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„Ich will die ganze Kestnergesellschaft“

Daniel Richter „Ich will die ganze Kestnergesellschaft“

Daniel Richter ist ein Popstar der Kunst. Seine Bilder kosten so viel wie Wohnungen in Berlin-Mitte. In seinem Atelier malt er derzeit Werke für eine große Schau in Hannover.

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Künstler mit invalidem Fuchs: Daniel Richter geht es nicht bloß um schönen Schein, sondern auch um „Sehnsüchte, Ängste und den Kram“.

Quelle: Stefan Maria Rother

Vom Autonomen aus der Hamburger Hausbesetzerszene zum Darling des Kunstmarktes war es für Daniel Richter nur ein kleiner Schritt. Eben noch hatte er Plattencover für Punk-Bands wie „Angeschissen“ kreiert, da wurde er plötzlich von reichen Sammlern umschwärmt. Von seinem Atelier in Berlin-Mitte aus belieferte der 1962 geborene Maler internationale Sammler mit Bildern in dem für ihn typischen psychotischen Röntgenstil: ein bisschen Chaos, ein bisschen deutscher Expressionismus und ein Schuss Romantik. 2007 brachte sein Ölbild „Grünspan, fertig ist die Möhre“ im New Yorker Auktionshandel 481 000 Dollar ein. Es war das Jahr, als Richter Berlin-Mitte zu „unwirklich“ wurde. Er ging nach Hamburg zurück und stritt für den Erhalt des Gängeviertels. Zum Malen kam er wenig. Im Vorjahr verließ er die Hansestadt entnervt („Hamburg ist unglaublich langweilig“) und zog wieder nach Berlin.

In seinem Atelierloft in einem Hinterhof in Berlin-Schöneberg schuf er in den zurückliegenden Monaten im Akkord Großformate – für seine Ausstellung in der Kestnergesellschaft Hannover. Zwischen 15 und 18 eigens für Hannover angefertigte Gemälde wird er in der Kestnergesellschaft zeigen. Es ist ein bisschen ein Comeback. Daniel Richter, künstlerisch ein Kind der alten Wilden, erfindet sich gerade neu.

„Es hätte auch einen Lift gegeben“, sagt ein Mann in Bademeister-Outfit. Das braune Haar zerzaust, mit Hipster-Brille, die er später ablegt, so steht der Großverdiener in seiner winzigen Teeküche und begrüßt seine Gäste mit leicht zerstreuter Höflichkeit. Zwei Schritte weiter öffnet sich ein hallenartiger Raum als eine Mischung aus Gemäldekontor und orientalischer Höhle. An den Wänden lehnen großformatige Werke in teils schreienden Farben. Auf einem Tisch liegen Bataillone von Farbtuben, sorgsam sortiert nach Farbabstufungen. Im Zentrum des Raums, der mit Orientteppichen ausgelegt ist, steht ein graues Sofa, von dem aus man die Bilder betrachten kann. Auf einem Stuhl liegt ein Lucky-Luke-Band mit dem Titel „Das Greenhorn“.

Daniel Richter ist erst zufrieden, nachdem er seine Gäste nach hanseatischer Manier mit Tee und Keksen versorgt hat, weißem Tee aus der Provinz Fujian – „normalerweise schmeckt er rauchig, diesmal aber blumig“, bemerkt der Künstler und zieht ein langes Gesicht. Dann stört ihn die Opernmusik, er stellt „den Lärm“ ab. Noch einmal springt er auf, um eine Zigarette zu holen, die er dann aber lange Zeit nicht anzündet. Frau und Kind seien im Kroatienurlaub, erzählt Richter, „in Berlin haben sie es bei dem schlechten Wetter diesen Sommer nicht ausgehalten“.

Ein märchenhafter Titel: „10001nacht" heißt die Ausstellung des Künstlers Daniel Richter. Die Ausstellung läuft vom 4. September bis zum 6. November in der Kestnergesellschaft Hannover. Gezeigt werden zwischen 15 und 18 Gemälde.

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Auf den für Hannover bestimmten Gemälden ist viel Gebirge zu sehen. Stilistisch merkt man den Einfluss des Briten Peter Doig. Die Werke umzingeln die graue Couch wie magnetische Felder, doch Richter mag als Einstieg lieber über seine erste Plastik sprechen: ein aufrecht stehender, ausgestopfter Fuchs mit Jägerhut und einbandagierten Pfoten. „Mein Bruder musste für die Serie sechs Füchse schießen“, platzt Richter heraus und mustert aufmerksam, wie man das findet. Der bandagierte Fuchs stehe für das „verlogene Verhältnis des Menschen zur Natur“, sagt er. Aber auch als „leicht hämische Bemerkung“ über die zeitgenössische Skulptur will er das invalide Tier verstanden wissen. „In der zeitgenössischen Skulptur gibt es viele Scherzchen und Ironisierungen. Einfälle werden auf zwölf Meter aufgeblasen und poliert wie ein tolles Auto oder eine tolle Uhr.“

