Volltextsuche über das Angebot:

9 ° / 7 ° Sprühregen

Navigation:
„Ich bin kein sehr fleißiger Mensch“

Axel Hacke im Interview „Ich bin kein sehr fleißiger Mensch“

Axel Hacke findet, er habe sich „sozusagen selbst überholt“, und das sei ein tolles Gefühl: Hacke ist jetzt 59 und schreibt seit 30 Jahren Kolumnen. In den vergangenen 25 Jahren sind 1001 davon im Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ erschienen. 

Voriger Artikel
Top-Favoriten räumen Emmys ab
Nächster Artikel
Ein Liebessessel im Musée d'Orsay

Axel Hacke – Leser und Kolumnist.

Quelle: Sorin Morar

Herr Hacke, nach welchen Kriterien haben Sie die rund 200 Texte der neuen Sammlung aus Ihrem Kolumnensee gefischt?
Einen Plan hatte ich nicht, ich bin richtig versackt in der Materialfülle und mit dem Lesen gar nicht hinterhergekommen. Ich musste mir natürlich überlegen, wie ich das alles ordne, und bin so vorgegangen wie beim Schreiben oder bei einer Lesung: assoziativ und spontan. Also nicht chronologisch oder nach ganz harten, ernsten Themen sortiert, sondern nach dem Lustprinzip.

Obwohl Ihnen ja ständig das „Gespenst des Kolumnismus“ im Nacken sitzt ...
Ein sehr nützlicher Geist, der einen zum Arbeiten zwingt. Ich bin eigentlich kein fleißiger Mensch. Aber die Umstände und dieses Gespenst nötigen mich zum Fleißigsein. Ich habe einen Druck von außen, den brauche ich auch, und das Gespenst sagt: „Hey, du kannst dir jetzt kein Rumbaseln leisten, du musst jetzt loslegen.“

Sie schreiben die Kolumne fürs SZ-Magazin immer mittwochs. Haben Sie einen Text in der Schublade, falls Ihnen mal keiner gelingt?
Jahrzehntelang habe ich das tatsächlich ohne jede Reserve, ohne Netz und doppelten Boden gemacht. Das wundert mich selber, dass das immer gut gegangen ist. Seit zwei, drei Jahren liegt eine Reserve-Kolumne in der Schublade, aber nicht für den Fall, dass mir nichts einfällt, sondern, dass ich krank werde oder irgendetwas Ernsthaftes passiert, das mich vom Schreiben abhält. Aber bisher hab ich noch immer geschrieben, selbst wenn es manchmal hart war. Auch an den Tagen, an denen meine Eltern gestorben sind, musste ich schreiben.

Als Ihr Leser denkt man leicht, Sie erlebten die Dinge Woche für Woche genauso, wie Sie sie aufschreiben. Ist es Ihnen wichtig, dass die Leute mal erfahren, dass dem nicht ganz so ist?
Och, ich erzähl das zwar immer wieder. Aber irgendwie ist’s auch egal. Die Leser wollen es einfach so, und wenn man ehrlich ist, sind die Kolumnen ja immer angeregt durch mein Leben. Und so soll es auch sein: Der Kolumnist ist jemand, mit dem sich der Leser identifizieren kann, sozusagen ein Verbündeter in der Zeitung. Zu dem man Kontakt hat, der irgendwie das eigene Leben zu kennen scheint. Der immer da ist. Ich halte nichts davon, wenn Kolumnisten Urlaub machen und sich vertreten lassen. Ein anständiger Kolumnist wird nicht krank und wechselt sich mit niemandem ab. Das geht gegen mein Berufsethos.

Merken Sie nach 25 Jahren noch einen Unterschied, ob Sie in West- oder Ostdeutschland lesen?
Schwer zu sagen. Vielleicht ist das Publikum im Osten noch immer ein bisschen neugieriger und aufmerksamer als in manchen westdeutschen Städten. Wenn man überhaupt einen Unterschied festmachen will, dann ist es der.

Sie stellen Ihr Leben also ganz in den Dienst des Lesers und der Eigendynamik der Kolumne. Aber ist es Ihren mittlerweile erwachsenen Kindern kein Anliegen, dass man nicht alles, das nun wieder in einem Buch steht, für bare Münze nimmt?
Nicht sehr eigentlich. Die Großen sind ja heute schon an die 30 und waren damals sehr, sehr klein. Es ist für sie eher ein bisschen wie ein Familienalbum. Eine Zeit unseres Lebens, die sich in dieser Kolumne widerspiegelt, und irgendwie mögen sie diese Geschichten, glaube ich. Bei Luis – mein Sohn heißt nicht Luis, aber ich meine den Sohn, der das Vorbild für Luis gewesen ist – da habe ich in einem gewissen Alter auch einfach aufgehört. Mit zwölf kommt so eine Zeit, in der Kinder eine andere Form von Intimität entwickeln und vielleicht nicht von Schulkameraden auf so etwas angesprochen werden möchten. Über meine Kinder in der Pubertät wollte ich nie schreiben, das war mir zu heikel.

Sie haben dann lieber zum Beispiel über Edmund Stoiber geschrieben. Bedauern Sie, dass er kaum noch öffentlich in Erscheinung tritt?
Na ja, als Kolumnist schon. Aber politisch war ich ihm nie besonders nahe. Er war ja aus der Strauß-Ära übrig geblieben, und dafür hege ich nicht viele Sympathien. Aber Stoiber hat natürlich schon ein enormes komisches Potenzial, und wenn das plötzlich nicht mehr da ist, dann tut’s einem irgendwie leid.

Stoibers Erbe hat in Ihren Kolumnen in mancher Hinsicht Wladimir Putin angetreten. Würden Sie es, sollte es je dazu kommen, aus beruflichen Gründen bedauern, wenn er seine Macht verlöre?
Nee, ganz sicher nicht. Für den Mann habe ich nicht viel übrig. Allerdings fürchte ich, dass das, was nach ihm kommt, noch viel entsetzlicher ist. Ich würde mir für Russland etwas ganz anderes wünschen. Dass das Land sein Potenzial erkennt. Dass es seine Demokratie entwickelt und dass diese Form der Diktatur ein Ende nimmt.

Interview: Mathias Wöbking

Buchtipp






Axel Hacke: „Das Kolumnistische Manifest. Das Beste aus 1001 Kolumnen“. Kunstmann. 616 Seiten, 
19,95 Euro.     

Am 1. Oktober um 20 Uhr liest Axel Hacke im Pavillon Hannover.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur
Adventskonzert des Knabenchores Hannover in der Marktkirche

Machet die Tore weit – unter diesem Motto stand das Adventskonzert des Knabenchores Hannover in der Marktkirche. Und eine federnd leichte, hoffnungsfrohe und zuversichtliche Interpretation der gleichnamigen Motette von Andreas Hammerschmidt liefert der Chor dann auch.