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"Was machen sie so, Herr Garutti?"

Interview "Was machen sie so, Herr Garutti?"

Der italienische Künstler Alberto Garutti inszeniert Kunst in der Öffentlichkeit und wird deshalb als „unsichtbarer Direktor eines Theaters der Realität“ gerühmt. In der Wochenendausgabe der HAZ wird er – zum 100. Geburtstag der Kestnergesellschaft – mit einer Kunstinszenierung in die Realität der Zeitung eingreifen. Ein Gespräch über Kunst und Stille.

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Schafft zum 100. Geburtstag der Kestnergesellschaft in der HAZ ein besonderes Kunstwerk.

Quelle: Imago

Signor Garutti, Sie schaffen häufig Kunst im öffentlichen Raum und arbeiten dabei auch mit literarischen Texten. Sind Sie dabei eigentlich noch ein Künstler oder schon ein Dichter?

Bei meinen Arbeiten in urbanen Räumen verwende ich in der Tat oft Texte. Ich arbeite mit einfacher Sprache, um ein breites Publikum zu erreichen - von den Passanten bis zu Kunstexperten. Ein literarisches Mittel spielt aber eine Schlüsselrolle bei der Gestaltung meiner Interventionen im öffentlichen Raum: die Beschriftung.

Das heißt: Nicht der Leser, sondern der Betrachter ist Adressat Ihrer Kunst?

Wenn ich an eine Arbeit für einen Ort denke, der kein Museum oder eine Galerie ist, also kein Raum für Experten aus der Welt der Kunst, sondern eine Stadt, versuche ich mich immer an den Zuschauer zu richten. Ich stelle mir den Bürger oder den Passanten als meinen hypothetischen Kunden vor und meine Arbeit als eine Doppelform, also mit zwei Gesichtern: Auf der einen Seite soll sie ein Mechanismus zur Erforschung und Erkenntnis der heutigen Welt sein, auf der anderen Seite ist sie selbst eine Maschine, die Beziehungen zu dieser Welt stiftet.

Können Sie das an einem Beispiel erläutern?

Im Falle meiner Arbeit „Ai nati oggi“ („Den heute Geborenen“) zum Beispiel, die ich seit 1999 für mehrere urbane Zentren der Welt geschaffen habe, gehe ich vom dort jeweils schon existierenden Beleuchtungssystem eines Platzes oder einer Straße aus, das eine Verbindung mit der Entbindungsstation des städtischen Krankenhauses hat. Jedes Mal, wenn ein Kind geboren wird, erhöht sich die Lichtintensität leicht und verändert so auf subtile, aber doch entschiedene Weise die Wahrnehmung dieser Verbindung.

Wie schön: Kunst als Geburtsanzeiger.

„Ai nati oggi“ ist ein Werk, das einerseits die Ikonografie eines universellen Themas der Kunst - wie es eben die Geburt ist - erkundet und andererseits einen dafür zentralen Ort wie das Krankenhaus mit dem öffentlichen Raum verbindet und durch eine ins Pflaster gravierte Beschriftung die Funktionsweise und die Bedeutung des Werkes erklärt.

Wie vermag sich ein künstlerischer Text im Umfeld vieler anderer Texte zu behaupten?

Bei der Gestaltung meiner Beschriftungen muss ich oft einen Text zwischen vielen anderen Texten platzieren. Bei der Istanbul-Biennale 2001 musste sich „Ai nati oggi“ auf der Bosporus-Brücke neben einem riesigen Banner behaupten, das zu den vielen Plakaten der Stadt gehörte. Im belgischen Gent wurden die Beschriftungen auf Platzdeckchen von Restaurants gedruckt. Sie wurden so durch die Menschen in der Stadt verstreut. Auch das ist ein Beispiel meines methodischen Ansatzes: Die Beschriftungen aktivieren die Arbeiten im öffentlichen Raum in Stille, verbreiten sie durch Mundpropaganda. Es sind Texte zwischen Texten, die sich wie ein Nebel ausbreiten, dessen Verteilung ich nicht steuern kann.