Luxusartikel sind allerdings auch Richters Ölgemälde. Für ein Bild von ihm zahlen Sammler so viel wie für eine Eigentumswohnung in Berlin-Mitte: zwischen 250 000 und 280 000 Euro. „Früher hat man gewartet, bis ein Künstler tot ist. Jetzt verkaufen Leute Bilder bald nach dem Erwerb in der Hoffnung auf Gewinn“, sagt Richter. In seinem Atelier versucht sich der Maler innerlich möglichst frei zu machen von Gelddingen. Geradezu altmodisch plädiert er für einen Kunstbegriff, bei dem die Seele zählt – Richter sagt „soul“.

Manche Kritiker sehen ihn als modernen Historienmaler und politischen Künstler, doch im Gespräch betont er, sein Zugang sei „sehr subjektiv“. „Es ist Malerei, keine Stellungnahme zu kulturellen oder politischen Konflikten.“ Für seine Ausstellung in der Kestnergesellschaft hat sich der Künstler den märchenhaften Titel „10001 nacht“ ausgedacht. Das soll „Endlosigkeit, eine ewig lange Nacht“ ausdrücken. Inhaltlich gehe es um das Thema Orientalismus, um Sehnsuchtsbilder – und ihre mediale Überlagerung. Bildtitel lauten „Army of traitors“, „Strangers of comfort“ oder einfach „Wow“. Richter geht es, wie er sagt, „um das Darunterliegende, die Ängste, Sehnsüchte und den Kram“.

In ikonenhafter Weise überblendet er Sehnsuchts- und Feindbild in der Figur des E-Gitarre spielenden Taliban. Richter erklärt, das Urbild für den musizierenden Taliban sei eine Fotografie gewesen, die er irgendwann mal gesehen habe: „Ein junger Soldat mit einer E-Gitarre stapft irgendwo in Afghanistan oder in einem anderen modernen Kriegsschauplatz durch den Schnee. Wahrscheinlich ist er tätowiert, mit Anabolika vollgepumpt und spielt abends Crossover-Musik.“ Als Richter auf den Mississippi-Country-Blues zu sprechen kommt und darauf, wie Robert Johnson „on the Crossroads“ dem Teufel laut Legende seine Seele verpfändete, dringt lautes Krähenkreischen durch die offenen Atelierfenster, die den Blick auf einen strahlenden Sommertag eröffnen.

„Ich habe keine Ahnung, wohin das gehen soll“, ist Richters Lieblingssatz in Bezug auf unfertige Bilder. Auf einem Gemälde hat es zwei Burka-Trägerinnen ins Gebirge geweht. Die Rückenfiguren schweben in einer rosa Wolke. Neben ihnen steht eine Gestalt in Superman-Kostüm, blickt sorgenvoll nach oben und hält mit spitzen Fingern eine Hand mit lackierten Nägeln – ein popsurrealistisches Rätselbild par excellence. „Die Idee dabei war, eine Stimmung kurz vor dem Sturm zu zeigen, der Wind bläst von rechts nach links, irgendetwas Beunruhigendes liegt in der Luft, deswegen der sorgenvolle Blick nach oben.“

Schwebende und stürzende Gestalten, ein Bergsteiger mit Rucksack und Gitarre über einem Abgrund – viele Figuren in Richters mäandernden Landschaftsbildern befinden sich in prekären Situationen. Man kann darin Spiegelungen postmoderner Unfestgestelltheit erblicken oder eines allgemeinen Gefühls der Unsicherheit. Auf bestimmte Sichtweisen festlegen lässt sich der Maler nicht. „Das Studio ist für mich eine Verpflichtung, gerade nicht logisch zu denken, sondern den Bildern auf die Spur zu kommen.“

Eigentlich hätte die Ausstellung in Hannover bereits im Vorjahr stattfinden sollen. Warum wurde sie verschoben? „Ich hatte nicht genügend Bilder beisammen und war außerdem nicht überzeugt von dem, was ich angefangen hatte“, sagt Richter freimütig. Sein Ehrgeiz bestand darin, genügend Bilder zu schaffen, um die gesamte Kestnergesellschaft zu füllen: „Um das Haus mit einem anderen Künstler zu teilen, bin ich viel zu eitel. Ich will die ganze Kestnergesellschaft haben“ – und die kriegt er auch.

Bis es so weit ist, wird sich der Künstler noch ein wenig in der Antarktis umsehen: „Ich nehme an einer Expedition der dänischen Akademie der Wissenschaften teil.“ Danach reist er aus dem hohen Norden auf direktem Weg zur Ausstellungseröffnung nach Hannover.
Die Ausstellung „10001 nacht“ läuft vom 4. September bis 6. November in der Kestnergesellschaft Hannover.

Johanna Di Blasi

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