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„In die Vergangenheit geh’ ich nur zum Lunch“

Interview mit Woody Allen „In die Vergangenheit geh’ ich nur zum Lunch“

Woody Allen bringt seinen 41. Film "Midnight in Paris" ins Kino. Im Gespräch mit HAZ-Redakteur Stefan Stosch redet der Regisseur über Zeitreisen, Carla Bruni und seine Schreibmaschine.

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Woody Allen beim Dreh.

Quelle: dpa

Mr. Allen, Sie begeben sich mit Ihren Filmen seit ein paar Jahren auf Europatournee. Sie haben in Barcelona und in London gedreht, Ihr aktueller Film „Midnight in Paris“ entstand in Frankreich, gerade drehen Sie in Rom. Welche Europastationen planen Sie noch?

Stockholm haben wir mal in Betracht gezogen. Da würde ich gerne einen Sommer verbringen, eine wundervolle Stadt. Mein Produzent hat Gespräche geführt. Es gibt aber keine konkreten Pläne. Das ist nur eine Option unter mehreren.

Wie wäre es mit Berlin?

Niemand hat Berlin bislang ins Gespräch gebracht. Aber wenn da mal jemand kommen und sagen würde: Wir finanzieren das, wenn Sie hier einen Film drehen  ... Hat aber keiner getan. Sonst würde ich mir das ernsthaft überlegen.

In „Midnight in Paris“ begibt sich ein Amerikaner auf Zeitreise ins Paris der zwanziger Jahre. Was war für Sie an dieser Idee so reizvoll?

Wissen Sie, das Leben ist hart, die Wirklichkeit ist voller Schmerz und Enttäuschungen. Da möchte man schon mal woandershin. Man wünscht sich, dass jemand einen rausholt aus der Realität – entweder geografisch nach London versetzt oder meinetwegen auch nach Bora Bora. Man kann auch auf Zeitreise gehen. Der Witz aber ist: Man denkt dann immer nur an die angenehmen Sachen – bei den zwanziger Jahren an Cham­pagner, Kerzenschein, Revuetanz, an Künstler wie Hemingway, Gertrude Stein, F. Scott Fitzgerald. Dass es damals auch Syphilis und Tuberkulose gab, verdrängt man lieber.

Möchten Sie selbst denn in die Zwan­ziger zurückgebeamt werden?

Ich? Nein, danke. Ich möchte da nicht leben. Okay, ich würde ganz gern zum Lunch vorbeischauen, aber dann wieder sofort zurück in die Gegenwart düsen.

Sie reisen ja auch schon genug für Ihre Filme quer durch Europa.

Aber glauben Sie bitte nicht, dass das nur Spaß macht. Zum Beispiel vermisse ich in Europa meine New Yorker Dusche. Das Wasser kommt bei mir zu Hause ganz heiß raus mit einem richtig harten Strahl. In europäischen Hotels sind die Duschen nicht so empfehlenswert. Und diesen Sommer in Rom, wo ich meinen nächsten Film drehe, muss ich auf mein geliebtes Baseball verzichten.

„Midnight in Paris“ ist ein romantisches Märchen. Wie haben Sie Paris denn in der Wirklichkeit erlebt?

Das erste Mal war ich 1964 dort. Bis dahin kannte ich die Stadt nur über die französischen Filme. Deshalb war Paris für mich ein mythischer Ort. Alle Menschen küssten sich dauernd auf der Straße. Ganz so romantisch war es dann nicht, aber Paris war doch einer der schönsten Plätze, die ich je gesehen habe.

Wie haben Sie die französische Präsidentengattin Carla Bruni-Sarkozy dazu gebracht, in Ihrem Film als Museums­führerin aufzutreten?

Ich war für ein Jazzkonzert in Paris und bekam eine Einladung des Präsidentenpaares zum Brunch. Nicolas Sarkozy war schon da, und dann kam sie rein und war so wundervoll und so charismatisch. Wir haben uns unterhalten, und ich habe sie ganz einfach gefragt: Wollen Sie in meinem neuen Film mitspielen? Ich habe ihr versprochen, dass die Dreharbeiten nicht länger als zwei oder drei Tage dauern würden. Sie fand das gut, von dem Film könne sie dann ihren Enkelkindern erzählen, sagte sie.

Sie sprachen von den vielen berühmten Künstlern, denen der amerikanische Tourist in Ihrem Film begegnet. Der Mann selbst, gespielt von Owen Wilson, ist weniger erfolgreich als Autor – und auch in Ihrem vorigen Film, „You Will Meet a Tall Dark Stranger“, gab es einen frustrierten Schriftsteller. Kennen Sie selbst die Angst vorm Scheitern?

Diese Angst kenne ich glücklicherweise nicht. Ich kenne auch keine Schreibblockade. Wenn mir jetzt jemand sagen würde, schreib ein Drehbuch für einen Film, der in Serbien spielt, dann könnte ich sofort nach nebenan gehen und das Skript schreiben – obwohl ich nie in Serbien war. Ich habe auch nie Angst davor, meinen Witz zu verlieren.

Entschuldigung Sie bitte, Mr. Allen, das sollen wir Ihnen glauben?

Ja, stimmt, ich werde von allen nur denkbaren Ängsten geplagt, aber von dieser eben nicht. Vielleicht liegt das daran, dass ich meine Karriere als Gagschreiber für Radio- und Fernsehshows begonnen habe. Ich war damals sehr jung, 16 Jahre alt. Jeden Sonnabend lief die Show. Da kann man beim Schreiben nicht warten, bis einen die Muse küsst und den nächsten Gag eingibt. Wir sind am Montag an den Schreibtisch gegangen, und am Wochenende musste die Show fertig sein.

Wieso haben Sie nie einen Roman geschrieben?

Ich hab’s mal versucht, aber ich fand das Schreiben fürchterlich anstrengend. Ich habe das Manuskript damals ein paar Leuten gezeigt, die waren nicht begeistert, und dann habe ich es in die Schublade geschoben und nie wieder draufgeguckt. Ich bin offenbar nicht so der Literat, ich war immer im Showbusiness zu Hause: Ich spiele Klarinette, habe als Comedian gearbeitet. Von Literatur verstehe ich zu wenig. Das habe ich akzeptiert.

Wie schreiben Sie denn Ihre Drehbücher?

So wie ich es immer getan habe: mit Kugelschreiber, und wenn ich fertig bin, tippe ich alles auf meiner alten Schreibmaschine ab. Das gute Stück ist übrigens ein deutsches Fabrikat. Ich habe es gekauft, als ich 16 war. Die Maschine sieht immer noch tadellos aus. Es gibt Teile, die ich nie austauschen musste. Glücklicherweise hat mein Büro in New York auch einen Laden gefunden, wo man noch Ersatzteile bekommt.

In „Midnight in Paris“ stehen Sie hinter der Kamera. Wann wird man Sie denn endlich mal wieder davor sehen?

Bei dem Film, den ich jetzt in Rom drehe. Alec Baldwin, Penélope Cruz, Jesse Eisenberg, Roberto Benigni spielen mit. Und ich auch.

Interview: Stefan Stosch

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