Sie werden diese Zeitung - anlässlich des Jubiläums zum hundertjährigen Bestehen der Kestnergesellschaft - zum Kunstwerk veredeln. Ist es für Sie dabei ein Problem, dass Sie die Zeitung von morgen noch gar nicht kennen?

Die Arbeit für Hannover geht über diese Unsicherheit hinweg. Sie wird den Leser einladen, für einen Moment die dünne Grenzlinie zwischen Realität und Erfundenem zu erkunden. Und sie ist ganz ihm gewidmet - dem Leser als einer universellen Figur. Ich will nicht zu viel vorwegnehmen, aber diese Arbeit kann man vielleicht als Aufruf an die Zeitungsleser verstehen, so etwas wie eine selbstkritische Verantwortung für den eigenen Blickwinkel zu übernehmen.

Das scheint Ihnen wichtig zu sein.

Es ist eines der Schlüsselthemen meiner künstlerischen Praxis: dem eigenen Blickwinkel seinen Wert zurückzugewinnen. Eines meiner Werke heißt „Che cosa succede nelle stanze quando gli uomini se ne vanno?“ („Was passiert in den Räumen, wenn die Menschen gehen?“, 2001-2012). Ich habe dafür die fünf Bänke der Ausstellungswächter mit phosphoreszierender Farbe bemalt. Der Effekt ist nur in der Nacht sichtbar, wenn das Museum geschlossen ist. Ich habe den Betrachter zur Suche nach meiner Arbeit eingeladen. Ich habe ihm damit die Verantwortung für seine eigene Wahrnehmung aufgeladen. In einer Gesellschaft, die durch die Überfülle von Bildern fast betäubt ist, wollte ich dem Akt des Schauens wieder einen Sinn und einen Wert verleihen.

Welche Strategien bringen Sie Ihren Kunststudenten im Umgang mit Unsicherheiten bei?

Ich sage meinen Studenten immer, dass Kunst zur Perfektion neigt - und folglich unvollkommen ist. Die Kunst basiert auf der Idee der Unvollkommenheit, Zerbrechlichkeit und Unsicherheit. Sie ist ein Instrument der Erkenntnis, ein Experiment und als solche nicht vollständig kontrollierbar. Die Arbeit ist wie ein Kind: Nach ihrer Vollendung ist sie anders als ihre Schöpfer.

Würden Sie jungen Menschen heute raten, Künstler zu werden? Oder lieber nicht?

Ich glaube nicht, dass ich jungen Menschen Ratschläge erteilen sollte. Vielleicht ist es nötig, sie zum Training eines Muskels einzuladen, der heute zunehmend dazu neigt zu verkümmern: der Emotion. Ich denke, für jeden - nicht nur für junge Künstler - ist es notwendig, für sich die Bedeutung des Wortes „Berufung“ von Neuem zu ergründen. Etymologisch hat es eine wunderbare Bedeutung. Darin steckt ja das Wort rufen, also die Möglichkeit, gerufen zu werden. Wir alle sind in einem metaphorischen Sinne von einer Stimme gerufen. Das Problem liegt darin, dass man heute immer seltener auf diese Stimme hört. Vielleicht ist es einfach schwieriger. Es gibt keine Stille mehr.

In Galerien und Museen haben Sie es mit einer speziellen Öffentlichkeit zu tun: den Kunstfreunden. Mit Ihrer Arbeit in der Zeitung erreichen Sie eine breitere Öffentlichkeit. Auch Menschen, die sich mit Kunst nicht so auskennen, werden Ihre Arbeit sehen. Werden Sie sie verstehen?

