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00:18 03.12.2015
Von Rainer Wagner
Geschichte atmen: Andrew Manze bei der Probe in Wien. Quelle: Lefèvre
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Wien

Die Spannung war groß. Und sie wurde ungebeten vergrößert, als wir erfuhren, man solle wegen der derzeitigen Sicherheitslage eine Stunde früher als geplant am Flughafen sein. Die verschärften Sicherheitsmaßnahmen in Langenhagen sahen so aus, dass man nur eine einzige Sicherheitskontrolle bereithielt. Weshalb die Mitglieder der NDR Radiophilharmonie und der begleitende Musikreporter erst einmal lange anstanden (beim Rückflug in Wien ging das dann in wenigen Minuten).

Reisen sind nichts Besonderes für die Musiker, die kleine und große Tourneen hinter sich haben. Der Abstecher nach Wien etwa war der Abschluss einer kleineren Reise, die nach Köln und Freiburg geführt hatte. Aber Wien ist noch einmal eine Sache für sich. Vor allem, wenn es in den Großen Musikvereinssaal geht. Der ist für Musiker, was das alte Wembley Stadion für Fußballer war: ein Tempel der Tradition, eine Weihestätte, ein Spielplatz der Ehre.

Entsprechend neugierig bis ehrfürchtig nähern sich die Radiophilharmoniker am nächsten Vormittag dem Saal. Selbst wer vor zwölf Jahren schon dabei war, als das Orchester mit seinem damaligen Chef Eiji Oue hier gastierte, zeigt Respekt.

Chefdirigent Andrew Manze setzt sich mitten in den Saal und lässt die Atmosphäre wirken. Der Blick nach oben präsentiert Apollo und die neun Musen, am Rande die Grazien, dazu Büsten der großen Komponisten und Gold, viel Gold. Eine Luxusschuhschachtel voller Holztöne und Blattgoldpracht. Hier könne man stundenlang sitzen und die Geschichte atmen, erläutert mir der Engländer, der in diesem Saal schon mit einem kleineren Ensemble und Alter Musik aufgetreten ist - und sich an ein ziemlich unruhiges bis unkonzentriertes Publikum erinnert. Seine Musiker machen derweil ihre eigenen Erfahrungen auf dem Podium, auf dem die Stufen eine für etliche eher ungewohnte Sitzordnung bedingen. Hier gibt es keine Hubpodien, die man heben oder senken könnte, man muss sich die Stufenlandschaft erobern. Manchmal auch mit Stühlen, deren hintere Beine abgesägt sind.

Dann aber beginnt die Probe mit der 4. Sinfonie von Johannes Brahms. Und zweierlei überrascht: Wie stark Andrew Manze, der jetzt das fünfte Konzert mit diesem Programm angeht, noch in die Detailarbeit geht. Und die zweite Überraschung: Der Klang in diesem Saal ist zwar erwartungsgemäß üppig, aber auch unerwartet knallig. Ein Wiener Philharmoniker, der für einen kurzfristig erkrankten Geiger eingesprungen ist, kann die Kollegen beruhigen. Am Abend, bei vollem Saal, wird das ganz anders sein. Im Übrigen kann es nur besser sein als im heimischen NDR-Sendesaal, den ein Radiophilharmoniker als „akustische Insolvenzverwaltung“ einstuft.

Nach einigen Minuten gibt es ein ernstes Problem. Die Kontrabassisten intervenieren. Die stehen bei Manze nach dem Vorbild der Wiener Philharmoniker hinter dem Orchester, aber eben auch direkt an der Wand. Und die davor sitzenden Hornisten blasen ihnen den Hörnerklang voll um die Ohren. Und noch entscheidender: auch direkt an die reflektierenden Holzwände.

Also gibt es jetzt einen Umzug der vier Hörner auf die linke Seite, wo sie aber zu weit auseinander sitzen. Also noch einmal umziehen, wieder mehr in die Mitte, aber halblinks. Jetzt passt es. Auch wenn Solohornist Hans-Theodor Wilmes Brahms zitiert, für den bei seiner Musik Hörner nie zu laut seien.

Am Abend folgt dann die Probe aufs Exempel. Der Saal mit 1744 Sitz- und 300 Stehplätzen ist zwar nicht ganz ausverkauft, aber sehr gut besucht. Das Publikum ist allerdings großteils etwas älter, als man es von einer „Jeunesse“-Veranstaltung erwarten durfte.

Schon bei der „Vorstellung des Chaos“, mit dem der Abend beginnt, klingt nur das chaotisch, was Joseph Haydn so gewollt hat. Ansonsten ist der Klang rund und warm. Wenn zu Beginn von Bent Sørensens Trompetenkonzert die Kontrabassisten lautmalerisch sich die Hände reiben, dann trägt das leise Geräusch im Saal. Und die verhalten-verhangenen Töne der gestopften Trompete von Tine Thing Helseth schweben wundersam im Raum. Und Joseph Haydns Trompetenkonzert überzeugt in schwungvoller Interpretation und mit brillantem Ton der Solistin, die wie in Hannover ein traumverhangenes norwegisches Lied zugibt.

Nach der Pause dann Brahms satt. Die Streicher klingen voll. Auch das Pizzicato trägt. Selbst die Triangel ist punktgenau zu verorten. Manze riskiert rhythmische Zuspitzungen und weiß sich akustisch in Sicherheit. Das einleitende Hornsolo des zweiten Satzes passt sich den Gold- und Bronzetönen im Saal an. Manze erlaubt sich im Schlusssatz bei aller Formenstrenge dieser Passacaglia auch Momente der melodischen Ausschweifung. Aber immer wenn man fürchtet, jetzt seien alle besoffen vom Klang, herrscht wieder Disziplin.

Das schwingt, das klingt und zeigt Profil. Dafür gibt es sehr herzlichen Applaus. Dass dann etliche Zuschauer voreilig den Saal verlassen, das sei hier so üblich, erklären Einheimische. Die Voreiligen verpassen dann die Zugabe: Edward Elgars „Nimrod“ aus den „Enigma“-Variationen, das sehr leise beginnt und sehr klangvoll sich entfaltet.

Die NDR Radiophilharmonie konnte sich sehen und hören lassen. Demnächst steht eher die Landlust zwischen Wolfsburg und Wismar auf dem Reiseplan, aber nach Celle und Braunschweig lockt mit Monte Carlo auch der Glamour der großen, bunten Welt. Und in der nächsten Saison wartet der Ferne Osten auf die NDR-Musikbotschafter aus Hannover.

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