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Tanz der Sklaven und der Pferde

Internationaler Wettbewerb für Choreographie Tanz der Sklaven und der Pferde

Mit Donner und Blitz: Botis Seva ist der Star beim Choreografenwettbewerb im Theater am Aegi. „60 Seconds“ ist das mitreißendste Stück des 30. Internationalen Wettbewerbs für Choreographie, zu dem die hannoversche Ballettgesellschaft aus mehr als 160 Bewerbern 20 eingeladen hatte.

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„60 Seconds“ von Botis Seva ist das mitreißendste Stück des Internationalen Wettbewerbs für Choreographie.

Quelle: Puppel

Hannover. In der Pause vor dem großen Finale ist das Foyer des Theaters am Aegi ein Picknickplatz. Neben den Garderobenschränken und auf den Treppenstufen sitzen junge Menschen in Sportklamotten und essen Obst und Sandwiches. Eine kleine Gruppe hat sich eine Etage höher begeben. Es sind die fünf Tänzer von Choreograf Botis Seva.

Jeder von ihnen steht in einer anderen Ecke vor der großen Glasfront, die den Blick auf die Kreuzung vor dem Theater freigibt. Doch die Tänzer sehen nicht auf die Autos. Sie haben teilweise die Augen geschlossen und vollführen Bewegungen wie in Zeitlupe. Tanzen ist das nicht, eher ein konzentriertes Nachspüren der Choreografie, mit der Seva noch am selben Abend drei Preise abräumen wird. Zu Recht: „60 Seconds“ ist das mitreißendste Stück des 30. Internationalen Wettbewerbs für Choreographie, zu dem die hannoversche Ballettgesellschaft aus mehr als 160 Bewerbern 20 eingeladen hatte. 19 sind gekommen, davon schafften es nach zwei Vorrunden neun ins Finale.

Die mit zehn Choreografen aus Europa und Australien besetzte Expertenjury unter Vorsitz von Ed Wubbe vom Scapino Ballett Rotterdam war sich trotz der insgesamt hohen Qualität der in diesem Jahr gezeigten Arbeiten schnell einig, dass Seva den mit 6000 Euro dotierten ersten Preis verdient hat. Auch bei den Zuschauern kam die temporeiche und gelungene Mischung aus Hip-Hop und zeitgenössischem Tanz gut an, sodass auch der Publikumspreis (1000 Euro) an den Londoner Choreografen ging. Schließlich gab es für ihn noch ein dreiwöchiges Stipendium am Australian Dance Theatre in Adelaide.

Allein die Tatsache, dass Seva mit fünf Tänzern antrat, ließ ihn schon aus der Menge der Soli und Duette hervorstechen. Auch gehörte er zu den wenigen, die nicht das Zeitlimit von zwölf Minuten in Gänze ausnutzten. Vielmehr brachte er in sechs spannungsgeladenen Minuten unter, was mancher selbst an einem ganzen Abend nicht schaffen würde: packendes Tanztheater mit einem Bewegungsvokabular, das trotz seines Variantenreichtums klar und nahtlos ineinandergreift. Fließend wie die Rollbacks der Tänzer ist dieses Stück, bei dem jede Kopfbewegung detailgenau auf den Rhythmus der Musik von Ezio Bossos „Thunders and Lightnings“ abgestimmt ist.

Ein Anfänger ist Seva indes nicht mehr. Mit seiner vor sechs Jahren gegründeten Formation „Far from the Norm“ hat er sich in Großbritannien schon einen Namen gemacht. Und dieser Name ist Programm. Auch wenn Seva sich bei Elementen aus dem Streetdance bedient, paart er sie doch so mit anderen Tanzstilen, dass etwas völlig Neues entsteht.

Neu war beim diesjährigen Wettbewerb auch die Tendenz, politische Inhalte in Körpersprache zu übersetzen. So ging der zweite Preis (3000 Euro) sowie der von Wubbe ausgelobte Scapino-Produktionspreis an den Polen Maciej Kuzminski für seinen mutigen und originellen Beitrag zur Gender-Debatte. In seinem Solo „Dominique“ lässt er Statements von Hillary Clinton und Oprah Winfrey zum Thema Gleichberechtigung abspielen, während sein Tänzer Dominik Wiecek sich in einem langen schwarzen Kleid windet.

Ebenfalls sozialkritisch und in seiner Darstellungsweise das radikalste Stück im Finale war der Beitrag von David Llari: In dem Solo „Slave“ lässt er einen Tänzer (Thomas Barbarisi) minutenlang mit verknoteten Beinen und gebeugtem Oberkörper auf dem Bühnenboden verharren. Zu einem Sound, der sich wie permanentes Fliegensummen oder Türquietschen ausnimmt, bewegen sich lediglich die Muskeln der Schultern. Es ist ein Bild wie von einem überdimensionalen menschlichen Herzen, das beständig zuckt. Barbarisi richtet sich schließlich auf, nie jedoch zu voller Größe. Etwas drückt ihn nieder. Er kann nicht aus seiner Haut. Seine Bewegungen sind minimalistisch, konzentrieren sich auf einzelne Muskel- oder Körperpartien. So tanzt er etwa fulminant mit den Fingern. Das sogenannte Tutting ist ein kleiner Hinweis auf Llaris eigentliche Wurzeln, den Hip-Hop. Der Franzose erhielt den Kritikerpreis (1500 Euro).

Der dritte Preis (2000 Euro) der Expertenjury wurde an Zibo Geng aus China verliehen, der in „00:01“ mit einem Tanzpartner akrobatische Kunststücke rund um einen Autoreifen vollführte. Jurymitglied Eric Gauthier bedachte das Hip-Hop-lastige Duett „Becoming“ von Matthias Kass aus Deutschland und dem Schweizer Clément Bugnon mit einer Einladung zu einem seiner Tanzfestivals im nächsten Jahr.

Über eine Produktion mit dem Bundesjugendballett unter Leitung von Kevin Haigen darf sich der bei Susanne Linke in Trier als Tänzer engagierte Nachwuchschoreograf Paul Hess freuen. Er brachte die tragische Geschichte des einstigen Weltklasse-Dressurpferds Totilas auf die Bühne. Tänzerin Luiza Braz Batista schlüpfte in „Der Ritt“ in die Rolle des Hengstes und beschrieb, sehr zum Vergnügen des Publikums, akkurate Piaffen und Passagen - bis zum Umfallen.

Von Kerstin Hergt

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