Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Historikerstreit über „Das Amt und die Vergangenheit“
Nachrichten Kultur Historikerstreit über „Das Amt und die Vergangenheit“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
10:18 26.01.2011
Von Kristian Teetz
Joachim Perels und Moshe Zimmermann (re.) bei ihrem Vortrag im Pavillon. Quelle: Philipp von Ditfurth

Die Begeisterung kannte kaum Grenzen, als Ende Oktober das Buch „Das Amt und die Vergangenheit“ erschien. Außenminister Guido Westerwelle lobte die monumentale Studie einer vierköpfigen Historikerkommission über die Geschichte des Auswärtigen Amts im Dritten Reich und der Bundesrepublik genauso wie Exaußenminister Joschka ­Fischer, der die Studie 2005 in Auftrag gegeben hatte. Auch zahllose Historiker und Publizisten sparten nicht mit positiven Worten. Doch nach und nach äußerten immer mehr Fachleute Kritik. Und sie äußerten sie ungewöhnlich deutlich.

Gregor Schöllgen etwa beklagte – arg kleinkariert –, die Historikerkommission habe Quellen nicht aus der von ihm edierten Sammlung, sondern nach den Originalen aus dem Außenamtsarchiv zitiert, und nannte dies „Ignoranz der Akten­lage“. Daniel Koerfer sprach von einem „hämischen, süffisanten Unterton nahezu allen handelnden und auftretenden Akteuren gegenüber“ und nannte die Studie „ein Buch der Rache“. Sönke Neitzel warf Kommissionssprecher Eckart Conze gar „Geschichtspornografie“ vor, weil er das Auswärtige Amt in einem Interview als „verbrecherische Organisation“ bezeichnet hatte.

Immer wieder war auch der Vorwurf zu lesen, der Fachwelt sei schon lange bekannt, dass das Auswärtige Amt entgegen dem lange Zeit transportierten Selbstbild doch kein Hort des Widerstands, sondern eine Behörde voller Mitläufer und Mittäter war. „Wir wollten von Anfang an ein Buch für das breite Publikum schreiben und nicht ein Werk von Historikern für Historiker“, entgegnete der Mitverfasser der Studie, Moshe Zimmermann, am Montagabend im hannoverschen Pavillon.

Der Professor für Neuere Geschichte an der Hebräischen Universität Jerusalem stellte „Das Amt und seine Vergangenheit“ (Blessing, 879 Seiten, 34,95 Euro) in der vom hannoverschen Politikwissenschaftler Joachim Perels moderierten Veranstaltung vor und nahm, von Perels sekundiert, auch zu seinen Kritikern Stellung.

Zimmermann befürchtet „durch die Tendenz der pauschalen Kritik“ eine dauerhafte Diskreditierung des Buchs und seiner Autoren. „Am Ende sind Wissenschaftler keine Wissenschaftler mehr, sondern Dilettanten.“ Die Schlussfolgerung, beklagt Zimmermann, könnte sein, dass eine solche „Studie von Dilettanten“ gar nicht stimme und das Auswärtige Amt plötzlich doch nicht am Holocaust beteiligt gewesen sei.

Als Beispiel für solchen Geschichtsrevisionismus zitierte er einen „schockierenden Brief, den wir kurz nach der Präsentation der Studie erhalten haben“. Er stammt von Rudolf von Ribbentrop, Sohn des langjährigen Außenministers unter Hitler, Joachim von Ribbentrop. Rudolf von Ribbentrop zitiert erst aus dem „Amt“, wo es heißt: „Das Schicksal der deutschen Juden wurde am 17. September 1941 besiegelt: An diesem Tag fand ein Treffen Hitlers mit Ribbentrop statt. Dem Treffen unmittelbar voraus ging Hitlers Anordnung, die soeben durch den Judenstern gekennzeichneten deutschen Juden in den Osten zu deportieren.“

Über diese Passage echauffierte sich Rudolf von Ribbentrop mit den unglaublichen Worten: „Damit schieben Sie (also die Mitglieder der Kommission) die Verantwortung für den Holocaust Hitler und Ribbentrop persönlich zu.“ Er habe die Worte kaum glauben können, die er da las, sagte Zimmermann. Diese Art der Kritik bereite ihm Sorge.

Am meisten machen Moshe Zimmermann, das war deutlich zu spüren, die Angriffe „meines Kollegen und Freundes“ Hans Mommsen zu schaffen. Mommsen, renommierter Fachmann für die Geschichte des Nationalsozialismus, hat unter anderem die zitierte Stelle über das Treffen zwischen Hitler und Ribbentrop scharf kritisiert. Es sei unhaltbar, dass „Außenminister Ribbentrop mit Hitler am 17. September 1941 die Deportation der deutschen Juden beschlossen“ habe. Hier fehle es an einer „schrittweisen Analyse der Radikalisierung der Judenverfolgung“.

Mommsen spricht darüber hinaus von pauschalen Urteilen, methodischen Mängeln und wirft den Autoren Eitelkeit vor. „Ich kann mir bis heute nicht erklären, warum sich Mommsen zur Galionsfigur der Kritiker aufschwingt“, rätselt Moshe Zimmermann.

Der bekennende Fußballfan des HSV, dessen Eltern 1938 gerade noch rechtzeitig aus Hamburg nach Palästina auswanderten, kündigte an, er wolle sich mit seinen Kritikern auf ein Podium setzen und diskutieren. „Als Fußballspieler bin ich immer dafür, dass zwei Mannschaften auf dem Platz stehen, nicht nur eine.“

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Kultur „Album“ & „Meine Lieblings-Flops“ - Hans Magnus Enzensberger veröffentlicht Tops und Flops

Hans Magnus Enzensberger ist mit „Album“ und „Meine Lieblings-Flops“ ein publizistischer Doppelschlag gelungen. Der Autor veröffentlicht in den beiden Büchern ein Sammelsurium an Anekdoten und Ideen.

Ronald Meyer-Arlt 26.01.2011

Mit seinem Roman „Generation A“ hat der kanadische Schriftsteller Douglas Coupland versucht einen neuen Generationenroman zu schreiben.

Ronald Meyer-Arlt 26.01.2011

Der als antisemitisch kritisierte Film „Tal der Wölfe - Palästina“ kommt vorerst nicht in die deutschen Kinos. Die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) habe den Action-Film aus der Türkei nicht freigegeben, sagte eine Sprecherin der Kölner Verleihfirma Pera Film.

25.01.2011