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Kultur Im Strudel der Formen
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08:48 20.05.2014
Von Jutta Rinas
Hilary Hahn bei einer Einspielprobe mit ihrem Orchester im Kuppelsaal. Quelle: Insa Cathérine Hagemann
Hannover

Es ist oft von Perfektion die Rede, wenn die Sprache auf die Geigerin Hilary Hahn kommt. Von der mühelos wirkenden technischen Perfektion ihres Spiels hört man da, von der Reinheit ihres Tones, von dem perfekten Klang, den die 34-jährige Ausnahmekünstlerin mit verblüffender Souveränität immer wieder neu reproduzieren kann.

Ein Duoabend der Geigerin mit ihrem Klavierpartner Cory Smythe bei Pro Musica im Großen NDR-Sendesaal in Hannover war jetzt allerdings von ganz anderen Merkmalen geprägt: von Spontaneität, von künstlerischer Freiheit und von großem Mut zum Experiment. Und das galt gleich auf ganz verschiedenen Ebenen.

So hatte Hilary Hahn es sich vorbehalten, erst am Abend des Konzertes die genaue Abfolge der Stücke zu bestimmen. Sie wolle die Werke in immer neue Beziehungen zueinander setzen, erläuterte sie – zugleich als Moderatorin dieses Abends – in bezaubernd holprigem Deutsch, bevor die Amerikanerin ins Englische wechselte. Raum für Spontaneität bot eine weitere Variable: Es war bis zum Abend unbekannt geblieben, welche Mozartsonate sie spielen würde. „Hilary Hahn entscheidet spontan, welche Sonate sie spielen wird, und sagt diese von der Bühne aus an“, hieß es dazu im Programmheft trocken.

Wolfgang Amadeus Mozarts C-Dur-Sonate, Köchelverzeichnis 303, – so erfuhr man dann – sollte es an diesem Abend werden. Vor allem der zweiteilige erste Satz hat es bekanntlich in sich, weil er nicht eindeutig einem Kompositionsschema folgt, sondern auch für Mozarts Verhältnisse ungewöhnlich stark überformt ist und mit musikalischen Formen spielt. Der ungewöhnliche Aufbau dieses Werkes war charakteristisch für den ganzen Abend – und bezeichnend auch für Hahns Bruch mit Gepflogenheiten eines normalen Klassikkonzertes, einem Bruch, den man in dieser Radikalität selten erlebt.

Denn die Geigerin hatte auch mit Georg Philipp Telemanns Fantasie Nr. 6 für Violine solo, Arnold Schönbergs Fantasie für Violine und Klavierbegleitung op. 47 und Franz Schuberts Fantasie für Violine und Klavier C-Dur D 934 Werke ausgewählt, die nicht nur recht selten gespielt werden, sondern für die ein ungewöhnlich freier Umgang mit musikalischen Konventionen bezeichnend ist.

Hahn mischte sie zudem mit zeitgenössischen Werken aus ihrem Zugabenprojekt – mit einem insgesamt ebenso überraschenden wie faszinierenden Effekt: Aus alten Hörgewohnheiten wurde man herausgerissen in einen Strudel von Wechselbeziehungen, Spiegelungen, Reflexionen des Neuen und des vermeintlich Altvertrauten.

Nach Richard Barrets nervös-fiebriger Erforschung des modernen Geigenklangs in „Shade“ wirkte die schlichte Schönheit der Melodien in Telemanns Fantasie Nr. 6 plötzlich viel zerbrechlicher als sonst. Sensibilisiert für Strukturen hörte man in Mozarts C-Dur Sonate plötzlich neben allem klassischen Wohlklang viel stärker als sonst, wie differenziert der Komponist hier mit einzelnen Parametern der Musik, mit dem Tempo oder dem Unterschied von instrumentalem und vokalem Klang, experimentiert.

Schönbergs von dodekaphonischen Kompositionsprinzipien und vom Sonatenhauptsatz bestimmte Fantasie klang trotz aller Strenge an diesem Abend noch mehr als sonst von romantischer Expression durchglüht: Hahn erwies sich hier mit ihrem kongenialen Klavierpartner Cory Smythe wieder einmal als eine der ganz großen Schönberg-Interpretinnen unserer Tage. Auch Schubert variiert in seiner Fantasie Formen des Sonatenhauptsatzes mit liedhaften Elementen – Hahn und Smythe interpretierten sie voller Lichtheit und Klangpoesie.

Als wäre er selbst eine einzige, große Fantasie über die Formenvielfalt der klassischen Musik, wirkte dieser außergewöhnliche Abend am Ende. Aaron Severinis „Catch“ und Philip Brownlees „Pariwhero“ gab es als Zugaben und – bei einem so experimentellen klassischen Konzert ist das nicht selbstverständlich – großen Applaus.

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