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So einte sich Europa

Buch "Höllensturz" So einte sich Europa

Ian Kershaw erzählt von seinem Buch "Höllensturz" - ein Überblick über die treibenden Tendenzen Europas zwischen 1919 und 1949. „Ich wollte wissen, wie es möglich war, dass Hitler in einem Land mit solcher Kultur an die Macht gelangen konnte", sagt der britische Historiker über Deutschland.

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Warnt vor einer „Tendenz zur Zersplitterung Europas“: Ian Kershaw mit Alexander Solloch im Literarischen Salon.

Quelle: Tim Schaarschmidt

Hannover. Wie wirkungsvoll deutsche Kulturarbeit im Ausland sein kann - das demonstriert kein Lebensweg so schlagend wie der des Forschers Ian Kershaw. „Das Goethe-Institut hat 1986 eine Zweigstelle in Manchester eingerichtet“, erzählt der britische Historiker, „und dort hat mich meine Deutschlehrerin für deutsche Kunst, Literatur und Geschichte begeistert.“ Davor ist Kershaw zwar schon einmal Gast in einer bayrischen Kleinstadt gewesen, danach aber nimmt er sich die Sozialgeschichte dieses Ortes vor. „Ich wollte einfach wissen, wie es möglich war, dass Hitler in einem Land mit solcher Kultur an die Macht gelangen konnte.“

Für Laien leicht lesbar

Für Kershaw, der bis dahin nur die Wirtschaftsgeschichte englischer Klöster erforscht hat, bildet der Wechsel vom Mittelalterhistoriker zum Zeitgeschichtler den Auftakt einer umfangreichen und international beachteten Publikationstätigkeit rund ums Thema Nazideutschland, an der nicht zuletzt sein geschliffener und auch für Laien leicht lesbarer Stil gerühmt wird. Als sein jüngstes Werk ist nun die deutsche Übersetzung von „To Hell and Back“ erschienen, das sich mit der europäischen Geschichte vom Ende des Ersten bis über das Ende des Zweiten Weltkriegs hinaus beschäftigt. Darüber hat Kershaw jetzt im Literarischen Salon mit NDR-Kulturredakteur Alexander Solloch gesprochen - was so viel Publikum anlockt, dass am Ende viele Besucher nur Platz auf der geschwungenen Treppe im großen Conti-Foyer finden.

Wenn soziale Strukturen zusammenbrechen

Solloch nimmt Kershaws Wechsel vom Mittelalter ins 20. Jahrhundert zum Anlass, nach der Macht des Zufalls und der Rolle der Persönlichkeit in der Geschichte zu fragen. „Mit dem Zufall muss man auch dabei rechnen“, antwortet der 73-Jährige, „aber die Basis bilden die sozialen Strukturen - nur wenn diese Strukturen zusammenbrechen, kann die Persönlichkeit eine besondere Rolle in der geschichtlichen Entwicklung spielen.“ Solche Zusammenbrüche hat es im 20. Jahrhundert allerdings zuhauf gegeben. Kein Wunder demnach, dass Gestalten wie Hitler, Stalin und Mussolini auch international überragenden Einfluss bekommen haben - was die meist eher national ausgerichteten Geschichtsschreibungen europäischer Historiker oft nur teilweise erfassen.

Info

Nächster Literarischer Salon ist mit der Autorin Shida Bazyar am 19. September um 20 Uhr im Conti-Foyer, Königsworter Platz.

"Das Buch enthält nichts Neues"

Mit „Höllensturz“ (Deutsche Verlags-Anstalt, 768 Seiten, 34,99 Euro), wie, geradezu christlich-eschatologisch, der deutsche Titel von „To Hell and Back“ lautet, unternimmt Kershaw einen der seltenen - und in solcher Breite zu diesem Thema wohl einzigartigen - Versuche eines Überblicks über alle treibenden historischen Tendenzen Europas zwischen 1919 und 1949. Entstanden ist so nach seinen Worten ein „breites Panorama aus der Vogelperspektive“, ein Werk, für das er mehr in Büchern von Kollegen als in Archiven geforscht habe. „Das Buch enthält nichts Neues“, behauptet Kershaw gar bescheiden, auch wenn eine Gesamtschau mehr sei als die Summe der einzelnen nationalen Geschichtsschreibungen.

