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Ein zauberhaftes Biest

„Internationaler Choreographenwettbewerb“ Ein zauberhaftes Biest

Zum dritten Mal in Folge siegt Israel beim „Internationalen Choreographenwettbewerb“ in Hannover.  Zwei Choreografen der  Kibbutz Contemporary Dance Company (KCDC) haben am Wochenende im Theater am Aegi den Wettbewerb für sich entschieden: Eyal Dadon und Martin Harriague.

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Brust raus heißt es in der Arbeit von Martin Harriague.

Quelle: Puppe

Hannover. Unweit der Grenze zum Libanon liegt der israelische Kibbuz Ga’aton. In der Abgeschiedenheit der weiten hügeligen Landschaft bildet die Kibbutz Contemporary Dance Company (KCDC) aus. Es ist eine Kaderschmiede für Tänzer und junge Choreografen. Gleich zwei von ihnen haben am Wochenende im hannoverschen Theater am Aegi den 29. „Internationalen Wettbewerb für Choreographen“ für sich entschieden: Mit Eyal Dadon gewann zum dritten Mal in Folge ein Israeli den mit 6000 Euro dotierten ersten Preis. Dadons Freund und Kollege Martin Harriague bekam den von Ed Wubbe gestifteten Scapino-Produktionspreis für seine fulminante Interpretation von „The Beauty & The Beast“.

Zeitgenössischer Tanz aus Israel ist seit Jahren ein Exportschlager. Der Erfolg auch bei Wettbewerben wie dem in Hannover wurzelt tief in der Geschichte: In wohl kaum einem anderen Land ist die kulturelle Tradition so stark mit dem Tanz verbunden wie in Israel. Zeitgenössische Choreografien stehen vor allem für eine expressive Bewegungssprache, die sich vielfach mit gesellschaftlichen und politischen Themen auseinandersetzt.

Alles ist eine Frage der Perspektive

Eyal Dadon hat die achtköpfige Jury renommierter Choreografen unter Vorsitz von Ed Wubbe, künstlerischer Leiter des Wettbewerbs und Direktor des Scapino Balletts Rotterdam, mit einem Duett überzeugt, das für all das, was israelischen Tanz ausmacht, steht. Hinter dem etwas rätselhaften Slangausdruck „Pishpesh“ (hebräisch unter anderem für fliehen oder Fluchtpunkt) verbirgt sich ein achtminütiges Duett, das sich mit veränderten Sichtweisen beschäftigt: Nichts ist, wie es scheint. Alles ist eine Frage der Perspektive. Entsprechend raumgreifend tanzt Dadon mit seiner Partnerin Tamar Barlev. Zu melancholischer Folk-Musik von Bon Iver verschmelzen Elemente aus Kontaktimprovisation, Streetdance und klassischem Repertoire zu einem harmonischen Bewegungsmuster.

Gekonnter Stilmix war auch die Erfolgsformel der zweiten prämierten Produktion eines KCDC-Schülers: Der gebürtige Franzose Martin Harriague erzählt in zwölf Minuten die Geschichte von „The Beauty & The Beast“ vollkommen neu. Atemberaubend schnell, ungemein witzig und technisch brillant ist dieses Duett um eine englische Schönheit, die sich in einen selbstverliebten Franzosen verguckt. Zur ebenso wuchtigen wie sentimentalen Musik aus Peter Tschaikowskys „Eugen Onegin“ wirbeln Frida Dam Seidel und Niv Elbaz über die Bühne. Von klassisch bis Salsa ist hier jede Menge Bewegung drin. Doch Harriague gelingt es, alles punktgenau einzusetzen. Heillos überzeichnet, aber niemals dick aufgetragen wirkt diese Liebesgeschichte der anderen Art. In einem stark von Duetten geprägten Wettbewerb, der Gruppenarbeiten aber auch Soli vermissen ließ, war dieses Beziehungsgeflecht eine angenehme Abweichung vom üblichen Mann-Frau-Thema. Dafür bekommt Harriague die Chance, mit Ed Wubbes Scapino-Ballett zu arbeiten.

Die Produktionspreise des von der Ballett Gesellschaft Hannover unter Vorsitz von Christiane Kraul initiierten Wettbewerbs eröffnen den Nachwuchschoreografen die Chance, mit einem etablierten Ensemble ein eigenes Stück einzustudieren und es auf großer Bühne zu präsentieren. Umso bedauerlicher war es dieses Mal, dass die Produktionspreise vom Bundesjugendballett Hamburg und Gauthier Dance Stuttgart nicht gleich nach dem Finale vergeben werden konnten: Aus organisatorischen Gründen waren die Preisverleiher Kevin Haigen und Eric Gauthier verhindert. Sie treffen ihre Entscheidung erst nach Sichtung der Videoaufnahmen vom Finale.

Die Wahl wird nicht einfach sein. Denn die Qualität der Arbeiten war in diesem Jahr besonders hoch. Von insgesamt 18 Kandidaten schafften es neun ins Finale. Die Endrunde war von einer enormen Bandbreite tänzerischer Ausdrucksformen und anspruchsvoller Technik geprägt. Auch das Publikum hatte seine liebe Not, sich zu entscheiden und favorisierte zwei Kandidaten. Wegen exakt gleicher Stimmenzahl entschied die Ballettgesellschaft dafür, auch zwei Publikumspreise (im Wert von je 1000 Euro) zu vergeben: Das holländisch-taiwanesische Duo Besim Hoti und Hsin-I Huang überzeugte die Zuschauer, aber auch die Expertenjury, die ihm den dritten Preis (2000 Euro) zusprach, mit ihrem energiegeladenen Stück „Some think completely different“, einer Mischung aus Breakdance, HipHop und Kung Fu. Der zweite Publikumspreis ging auch an die Zweitplatzierte (3000 Euro) der Fachjury: Die Chinesin Xin Xie begeisterte mit ihrem atmosphärisch dichten Duett „Plus“, bei dessen eigenwilligem Licht- und Schattenspiel sich die Körper der Tänzer regelrecht aufzulösen schienen.

Mit dem Kritikerpreis (1500 Euro) wurde der mutige Beitrag „www“ der Dänin Simone Wierød ausgezeichnet, die zusammen mit ihrem Partner Thomas Rohe in fünf Minuten zu einer Art Wortgewitter aus übereinandergelegten Tonspuren einen Wetterbericht vertanzte. Insgesamt schöne Aussichten für die Tanzszene.

Von Kerstin Hergt

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