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„Sympathie für den Teufel“ zeigt das Böse

Satanische Verse „Sympathie für den Teufel“ zeigt das Böse

Das Böse kann so unterhaltsam sein: Wie bei Florian Hertwecks Inszenierung „Sympathie für den Teufel“ auf der Cumberlandschen Bühne. Wo sich unter anderem Katja Ebstein und Iron Maiden begegnen.

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Böse Gestalten, böses Rauchen, böse Lieder: Günther Harder und Carolin Eichhorst.

Quelle: Isabel Machado Rios

Hannover. Das Böse - darauf wies auch schon die Erste Allgemeine Verunsicherung in ihrem Hit vom „Banküberfall“ hin - ist immer und überall. Doch im Theater, da hält es sich besonders gern auf. Ein Drama braucht einen Schurken. Mephistopheles, Franz von Moor, Jago oder Macbeth befeuern das Spiel, treiben die Handlung voran. Das Böse, soviel zeigt die Literatur, ist dem Guten in einer Disziplin auf jeden Fall überlegen: Es ist interessanter. Man schaut den Teufeln gern zu.

Insofern ist es nicht dumm, ihnen auch mal einen ganzen Theaterabend zu widmen. In „Sympathie für den Teufel“, einem Liederabend für Schauspieler und kleinem Orchester, der jetzt auf der Cumberlandschen Bühne in Hannover Premiere hatte, geht’s nur um Teufeleien. Regisseur Florian Hertweck hat böse Lieder aller Art zusammengetragen: von Gershwins „It ain’t necessarily so“ über Iron Maidens „The Number of the Beast“ bis zu Tocotronics „Im Zweifel für den Zweifel“. Und der titelbestimmende Hit der Rolling Stones ist natürlich auch zu hören.

Das Motto gibt der Song „Böse“ von Knorkator vor: „Ich bin in einer finsteren Sekte / die in mir die Erkenntnis weckte, / dass unsere kurze Daseinsfrist / mehr Spaß macht, wenn man böse ist.“ Wohl wahr. Umgekehrt sagen das auch die Talking Heads mit ihrer Zeile „Heaven is a Place, where Nothing ever happens“. Dieser Verdacht von der Langeweile im Paradies und dem Spaß in der Hölle zieht sich leitmotivisch durch den zwei Stunden dauernden und überaus kurzweiligen Abend.

Dass am Anfang eine Babypuppe mit einem Hackebeilchen malträtiert wird, ist böse, liegt aber in der Natur der Sache. Mag sein, dass sich Zuschauer durch solche Szenen irritiert fühlen - andererseits: Wer sich in die Hölle begibt, sollte sich nicht wundern, dass es dort heiß ist.

Die Schauspieler sind auch hervorragende Sänger

Lustig ist die Idee, Liederzettel auf den Sitzplätzen auszulegen. Eigentlich macht man das nur in der Kirche so, aber hier lernt man, dass es eben auch eine Kirche Satans gibt. Auf der Bühne wird dann noch die Verwandlung von Wasser zu Wein erörtert und mit der Sintflut zusammengedacht (Fische sind von der Sintflut nicht betroffen, hätten aber mit dem Weinwunder wohl auch ausgelöscht werden können) - das war’s dann eigentlich schon mit der expliziten Kirchenkritik. Der Rest ist Rock ‘n’ Roll. Und der ist teuflisch gut. Die Band (unter der Leitung von Martin Engelbach) klingt nur ganz am Anfang ein bisschen nach Wummtata. Später gibt sich das, die vier Musiker sind gut im Fluss; die vorsorglich vor dem Theater ausgegebenen Schaumstoffstöpselchen für die Ohren kommen nicht zum Einsatz. Ohne klingt es einfach besser.

Und es gibt tolle Interpretationen zu hören. Die vier Schauspieler, die hier dem Bösen Gestalt verleihen, sind alle hervorragende Sänger. Carolin Eichhorst schmachtet wie weiland Katja Ebstein und sieht auch ein bisschen aus wie sie. Christoph Müller hat eine schöne, sanfte Country-Stimme, und Günther Harder groovt als alter Satan (und als Martin Luther) durchs böse Liedgut (oder muss es hier Liedschlecht heißen?).

Herausragend aber ist Katja Gaudard als Teufelchen im weißen Plisseerock. Sie singt und tanzt als wäre sie - was hier ja sehr gut passt - nicht von dieser Welt. Manchmal wirkt sie wie verhext, wie schwer auf Droge, dann wieder explodiert da etwas in ihr, und sie tanzt wie entfesselt. Und dann blickt Gaudard so hypnotisierend ins Publikum, dass einem noch in der vierten Reihe angst und bange werden kann. Teufel auch, ist die gut!

Wobei: Das ist natürlich nicht alles reines Entfesselungstheater und pure Lust an der Grenzüberschreitung, das ist auch alles sehr akkurat gearbeitet. Die Anschlüsse stimmen, das Tempo ist hoch und die Sänger arbeiten mit den Musikern sehr präzise zusammen. Dazu gibt es abgefahrene Kostüme (von Kathrin Krumbein) und einige kunstvoll entstellende Masken zu bestaunen.

Alles in allem: Ein wunderbarer Höllenritt.

Weitere Vorstellungen von „Sympathie für den Teufel“ : 14. und 31. Oktober sowie am 23. November.

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