Das Arbeiten für eine Zeitung in Kooperation mit der Kestnergesellschaft interessiert mich sehr. Denn dabei werde ich ein großes und vielfältiges Publikum erreichen. Ich denke, meine Intervention in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung wird wie meine Arbeit im öffentlichen Raum sein. Wenn ich in einer Stadt arbeite, verfolge ich einen genauen methodischen Ansatz: Ich möchte gewissermaßen das rhetorische Podest besteigen, in welchem das Kunstsystem die Figur des Künstlers konstruiert. Kunst im öffentlichen Raum muss in eine Beziehung zu den Bürgern der Stadt treten, sie einbeziehen und zu Protagonisten machen. In Bozen konnte ich einen Betonkubus in einem Vorortviertel installieren, dessen Bewohner nicht einmal wissen, was es für zeitgenössische Kunst gibt - jetzt wird in dem Kubus jeden Monat ein Gemälde oder eine Skulptur aus der Sammlung des Bozener Museions präsentiert. Meine Arbeit für die Hannoversche Allgemeine Zeitung soll universell und individuell zugleich sein, sie richtet sich an alle Leser und baut zugleich einen engen Dialog mit jedem einzelnen von ihnen auf.

Ihre Arbeit entsteht anlässlich des hundertjährigen Jubiläums der Kestnergesellschaft. Wie sehen Sie diesen Kunstverein?

Das Modell einer Institution, die von einer Gruppe von Sammlern und Fans unterstützt wird, ist fantastisch. Die Geschichte, der tiefe ethische Sinn und die Stärke der Kestnergesellschaft haben mich sehr berührt. Dies scheint eine Institution zu sein, die die Dynamik des Kunstbetriebs vorantreibt und zugleich aufmerksam ist für die Transformationen der Gegenwart.

Was bringt die Kunst voran? Der Künstler? Oder der Kunstkäufer ?

Das Kunstwerk existiert nicht ohne den Blick des Betrachters. Beide Teile sind gleich wichtig für den Aufbau von Sinn und für das Funktionieren der Wirtschaftsmaschine, die Kunst zum präzisen System macht. Ich denke, dass die Beziehung zwischen dem Künstler - dem ersten echten Zuschauer - und dem Sammler-Beobachter wie ein persönliches Zusammentreffen ist. Im Jahr 1992 habe ich dieser Beziehung eine ortsspezifische permanente Installation gewidmet. Im Zimmer 402 des Hotel Palace in Bologna ist eine einzige Wandfläche mit phosphoreszierender Farbe gestrichen, was nur nachts erkennbar ist. Sonst ist die Arbeit für niemanden sichtbar. Nur wer in diesem Raum schläft, entdeckt diese Arbeit. Unerwartet. Zwischen Traum und Wirklichkeit. Bitte, da ist die Kunst - als eine Begegnung, nächtlich, heimlich und poetisch.

Interview: Ronald Meyer-Arlt und Daniel Alexander Schacht

Zur Person

Alberto Garutti, geboren 1948 im lombardischen Dorf Galbiate, ist Künstler und Kunstdozent an der traditionsreichen Akademie der schönen Künste im Mailänder Brera-Palast und an der Fakultät für Design und Künste des Polytechnikums Mailand. Mit seinen seit den Siebzigerjahren entstandenen Fotografien, Zeichnungen, Skulpturen und Malereien, vor allem aber mit seinen öffentlichen Kunstinterventionen gilt Garutti als einer der einflussreichsten italienischen Künstler. Garutti lebt seit seiner Jugend in Mailand und hat am dortigen Polytechnikum Architektur studiert. Er hat zu großen internationalen Kunstereignissen beigetragen – von der Venedig-Biennale 1990 über die Biennale Istanbul 2001 bis zum Memory-Marathon der Londoner Serpentine Gallery im Jahr 2012. Vielerorts hat er Kunst im öffentlichen Auftrag geschaffen. Für Museen vom belgischen Gent über das Marta in Herford und das Moskauer Museum für Moderne Kunst bis zum Kunstmuseum des japanischen Kanazawa. Seine Werke sind in zahlreichen Ausstellungen und Galerien in Italien, der Schweiz und Deutschland gezeigt worden. In der Berliner Galerie Buchmann hatte er 2015 seine erste deutsche Einzelausstellung. Für die HAZ wird er zum 100. Geburtstag der Kestnergesellschaft ein besonderes Kunstwerk in der Zeitung schaffen.

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