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Visionen zu "Die verkaufte Braut"

Martin G. Berger Visionen zu "Die verkaufte Braut"

Am Sonnabend hat Smetanas Oper "Die verkaufte Braut" am hannoverschen Opernhaus Premiere. In den letzten Tagen vor der Inszenierung bekommt Martin G. Berger wenig Schlaf, aber das stört ihn nicht – denn er will seine Visionen auf der Bühne umsetzen.

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„Man hat mir noch nie vorgeworfen, dass bei mir auf der Bühne zu wenig passiert“ - Regisseur Martin G. Berger. Foto: Villegas

Quelle: Irving Villegas

Hannover. Er gähnt, hat sichtbare Augenränder, seine blonden Haare sind nachlässig zurückgebunden. Viel Schlaf bekommt Martin G. Berger derzeit nicht. „Aber ich brauche in den Endproben auch nicht viel, da reichen mir fünf Stunden“, sagt der 29-Jährige. Und dennoch: Alles an ihm wird lebendig und wach, wenn er vom Theater, von der Oper spricht. Er inszeniert derzeit am hannoverschen Opernhaus Smetanas Oper „Die verkaufte Braut“, am Sonnabend ist Premiere. Und die wird womöglich krachen.

Martin G. Berger hat offenkundig Visionen, die er umsetzen möchte. Ungewöhnliche Inszenierungen hat er bisher auf die Bühne gebracht. „Man hat mir noch nie vorgeworfen, dass bei mir zu wenig auf der Bühne passiert“, sagt er ganz unbescheiden dazu und lacht. 2014 inszenierte Berger gerade einmal 27-jährig erstmals auf der Großen Bühne: Für „Die Fledermaus“ von Johann Strauss an der Staatsoper Hannover hatte er ein Konzept vorgestellt - und von Intendant Michael Klügl den Zuschlag bekommen. Der durchaus ambivalent angelegte Orlofksy inspirierte Berger dazu, gleich den ganzen Gender-Diskurs mit allen denkbaren Geschlechterrollen auf der Bühne auszutragen. Auszeichnungen folgten. Danach inszenierte er in Hannover Händels „Orlando“, bei dem er den gesamten Ballhof als Bühnenraum einnahm. Berger arbeitete an der Deutschen Oper und der Neuköllner Oper in Berlin, nutzte gar ein Berliner Bordell als Bühnenraum für das Broadway-Musical „Gypsy“ von Jule Stynes. Räume sind also offenbar Bergers Thema. „Ich versuche meistens, stark aus dem Raum heraus zu arbeiten“, sagt er. Und so wird es auch bei der „Verkauften Braut“ kommen: Dort gehe er allerdings gegen den Raum an. „Eine Intervention“ nennt er es. Das meint auch, die verstaubte Handlung aus dem böhmischen Dorf in das Hier und Jetzt zu holen.

Berger habe immer gewusst, dass die Regieassistenz nur eine „Durchgangsstation“ sei. Er wollte Regisseur werden. Sein Studium der Theaterwissenschaft hat er abgebrochen, Hospitanzen, Assistenzen und freie Projekte folgten. „Ich war ziemlich nervig“, sagt er. „Ich hab viel gemacht und gezeigt: Ich will - und ich kann“, sagt er mit Nachdruck. Begonnen habe alles mit der Musical-AG in der Schule. Und Musical ist neben der Oper seine große Leidenschaft. „Aber ich bin kein Schauspieler“, sagt Berger. „Vielmehr eine Rampensau, ein Moderator.“ Als Regisseur möchte er einen Rahmen schaffen, in dem jeder seinen Teil beiträgt. „Als Schauspieler wäre ich unglaublich eitel - als Regisseur bin ich ernsthafter“. Gleichwohl sieht er sich durchaus als „Künstler des Abends“.

Aufgewachsen ist er in München, Berlin und Istanbul, in einem bildungsbürgerlichen Haushalt. Der Vater ist Professor für Byzantinistik, die Mutter promovierte in Gräzistik. Mit 17 Jahren komponierte er gemeinsam mit seinem Freund Jasper Sonne das Musical „Rocket“, das sie in einem Münchner Vorort auf die Bühne brachten. Zwei weitere folgten in Hannover: „Lacht nur!“ wurde 2010 am Ballhof uraufgeführt, „Krawall“ ebendort 2013. Oper und Musical könnten beide voneinander lernen, glaubt er.

Seine Gedanken springen, wenn er vom Theater spricht, er redet rasend schnell. Er brennt für das Theater, man merkt es an jedem Satz, an den weit aufgerissenen Augen, an der leidenschaftlichen Gestik, an der Stimme, die immer nachdrücklicher wird, je tiefer die Ausführungen gehen. Die Stücke will er in die Gegenwart holen.

„Ich mache nichts, um zu provozieren“, sagt er. Und dennoch: Die „Werktreue“ ist ihm eine Herzensangelegenheit, die „Traditionstreue“ hingegen sei nicht mehr zeitgemäß, oft hätten die Inhalte klassischer Werke nichts mit der Gegenwart zu tun. Barocke Kostüme, antiquierte Texte, unzeitgemäße Handlungsstränge müssten überarbeitet, verändert werden, „der Kern des Stückes“ sei das, worauf es ankomme. Das müsse man vermitteln.

Von Katharina Derlin

„Die verkaufte Braut“ hat am Sonnabend, 29. Oktober, Premiere im Opernhaus. Karten: (05 11) 99 99 11 11

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