie es einmal nennt. Ihre Mutter war, wie viele andere deutschstämmige Frauen und Männer nach Ende des Zweiten Weltkriegs, in ein sowjetisches Arbeitslager deportiert worden. Darüber schwieg man. Überhaupt wurde im Dorf nicht viel gesprochen, sagt Herta Müller, schon gar nicht über Persönliches: „Es gab kein Gefühlsvokabular.“

Einerseits kam das Schweigen dem 1953 geborenen Mädchen Herta ganz normal vor – „ich hatte damals auch nicht das Bedürfnis, über mich zu reden“. Andererseits war da ein großes Unverständnis, Nichtbegreifen. „Das Fremdsein“, „das dreckige Alleinsein“, das sie beim Kühehüten empfand, spürte Herta Müller wohl auch zu Hause. Im sozialistischen Rumänien hatte man den ehemals Deportierten verboten, über ihre Erlebnisse zu sprechen. Doch unterschwellig war das Thema gegenwärtig. Herta Müller erzählt von ihrer Mutter, die mittlerweile dement sei und glaube, sie befinde sich wieder im Arbeitslager.
Müllers Roman „Atemschaukel“ handelt von Deportation. Angelehnt ist das Buch an den Erfahrungen des rumäniendeutschen Dichters Oskar Pastior, der der langjährigen Freundin seine Erlebnisse in der Ukraine anvertraute. Herta Müller und Ernest Wichner haben Pastior auch auf einer Reise zu dessen ehemaligem Arbeitslager begleitet. Richtiggehend „stolz“ habe der Dichter ihnen „seine“ Fabrik gezeigt, in der er arbeiten musste, dem Verhungern immer nah. Aufgewühlt wirkt Herta Müller, als sie von dieser Reise berichtet, als sie darüber spricht, wie eine Erfahrung im Lager einen Menschen „zerstört, es aber auch eine Sucht gibt, sich immer wieder an die Zeit im Lager zu erinnern“.

„Atemschaukel“ ist 2009 erschienen. Es war das Jahr, in dem die schon vorher vielfach ausgezeichnete Autorin den Literaturnobelpreis erhielt. In den Jahren danach hat sie viel an ihren Collagen gearbeitet, von denen sie am Ende der Veranstaltung mehrere vorstellt. Herta Müller klebt ausgeschnittene Buchstaben zu kurzen, manchmal absurden Gedichten, die das hannoversche Publikum mehrmals zum Lachen bringen.
Wie sie auf diese Arbeit gekommen sei, will Wichner wissen. „Ach, das hat sich so ergeben“, antwortet Herta Müller burschikos. Manchmal ist man überrascht, wenn diese zarte Person, die bildreich und detailliert erzählt, etwas herber wird. Da sei jemand „hops gegangen“, sagt sie einmal, und wenn sie vom Kühehüten erzählt, klingt ein bisschen das Mädchen vom Dorf durch. Das Leben auf dem Land hat Müllers Wahrnehmung und ihr Schreiben geprägt.

„Kreuzbrav“ seien sie und die anderen Mädchen des Dorfes gewesen, sagt die Autorin gegen Ende des Abends. Das Schlimmste, was sie angestellt hätten: Frösche und Spatzen aufzublasen, bis sie platzten. „Wir empfanden keinerlei Mitleid, hatten kein Gefühl für diese Kreaturen“, sagt sie, „Gefühl ist eben auch eine Sache der Sozialisation.“ Von sich aus sei der Mensch nicht edel.     

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