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Metzmacher macht die Kunstfestspiele groß

Herrenhäuser Festival Metzmacher macht die Kunstfestspiele groß

Am Donnerstag beginnen die Kunstfestspiele Herrenhausen – unter der Leitung von Ingo Metzmacher ist der Andrang größer als früher. Denn: Mit Metzmacher als Intendanten bemühen sich die Kunstfestspiele erkennbar nicht nur um die Kunst; sie wollen endlich auch ein großes Publikum erreichen.

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Gewaltige Integrationsleistung: Ingo Metzmacher, Intendant der Kunstfestspiele und Dirigent von Arnold Schönbergs „Gurre-Liedern“.

Quelle: Alexander Körner

Hannover. Als neuer Intendant der Kunstfestspiele Herrenhausen ist Ingo Metzmacher auch eine Art Gastgeber: Er muss dafür sorgen, dass die Festivalbesucher sich wohlfühlen werden. Am Donnerstagabend ist Eröffnung, es gibt jetzt also tausend Dinge zu tun. Erledigen kann Metzmacher die allerdings nur, wenn andere Pause oder Feierabend haben: Er ist in diesen Tagen nur früh morgens, über Mittag und spät am Abend in Herrenhausen zu finden. Dazwischen leitet er als Dirigent im Kuppelsaal die Proben für Arnold Schönbergs „Gurre-Lieder“. Doch so naheliegend es für einen gefragten Musiker wie Metzmacher sein mag, dort ein Konzert zu geben – für die Kunstfestspiele ist es ein gewaltiger Schritt: In der Vergangenheit ist es dem Festival sogar schwer gefallen, die meist nur locker bestuhlten Räume in Herrenhausen zu füllen. Nun geht es um Deutschlands größten Konzertsaal. Mit Metzmacher als Intendanten bemühen sich die Kunstfestspiele erkennbar nicht nur um die Kunst; sie wollen endlich auch ein großes Publikum erreichen.

Noch ist dabei Luft nach oben: Die rund 3500 Plätze im Kuppelsaal sind bisher erst zu zwei Dritteln verkauft. Aber auch gut 2000 Zuhörer bei einer einzigen Veranstaltung stellen alle bisherigen Besucherzahlen weit in den Schatten. Und bis Sonntag könnte die Zahl der Interessenten noch zunehmen, denn Gründe, dieses besondere Konzert zu besuchen, gibt es mehr als genug.

Arnold Schönberg ist zwar einer der zentralen Wegbereiter der atonalen Musik, die bis heute viele Konzertbesucher verschreckt. Seine frühen „Gurre-Lieder“ aber sind ein noch spätromantisches Werk von verschwenderisch-opulenter Klangfülle. Um sie hervorzurufen, wird ein beispiellos großer Orchesterapparat benötigt, dazu gewaltige Chöre und versierte Solisten. Dass es Metzmacher gelungen ist, sie alle zusammenzubekommen, ist eine Leistung, für die man ihm gratulieren kann, noch bevor der erste Ton erklungen ist.

Der Intendant und Organisator dürfte aber auch als Dirigent eine sehr gute Wahl für dieses Stück sein. Der Verdacht, Metzmacher könne sich hier mit den sehr selten aufgeführten „Gurre-Liedern“ einen persönlichen Wunsch erfüllen, erweist sich spätestens dann als absurd, wenn man einen Blick auf seine kommenden Auftritte wirft. In Hamburg etwa erinnert man sich offenbar gern an den ehemaligen Generalmusikdirektor der dortigen Staatsoper. Im Januar wird Metzmacher als einer von wenigen Dirigenten gleich mehrfach beim lang erwarteten Eröffnungsfest der Elbphilharmonie zu erleben sein. Unter anderem dirigiert er dort Schönbergs imposante Oper „Moses und Aaron“.

In Herrenhausen hält sich der Musiker im Intendanten dagegen vergleichsweise im Hintergrund. In einem Nachtkonzert wird er noch als Pianist zu hören sein. Ansonsten beschränkt er sich auf die Rolle des Zuhörers: einer unter voraussichtlich vielen.

  • Karten für die „Gurre-Lieder“ und alle anderen Veranstaltung gibt es online und unter Telefon (05 11) 12  12 33 33.     

