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Kultur Igor Levit spielt im Kuppelsaal
Nachrichten Kultur Igor Levit spielt im Kuppelsaal
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00:15 03.03.2016
Igor Levit am Klavier im Kuppelsaal. Quelle: von Ditfurth
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Hannover

Man ahnt, wie die Menschen sich damals gefühlt haben müssen. 1790 reiste ein aufstrebener Pianist durch die deutschen Lande und erregte nicht nur durch seine beachtliche Fingerfertigkeit, sondern vor allem durch ein erstaunliches selbst verfasstes Klavierkonzert erhebliche Aufmerksamkeit. So etwas, wie dieser gerade einmal 20-jährige Ludwig van Beethoven spielte, hatte man bis dahin nicht gehört.

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Einspielprobe des Orchesters unter Dirigent Thomas Hengelbrock sowie dem Pianisten Igor Levit.

226 Jahre später sollte man sich eigentlich längst an die Klänge von Beethovens frühen B-Dur-Konzert gewöhnt haben. Doch wenn der Pianist Igor Levit bei seinem Pro-Musica-Auftritt vor mehr als 2500 Zuhörern im hannoverschen Kuppelsaal die Kadenz im ersten Satz anstimmt, scheint die zeitliche Distanz auf einen Schlag zu schmelzen.

Was ist das plötzlich für eine seltsame, faszinierende Musik, die zunächst mit angedeuteten Fugen auf die strengen alten Meister zurückzugreifen scheint, um dann zu immer freierer Form und zu Harmonien zu finden, für die der klassische Tonsatz kaum Erklärungen bereithält? Für einen Moment entstehen Klänge, die das glänzende Virtuosentum, auf das sich dieses Stück sonst beruft, hinter sich lassen, und den Hörer im Inneren berühren: Seelenmusik. Und dann, mit einem elegant ins Nichts verklingenden Lauf, der selbst der endlich wiedererlangten Grundtonart ihr Gewicht nimmt, ist der Zauber schon wieder vorüber.

Sehr leicht könnte man solche Passagen überhören – vor allem, weil viele Solisten einfach darüber hinwegspielen. Doch Levit findet das Ungewöhnliche gerade auch im scheinbar Bekannten. Dabei klingt sein Spiel nicht etwa exzentrisch, er legt vielmehr mit großer Klarheit die Tiefenschichten eines Werks offen. Es ist, als befreie er die Töne von allem Überflüssigen bis jeder Klang pure Musik ist. So konzentriert, so sinnstiftend, so aufregend spielen nur sehr wenige Pianisten.

Das sagen die Profis zum Kuppelsaal

„Ich bin sehr froh und glücklich“, sagt Igor Levit nach dem Konzert, dass es „meiner und unserer gemeinsamen Heimatstadt Hannover gelungen ist, den eigentlich so problematischen Kuppelsaal zu einem wunderbaren Konzertort zu machen.“ Hier sei es nun endlich erlaubt, „Musik in ihrer Unmittelbarkeit zu erleben“. Außerdem sei in dem Saal jenes „Miteinander zwischen Publikum und Musikern zu spüren, welches Konzerte doch erst zu besonderen Ereignissen macht“.

Thomas Hengelbrock, demnächst musikalischer Hausherr in der Hamburger Elbphilharmonie, gratulierte dem hannoverschen Publikum sogar in einer kurzen Ansprache vor der Zugabe zu dem „schönen, neuen Konzertsaal“. Er findet die Akustik für Musiker noch immer herausfordernd, im Vergleich zu früher aber deutlich verbessert.

Andrew Manze, Chefdirigent der hannoverschen Radiophilharmonie, zeigte sich als Zuhörer beim Auftritt der Hamburger NDR-Kollegen von den dem Saal begeistert. Er konstatierte „eine aufregende Verbesserung der Akustik“. Selbst auf hinteren Plätzen fand er den Klang „reich, klar, gut ausbalanciert und rundum schön“, was für ihn allerdings auch ein Verdienst der Ausführenden war.

Umso schwieriger ist die Begleitaufgabe für Thomas Hengelbrock und sein NDR Sinfonieorchester. Doch die Musiker aus Hamburg können selbst dann mithalten, wenn Levit etwa am Ende des langsamen Satzes seine Akkorde fast schon in Luft aufgehen lässt: So leise, leichte Tutti-Klänge sind nicht in jedem Orchester zu hören. Trotzdem hat auch das deutsche Funkorchester ähnliche Probleme wie das London Symphony Orchestra bei der Kuppelsaal-Eröffnung vor zwei Wochen: Die Holzbläser, vor allem Flöten, haben einen sehr schweren Stand in diesem Saal.

Umso erstaunlicher, wie geschlossen und charakteristisch nach der Pause die dritte Sinfonie von Johannes Brahms klang. Hengelbrock tauchte das Stück in ein ungewöhnlich dunkles, wehmütiges F-Dur und versuchte gar nicht erst, dieser intimsten aller Brahms Sinfonien falschen Oberflächenglanz zu verleihen. So endete das Konzert auch wunderbar ins Nichts verhauchend. Und weil das kein ordentlicher Schluss ist, gab es den trompetenbewehrten letzten Satz aus Dvoráks achter Sinfonie als Zugabe. Viel Applaus für ein außergewöhnliches Konzert.

Von Stefan Arndt

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