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Ian McEwan veröffentlicht „Solar"

Umweltroman Ian McEwan veröffentlicht „Solar"

Am Dienstag erscheint in den deutschen Buchhandlungen Ian McEwans großartiger Roman „Solar" über den Klimawandel und Umweltzerstörungen.

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Quelle: dpa

Angeblich war Angela Merkel schuld. Als die deutsche Bundeskanzlerin und Physikerin im Jahr 2007 als Schirmherrin eines Symposions in Potsdam zum Thema Klimawandel ihre Ansprache hielt, fehlten dem ebenfalls anwesenden englischen Schriftsteller Ian McEwan noch die Ohrstöpsel für die Synchronübersetzung. So hatte er Zeit, seinen Blick schweifen zu lassen – und er sah ausschließlich Nobelpreis­träger, die den Zenit ihrer Karriere längst hinter sich hatten. Den „Hauch ­einer Tragödie“, einer „amüsanten Tragödie“ allerdings, habe er gespürt, als er diese Männer sah, die allesamt wichtige Posten innehatten, aber womöglich schon seit langer Zeit nicht mehr forschten, hat McEwan jetzt in einem Interview erzählt.

Es war die Geburtsstunde von Michael Beard, dem tragikomischen Helden in McEwans großartigem neuen Roman „Solar“. Das Buch, das heute auf Deutsch in die Buchläden kommt, gilt als der erste größere Roman eines Autors von Weltrang, der das Thema des globalen Klimawandels aufgreift. Dass daraus ein ebenso kluges wie amüsantes Buch geworden ist – es ist­ mit großem Abstand McEwans witzigster Roman – hat vor allem mit seinem Hauptdarsteller zu tun.

Direkt nach jenem Symposion in Potsdam hatte McEwan noch über die Schwierigkeiten für einen Romanautor gesprochen, über ein Thema wie Umweltzerstörung zu schreiben, obwohl die Sache selbst dem Schriftsteller seit den siebziger Jahren am Herzen liegt. Ein Roman, „in dem öfter mit dem Fahrrad gefahren und seltener geflogen wird, in dem der persönliche Kohlendioxidverbrauch reduziert wird“, könne „ganz schön langweilig werden“, sagte er damals: „Langweilig, herablassend, gönnerhaft und bevormundend.“

In „Solar“ entgeht der 62-Jährige der Gefahr, einem Umweltroman mit zu viel moralischer Intention alles Leben auszutreiben, indem er sich für einen zutiefst unmoralischen Helden entscheidet: einen Wissenschaftler, der sich deutlich mehr für guten Sex als für die wissenschaftlichen Belange seines Instituts für erneuerbare Energien interessiert. Als dem Physiker zufällig die Pläne eines jüngeren Institutsmitarbeiters zur Gewinnung von Strom mithilfe künstlich herbeigeführter Photosynthese in die Hände fallen, scheut er sich nicht, diese Idee zu klauen.

Beard, Nobelpreisträger, Vielfraß, Vielschwätzer und Zyniker, ist 53 Jahre alt, als die Romanhandlung im Jahr 2000 beginnt. Seine wissenschaftlichen Meriten hat er sich als junger Mann kurz nach dem Studium mit einer Weiterentwicklung der Photovoltaik verdient, der sogenannten Beard-Einstein-Verschmelzung. Seitdem hat er fünfmal geheiratet und unzählige Geliebte gehabt, seinen Namen mithilfe gut dotierter Vorträge und geschickten Einwerbens von Fördermitteln zu Geld gemacht – und dabei die Finger von wirklich innovativen Forschungsprojekten gelassen. Mit anderen Worten: Der Protagonist aus „Solar“ ist wie geschaffen dafür, um mit größtmöglicher ironischer Distanz über den Klimawandel als „die nächste biblische Plage“ zu berichten, die „das Endzeitdenken nach dem Tausendjährigen Reich, dem totalen Atomkrieg und der ebenso unausrottbaren wie unspektakulären globalen Armut aus dem Hut gezaubert hat“.

Es ist große Kunst, wie McEwan eine Forschungsreise seines Helden nach Spitzbergen und sein dortiges Zusammentreffen mit lauter potenziellen Weltrettern, Künstlern und Umweltfanatikern beschreibt. Beard soll im ewigen Eis neue Einsichten in Sachen erneuerbare Energien gewinnen. Stattdessen kämpft er mit so prosaischen Fragen, wie man – wenn man muss – trotz arktischer Minusgrade auf einer Expedition draußen pinkeln kann. Das ist grotesk und dabei höchst amüsant geschildert.

Wie souverän McEwan mit seinem Stoff umgeht, zeigt auch, dass es ihm gelingt, eine komplette Rede seines Helden in einem Hörsaal voller Rentenfondsmanager in dem Roman unterzubringen, ohne seine Leser auch nur eine Sekunde zu langweilen. Er macht aus dem Sachvortrag eine Satire, indem er den verfressenen Beard während des ganzen Vortrags gegen seine Übelkeit ankämpfen lässt, nachdem er sich zuvor auf einem Empfang den Bauch zu voll geschlagen hat.

Dazu ist der kluge englische Schriftsteller in „Solar“ auf dem aktuellen Stand der Forschung. Das haben ihm seit dem Erscheinen des Buches in der Originalversion im Frühjahr dieses Jahres mehrere Wissenschaftler bescheinigt, unter anderem Hans Joachim Schellnhuber und Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimaforschung. Beide haben ihm auch beim Recherchieren geholfen, ohne allerdings genau zu wissen, woran McEwan gerade arbeitete.

Nach dem Roman „Saturday“ (2005), in dem der Autor die Angst der Engländer vor einem Terroranschlag beschrieb, ist es dem Briten ein zweites Mal gelungen, einen aktuellen Stoff auf hohem Niveau zu verarbeiten. Er hat aus dem Klimawandel ein faszinierendes Stück Literatur gemacht: eines, das weder langweilig noch herablassend oder gönnerhaft, sondern ganz im Gegenteil intelligent und witzig ist.

Autor Ian McEwan
Titel „Solar“
Verlag Diogenes
Seitenzahl 402 Seiten
Preis 21,90 Euro
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