Das Fest

Neu beim Festival ist ein Spiegelzelt als fester Anlaufpunkt für Besucher und Passanten. Es ist täglich von 11 bis 24 Uhr geöffnet und Schauplatz von Premierenfeier und Abschlussfest. Dazwischen kann hier jederzeit gut gegessen und getrunken werden – teilweise sogar in organisierter künstlerischer Begleitung: Die Köche der Freitagsküche sorgen an insgesamt acht Abenden dafür, dass die Lieblingsgerichte jener Künstler auf den Tisch kommen, die direkt zuvor beim Festival aufgetreten sind. So bietet schon der Speiseplan einen ersten Gesprächsansatz mit den Beteiligten der jeweiligen Produktionen, die sich dann unter die Gäste mischen. Der Eintritt für die kulinarische Kunst der Freitagsküche beträgt 12 Euro.

Sogar kostenlos sind die Spiegelzelt-Auftritte der Musiker und DJs, die die Organisatoren des hannoverschen Clubs Feinkost Lampe ausgewählt haben. Unter anderem sorgen die Band KUF (17. Mai), der Pianist Carlos Cipa (18. Mai), die Gruppe Unland (23. Mai) und der Klangtüftler Hauschka (24. Mai) dafür, dass die Abende in Herrenhausen regelmäßig in entspannter Atmosphäre ausklingen können.     

Die Kunst

Der Amerikaner Steve Reich ist einer der meistgespielten lebenden Komponisten: Für die Aufführung der Video-Oper „Three Tales“, die er zusammen mit seiner Frau Beryl Korot (Foto) erarbeitet hat, kommt er als Ehrengast zu den Kunstfestspielen. Schon heute ist er um 12.30 und um 14 Uhr in der Musikhochschule zu erleben, wo am Freitag um 20 Uhr auch seine Oper gespielt wird. Am Sonnabend ist Reich schließlich um 17 Uhr prominenter Teilnehmer eines Künstlergesprächs im Spiegelzelt. Eine Stunde später beginnt in der Galerie der Auftritt von Lemi Ponifasio und seinem smoanischen Frauen-Ensemble.

Zu den Höhepunkten des Eröffnungswochenendes gehört die Klang- und Lichtinstallation „Finsternis 1816“, die jeweils ab 22.30 Uhr im Großen Garten an den folgenreichen Ausbruch des Vulkans Tambora vor 200 Jahren erinnert. Weitere vielversprechende Programmpunkte sind Auftritte von Musikern wie dem Hagen Quartett (16. Mai), David Fray (25. Mai) und Isabelle Faust (27. Mai) sowie Musiktheaterproduktionen wie „La Double Coquette (20. und 21. Mai) und „See You on the Other Side“ (19. Mai).     

Die Spiele

Nicht alles ist neu bei den neuen Kunstfestspielen: Auch schon bei der Gründungsintendantin Elisabeth Schweeger hat die Kuratorin Leonore Leonardy die „Akademie der Spiele“ für Kinder und Jugendliche organisiert. In diesem Jahr sind rund 60 Teilnehmer, darunter auch eine Sprachlernklasse mit Flüchtlingskindern, bei den Workshops mit den Festivalkünstlern mit von der Partie. Leonardy möchte, dass die Teilnehmer in „echter Zusammenarbeit“ etwa mit dem Klangkünstler Erwin Stache die Möglichkeit bekommen, „das Vergnügen mit der Erkenntnis zu verknüpfen“. So sollen die Jugendlichen „einen Impuls bekommen, an dem sie noch lange weiterarbeiten“ können.

Die Anregung zu diesem Konzept stammt von dem hannoverschen Universalgelehrten Gottfried Wilhelm Leibniz, der neben einer Akademie der Wissenschaft stets auch eine Akademie der Spiele zu gründen suchte. Dem Philosophen zufolge wohnte dem „Staunen und Wundern“ eine „produktive Kraft“ inne. In diesem Sinne ist das ganze Festival – mit einem ungewöhnlichen Programm, dem man am besten mit Neugierde begegnet – auch für die Erwachsenen eine Spiele-Akademie.     

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