Vier Faktoren für den Aufstieg von Diktatoren

Aus dieser Vogelperspektive erkennt Kershaw vier Faktoren für den Aufstieg von Diktatoren und die „unermessliche Katastrophe“ des Europas dieser Jahre: die „explosionsartige Ausbreitung“ eines ethnisch-rassischen Nationalismus“, territoriale Revisionsforderungen, eine langanhaltende Krise des Kapitalismus sowie Klassenkonflikte, die mit dem Entstehen der Sowjetunion erstmals ein Regime hervorgebracht hatten, das sich als Alternative zum Kapitalismus präsentierte.

Weg zum einigen Europa nicht bruchlos

Das ist gewiss nicht grundsätzlich neu, die Zusammenschau paralleler Entwicklungen dürfte aber für viele ebenso verblüffend sein wie manches Detail. Etwa die Beobachtung, dass nicht nur Hitler in Deutschland zur Macht gelangte, sondern dass es in der Zeit zwischen den Zwanziger- und den Dreißigerjahren auch jenseits der deutschen Grenzen zu einem Wandel von jungen Nachkriegsdemokratien hin zu neuen autoritären Regimen gekommen ist. Oder auch der Umstand, dass Frankreich und Großbritannien noch 1947 einen Verteidigungspakt gegen Deutschland geschlossen haben, dem prompt auch die Benelux-Staaten beitraten. Dass also der Weg zum einigen Europa keineswegs so bruchlos verlaufen ist, wie es etwa Helmut Kohls rührseliger Rückblick auf das Wegstemmen von Grenzbalken nahegelegt hat.

Gründe für die europäische Einigung

Mit dem angenehm unsentimentalen Blick des Historikers benennt Kershaw dagegen seinerseits Faktoren der europäischen Einigung - wozu er neben der Zerschlagung deutscher Großmachtambitionen und der Zurückstellung nationaler Egoismen hinter die neuen Zwänge des Ost-West-Konflikts kühl auch „massive ethnische Säuberungen“ rechnet, wie es sie besonders im sowjetisch beherrschten Osteuropa gegeben habe. „Gewiss folgten dort Jahrzehnte der Diktatur, aber diese homogeneren Nationalstaaten waren insgesamt stabiler als viele Staatsgebilde nach dem Ersten Weltkrieg.“

Tendenz zur Zersplitterung

Dass viele Besucher die Sorge um die europäische Stabilität zu dem Abend mit Ian Kershaw führt, wird bei den Publikumsfragen deutlich. Ob er ihrem Partner, der in den Midlands arbeite, jetzt dazu raten würde, Großbritannien zu verlassen, fragt da eine Zuschauerin den Historiker. „Auf keinen Fall“, gibt Kershaw zurück und warnt davor, den derzeit zu vernehmenden ausländerfeindlichen Tönen auf der Insel zu viel Gewicht beizumessen. Zuvor hat er den Brexit freilich schon „eine Katastrophe für die Briten und für ganz Europa“ genannt. „Eine Tendenz zur Zersplitterung Europas ist da, und auch die Eurozone ist in Gefahr, denn derzeit dominieren die nationalen Interessen.“

Doch das ist Gegenstand des nächsten Buches, an dem Kershaw schon arbeitet und das dort beginnen soll, wo „Höllensturz“ - keineswegs zufällig - endet: mit der Explosion der ersten sowjetischen Atomrakete am 29. August 1949. „Denn diese Explosion markiert den Beginn der bipolaren Welt, die in den folgenden Jahrzehnten die meisten anderen Konflikte in den Schatten gestellt hat.“

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