Volltextsuche über das Angebot:

2 ° / -6 ° wolkig

Navigation:
Klangraum der Einsamkeit

Salzburger Festspiele Klangraum der Einsamkeit

Ingo Metzmacher bringt Wolfgang Rihms Oper „Die Eroberung von Mexico“ zu den Salzburger Festspielen. 1992 wurde das Werk an der Hamburgischen Staatsoper uraufgeführt: auch schon mit Metzmacher am Pult. Doch auch damals war „Die Eroberung von Mexico“ alles andere als ein Historiendrama.

Voriger Artikel
Chancen, Risiken und Nebenwirkungen
Nächster Artikel
Am Abgrund

Vor bizarrem Treiben in buntem Licht: Barition Bo Skovhus (Mitte) als Cortez and die Sopranistin Angela Denoke (zweite von rechts) als Montezuma. in „Die Eroberung von Mexico“.

Quelle: dpa

Diese Musik scheint wie gemacht für solches Wetter. Ein Klicken und Klacken, ein leises Dröhnen, das an den Rändern der Wahrnehmung vage Unheilvolles verkündet. „Eine  Landschaft, die das Gewitter kommen spürt“ hat Wolfgang Rihm über diesen Beginn seiner Oper „Die Eroberung von Mexico“ geschrieben, die nun die Salzburger Festspiele eröffnet hat. Doch natürlich sind damit nicht die drückenden Vorzeichen des Unwetters am Tag der Aufführung gemeint. Sobald man die Felsenreitschule betritt, herrscht dort eine Stimmung, die weit beklemmender ist als die draußen vor der Tür: Der archaisch anmutende Saal ist in ungesund gelbes Licht getaucht und bereits drohend vom Klang der Trommeln erfüllt, die links, rechts und hinter den Zuschauerreihen postiert sind. Noch bevor Dirigent Ingo Metzmacher, vom kommenden Jahr an Intendant der Kunstfestspiele Herrenhausen, seinen Platz eingenommen hat, ahnt man: Das Stück, die Geschichte hat längst begonnen. Wie ein Echo dringt mit dem Trommeln düsterer Stoff aus tiefer Vergangenheit in die Gegenwart.

Die Oper des heute 63-jährigen Rihm erzählt vom spanischen Feldzug in Südamerika, die einzigen Figuren sind der Eroberer Cortez und der Atztekenkönig Montezuma. 1992 wurde das Werk an der Hamburgischen Staatsoper uraufgeführt: auch schon mit Ingo Metzmacher am Pult – und mit dem heutigen hannoverschen Opernintendanten Michael Klügl als Dramaturgen. Doch auch damals war „Die Eroberung von Mexico“ alles andere als ein Historiendrama. Die geschichtlichen Tatsachen grundieren die Oper höchstens, die der Komponist nach einem Text von Antonin Artaud entworfen hat. Es geht vielmehr abstrakt um widersprüchliche Prinzipien und die Unmöglichkeit von Kommunikation.

Kampf der Geschlechter

23 Jahre nach der Uraufführung ist das deutlicher denn je zu sehen. Regisseur Peter Konwitschny, der mit 70 Jahren nun seinen späten Salzburg-Einstand gibt, hat das Thema erheblich zugespitzt. Statt vom Krieg zweier Völker und Kulturen erzählt er vom Kampf der Geschlechter. Ohnehin wird Cortez in dem Stück von einem Mann, Montezuma von einer Frau gesungen. So steht in Salzburg Bariton Bo Skovhus mit weitem Jackett und schmaler Krawatte vor der Wohnzimmertür, hinter der Sopranistin Angela Denoke noch letzte Hand an die Anordnung der Teppichfransen legt. Ausstatter Johannes Leiacker hat eine blendend saubere Standardwohnung mit Drachenbaum, Bücherregal und Ledercouch auf einen Berg von Autowracks gestellt – die Zivilisation kann sich hier nur mit Anstrengung über ihren Verfall erheben.

Der Mann weiß nicht, ob er eintreten soll, zögert und zaudert, bis ihm schließlich die Tür vor der Nase geöffnet wird. Hilflos drückt er der Frau Blumen in die Hand, die sie so schnell in eine Vase zu stecken sucht, dass der Mann von der wieder zuschlagenden Tür fast umgeworfen wird. So beginnt die Begegnung dieser Menschen, die sich verzweifelt fremd und einander doch schon rücksichtslos ausgeliefert sind: als Slapstick. Doch die Heiterkeit überspielt nur kurz die ganze Tragik des einsamen Menschen, die in diesem Stück offenbar wird. Besonders augenfällig wird das im dritten Teil der Oper, wenn die schwangere Frau satt eines Kindes Smartphones und Tablet-Computer gebiert, die die Vereinsamung der Figuren nur noch weiter vorantreiben. Erst ganz am Ende, wenn alle eigentlich schon tot sind, gibt es einen echten Moment der Gemeinsamkeit, eine geisterhafte Versöhnung.

Mehr Stimme

So zeichenhaft das Stück selbst in der zupackenden, doch bewundernswert sensibel auf die Musik reagierende Inszenierung bleibt, so sinnlich erscheint hier die Klangwelt Wolfgang Rihms. Ingo Metzmacher, der die Oper als Ersatz für eine geplatzte Uraufführung in Salzburg selbst vorgeschlagen hatte, beweist viel Sinn für die Schönheit der weit über den Raum verteilten Klänge. Man bekommt eine Vorahnung davon, welche Möglichkeiten dieser Mann wohl in den architektonischen Eigenarten der Galerie Herrenhausen entdecken wird. Bei Rihm erschöpft sich der Klangraum nicht mit den im Zuschauerraum postierten Musikern und Choristen. Auch die Partien der Sängern werden verdreifacht: Jeweils zwei Sängerinnen beziehungsweise Sprecher sind den beiden szenisch wie stimmlich außergewöhnlich präsenten Akteuren Denoke und Skovhus beigeordnet: Sie umweben oder verstärken deren Gesang meist vom Orchestergraben aus und sorgen so für eine betörende Verdichtung des musikalischen Geschehens.

Wie Spinnennetze durchweben die Klänge die gewaltige Felsenreitschule und fesseln die Zuhörer, die am Ende begeistert wie bei einer Mozart-Produktion Beifall spenden. Schließlich müssen aber doch alle den Saal verlassen und vor die Tür treten, wo das drohende Gewitter vom Nachmittag sich in strömenden Regen aufgelöst hat. Aber was ist das schon für ein Problem verglichen mit denen, die das Theater gerade stellvertretend für das Publikum durchlebt hat?

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur
Billy Talent in Hannover

Billy Talent in Hannover: Die besten Bilder des Konzerts in der Swiss-Life-Hall.