Volltextsuche über das Angebot:

22 ° / 8 ° wolkig

Navigation:
Lars-Ole Walburg inszeniert "Rocco und seine Brüder"

Schauspiel Hannover Lars-Ole Walburg inszeniert "Rocco und seine Brüder"

Die armen Leuten aus dem Süden kommen in den Norden und hoffen auf ein kleines bisschen Glück. Darum geht's in Luchino Viscontis Film "Rocco und seine Brüder". Die Theaterfassung ist jetzt - inszeniert von Intendant Lars- Ole Walburg am Schauspiel Hannover zu sehen.

Voriger Artikel
Was interessiert Sie an Leibniz, Herr Kehlmann?
Nächster Artikel
Wirklichkeit mit Plüsch

Hannover. Sie sind die anderen. Die Südländer. Die, die nichts können, nichts haben, nichts werden. Manche nennen sie auch: die Afrikaner. Dabei sind sie nur aus Süditalien. Vincenzo, der älteste der fünf Brüder, ist als erster nach Mailand gekommen; hier im Norden gibt es Arbeit, Geld, eine Zukunft. Nach dem Tod des Vaters folgt der Rest der Familie. Jeder der Brüder strebt nach Glück, jeder auf seine Weise, einer scheitert, weil er zu wild und weil sein Traum vom Glück zu groß ist. Einer versucht, den strauchelnden Bruder zu retten und verliert dabei sein Lebensglück.

Luchino Viscontis Film „Rocco und seine Brüder“ wurde 1960 bei den Filmfestspielen von Venedig uraufgeführt (mit Alain Delon und Claudia Cardinale) und gewann einen silbernen Löwen. Fünfzig Jahre später ist das Theater auf den Stoff aufmerksam geworden. In den vergangenen Jahren waren Bearbeitungen in Amsterdam, München und Weimar zu sehen. Jetzt hat Hannovers Schauspielintendant Lars-Ole Walburg eine Fassung erstellt, die nach der Premiere bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen nun auch im Schauspiel Hannover gespielt wird.

Die armen Leuten aus dem Süden kommen in den Norden und hoffen auf ein kleines bisschen Glück. Darum geht's in Luchino Viscontis Film "Rocco und seine Brüder". Die Theaterfassung ist jetzt - inszeniert von Intendant Lars- Ole Walburg am Schauspiel Hannover zu sehen.

Zur Bildergalerie

Die Geschichte von den armen Leuten aus dem Süden, die in den Norden kommen und auf ein kleines bisschen Glück hoffen, mutet heutig an, es ist eine Migrationsgeschichte, eine Geschichte von Fremdheit und Glückssuche. Aber es ist auch eine große Liebesgeschichte. Die Geschichte einer unmöglichen Liebe, die den Zusammenhalt einer Familie gefährdet. Und die hat mit Fragen der Einwanderung nichts zu tun.

Es ist nicht ganz einfach, beides zueinander zu bringen und gleichgewichtig zu erzählen: die Fremdheits- und die Liebesgeschichte. Regisseur Lars-Ole Walburg operiert auf weiter Bühne (die mag er) mit vielen Parallelaktionen, er versucht mehrmals, das Publikum ins Spiel einzubeziehen und er setzt auf Musik. Auf der Bühne ist die ganze Zeit (immerhin zweieinhalb Stunden lang) die Band „A Boy named River“ zugange. Daniel und Alex Nerlich sowie Tom Schneider und Sandro Tajouri unterfüttern das Stück mit starken Rocktiteln, die streckenweise Richtung Punk tendieren und stets für erheblichen Wumms sorgen.

Versucht Walburg der Wucht der Geschichte gerecht zu werden, indem er die Aufgabe der Überwältigung an Musik delegiert? Möglicherweise. Aber es ist kein Problem, denn die Geschichte bleibt ja stark.
Große Emotionen gibt es in seiner Inszenierung zu bewundern – und erstaunliche Bilder. Henning Hartmann spielt den etwas verklemmten Ehemann Vincenzo, Jakob Benkhofer zeigt eindrucksvoll den Verfall des Boxers Simone, Sarah Sandeh ist als verruchte Nadia zu sehen und Jonas Steglich spielt den aufrichtigen Rocco. Alles gut, alles sehenswert.


Und Regisseur Walburg findet immer wieder großartige szenische Lösungen. Wenn Simone Parondi, der als Boxer und als Liebender gescheitert ist, sich ganz gehen lassen will, steckt ihn der Regisseur in einen umgedrehten Kühlschrank (den die zu Wohlstand gekommene Familie sich kurz zuvor anschaffen durfte) und ertränkt ihn fast in Bier.

Und dann die Boxkämpfe: Die Szenen sind klug choreographiert, zeigen immer nur einen Boxer und ein paar Zuschauer. Keinen Gegner. Die vier variablen Segmente des Bühnenhintergrunds (Bühne: Robert Schweer) eignen sich gut für Projektionen; sie lassen sich aber auch so auseinanderfahren, dass plötzlich im Zentrum ein leeres Kreuz entsteht.

Man staunt. Man staunt über Effekte. Über einzelne Bilder. Über einzelne szenische Lösungen. Aber nicht über die Geschichte. Nicht über ihre Gültigkeit und Aktualität. Sie bleibt merkwürdig fern. Trotz der Musik.
Weitere Vorstellungen: heute, 30. September, 5., 11. und 18. Oktober.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur
„Horror“ im Theater am Aegi