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Kultur Igor Levit begeistert das Publikum im Sendesaal des NDR
Nachrichten Kultur Igor Levit begeistert das Publikum im Sendesaal des NDR
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00:29 31.05.2018
NDR Funkhaus: Probe Igor Levit, Grosser Sendesaal. Quelle: Foto: Katrin Kutter
Hannover

Muss nun die Musikgeschichte umgeschrieben werden? Das nicht, aber die Interpretationsgeschichte ist an diesem Abend doch um ein spannendes neues Kapitel erweitert worden. Nach diesem gefeierten Pro-Musica-Konzert im NDR Sendesaal dürfte so mancher Musikfreunde die Klavierkonzerte von Felix Mendelssohn Bartholdy mit anderen Augen sehen. Zu unerhört war, was Solist Igor Levit und die hellwache Deutsche Kammerphilharmonie Bremen geboten hatten.

Die beiden Klavierkonzerte Mendelssohn Bartholdys (ein paar Jugendwerke mal überhört) werden gerne unterschätzt - und Lang Langs arg pauschale Einspielung des g-Moll-Konzert ist da kein Gegenbeweis. An dieser Geringschätzung als Spielwerk sind der Urheber und sein Komponisten-Kollege und Gerne-Kritiker Robert Schumann nicht unschuldig. Das Opus 25 nannte Mendelssohn „ein schnell hingeworfenes Ding“, das spätere Opus 40 bekam von Schumann das vergiftete Lob, es sei eine „flüchtige, heitere Gabe“.

Flüchtig? Heiter? Nicht bei Levit, der sich offenbar sagt, wenn schon d-Moll, dann aber auch richtig. Da sind die ersten Takte ein fragendes, bohrendes Rezitativ, eine Befragung. Der dann der Ausbruch folgt. Das Orchester setzt kräftige Akzente, doch der Solist prägt mit Ausrufe- und Fragezeichen, mit Innehalten und Vorwärtsstürmen das Spiel. „Igor Levit: Klavier & Leitung“ steht im Programmheft. Und auch wenn er keine sichtbaren Dirigieranweisungen gibt, prägt er das Konzert. Wenn er mit geschickt dosierter Spannung überleitet ins Adagio, das ein betörend schlichtes, aber eindringliches Lied ist. Und im Finale zündet Levit das von Mendelssohn intendierte Klavierfeuerwerk, in dem Aberwitz glänzt, aber auch leiser Zauber aufblitzt.

Nach der Pause legt Levit im früheren g-Moll-Konzert los, als wolle er sagen „nimm das, Tschaikowsky, wer braucht schon b-Moll, wenn g-Moll reicht“. Schließlich steht da „con fuoco“. Levit legt Feuer, die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen gibt ebenfalls Zunder. Notfalls stachelt Konzertmeister Florian Donderer mit dem Bogen zeichengebend an. Das Andante glimmt weiter, ist traurig und tröstlich in einem, wenn Levit schattiert und illuminiert. Und das Finale funkelt und flirrt, fegt und feiert.

Nicht erst jetzt ist das Publikum im Großen Sendessaal, in dem nur ganz wenige Plätze frei geblieben sind, schwer begeistert. Igor Levit, der in Hannover in jeder Hinsicht groß wurde, ehe er in die Musikwelt hinauszog, entscheidet sich nicht für eines der vielen Mendelssohn-Lieder ohne Worte, sondern schlägt mit Schubert in seinen Bann: Das Allegretto in c-Moll schwebt fast suizidal im Raum und birgt doch ein kleines Drama. Wunderschön!

Mit Schubert hatte es ja auch begonnen und endet es. Erst die Ouvertüre im italienischen Stil, die vorführt, was passiert, wenn man als junger Komponist zu viel Rossini hört. Und am Ende die frühe, gut gelaunte, aber im Menuetto unerwartet grimmige Fünfte.

Konzertmeister Florian Donderer führt die Kammerphilharmonie stilsicher. Das ist im besten Sinn historisch informiert und immer hellwach. Die kleine Streicherbesetzung füllt den Raum, die Bläser überzeugen.

Zum Abschluss eines Programms, das hoffentlich auf Tonträger dokumentiert wird, das zweite „Rosamunde“-Zwischenspiel als sanftes Wiegenlied.

Von Rainer Wagner

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