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„Absolute Sicherheit gibt es nicht“

Interview mit Autor Salman Rushdie „Absolute Sicherheit gibt es nicht“

Er kennt den Terror des fundamentalistischen Islams nur zu gut. Seit einem Vierteljahrhundert ist der Autor Salman Rushdie mit dem Tod bedroht. Gegen die Armeen des Dschihads kämpft er mit Worten. Und Lebensfreude.

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Salman Rushdie hat keine Angst um sein Leben. Er hat beschlossen, glücklich zu sein.

Quelle: GERARD JULIEN

Berlin . Sir Salman Rushdie lädt zum Gespräch in seine Hotelsuite. Er nimmt Platz auf einem hohen Polsterstuhl am Fenster, legt die Arme auf die Lehnen, hinter seinem Rücken ragen die Bauten des Potsdamer Platzes in den Berliner Himmel. In Rushdies Büchern tauchen oft mystische Weltenlenker auf. Und so, wie Rushdie hier thront, wirkt es, als sei der Schriftsteller seinen eigenen Büchern entsprungen, als sei auch er ein Weltenlenker. Aber einer von den guten. Einer, der gerne lacht und voll guten Mutes ist. Obwohl er genau weiß, wozu Hass Menschen bringen kann.

Sir Salman, fühlen Sie sich sicher?

Absolute Sicherheit - so etwas gibt es nicht, wie wir jetzt feststellen müssen. Man muss gar nichts Dramatisches tun, damit der Horror einen heimsucht. Es genügt offenbar schon, abends ein Restaurant zu besuchen, ein Fußballspiel im Stadion zu schauen oder zum Tanzen auszugehen. Aber ich habe vor langer Zeit beschlossen, einfach mein Leben zu leben. Und es beeindruckt mich zu sehen, wie Menschen den Gräueltaten, die im Namen des Islams begangen werden, trotzen, wie schnell sie sich ihre Lebensfreude zurückerobern. Damals, nach dem traumatischen 11. September 2001 in New York, und heute in Paris.

Muss man dafür verdrängen können?

Nein. Gefahren zu verdrängen ist schlicht dumm. Wer aber anerkennt, dass die Welt nun mal so ist, wie sie ist, und dennoch sein vertrautes Leben weiterlebt, der zeigt Mut. Wenn wir aufhören, diejenigen sein zu wollen, die wir sind, wenn wir unser Verhalten nach solchen Anschlägen ändern, schenken wir unserem Feind den Sieg. Wir sollten uns nicht zu dessen Spiegelbild machen.

Wer ist dieser Feind?

Es ist ein neuartiger Feind. Erstmals in ihrer Geschichte verfügen Dschihadisten über Armeen. Da sind zum einen die schiitischen, vom iranischen Mullah-Regime geförderten Kräfte und zum anderen die sunnitischen, von Saudi-Arabien gepäppelten Truppen wie der „Islamische Staat“. Zwei Mächte, die ihre sehr extremen Vorstellungen vom Islam in einem weltweiten Netz von Koranschulen verbreiten. Mit seltsamen Folgen: Üblicherweise gelten doch ältere Menschen als konservativ, jetzt sind die Jungen strenger als ihre Eltern. Wir haben es hier mit einem groß angelegten Um­erziehungsprojekt zu tun. Dahinter verbirgt sich der Kampf zwischen Saudi-Arabien und dem Iran um die Vormachtstellung in der islamischen Welt. Ein Kampf, in dessen Kreuzfeuer wir alle geraten sind.

Das klingt nach einem geopolitischen Konflikt. Aber die Täter berufen sich auf Religion, auf den Koran - hat der nichts damit zu tun?

Wie jedes heilige Buch ist der Koran sehr widersprüchlich. Wenn Sie darin nach blutdurstigen Versen suchen, dann finden Sie welche. Und wenn Sie Verse über Liebe und Frieden suchen, finden Sie auch die. Das Problem ist nicht der Koran. Das Problem sind die iranischen Ajatollahs und die sich rasch verbreitende Ideologie des Wahabismus. Das war eine winzig kleine Strömung innerhalb des sunnitischen Islams, bis die Saudis dazu übergingen, mit ihren Öldollars den Wahabismus weltweit zu propagieren.

Europa und die USA sehen in Saudi-Arabien einen Partner. Ist das naiv?

Zu den größten Fehlern des Westens zählt der Irrglaube, dass das saudische Regime uns wohlgesinnt ist. Die Saudis bauen sich gerade ein weltweites extremistisches Netzwerk auf und schützen sich damit selbst vor Extremisten.

Rushdie hat kürzlich einen neuen Roman veröffentlicht. Er trägt den Titel „Zwei Jahre, acht Monate und achtundzwanzig Nächte“ - die Summe ergibt nicht zufällig 1001 Nacht. Mit großer Fabulierlust mixt Rushdie die Märchenwelt der Scheherazade mit mittelalterlicher Philosophie und Hollywood-Action nach Art der „Avengers“-Blockbuster. Es ist ein Krieg der Welten, den Rushdie beschreibt; eine Parabel vom Kampf zwischen Rationalisten und Fundamentalisten, mit erstaunlich präzisen Bezügen zu den Nachrichten dieser Tage.

In Ihrem neuen Buch „Zwei Jahre, acht Monate und achtundzwanzig Nächte“ beschreiben Sie einen Kampf zwischen Gut und Böse, zwischen Glauben und Vernunft. Haben Sie den „Islamischen Staat“ kommen sehen?

Ich hatte vor, ein aktuelles Buch zu schreiben. Trotz all der märchenhaften Orient-Bezüge, der fliegenden Teppiche und Wunderflaschen darin ist es kein Buch über alte Zeiten, sondern eines über das Hier und Jetzt. Deswegen spielt es auch in New York. Aber als ich vor drei Jahren mit dem Schreiben anfing, hatte noch niemand vom IS gehört. Erst im Nachhinein erweist sich mein Buch in diesem Punkt als seltsam aktuell. Wissen Sie, die Welt bewegt sich in eine bestimmte Richtung, und wenn man sie aufmerksam beobachtet, kann man vielleicht einige Wendungen frühzeitig aufschnappen.

Ibn Rushd, ein arabischer Philosoph aus dem 12. Jahrhundert, sagt in Ihrem Buch, dass letztlich die Religion selbst die Menschen dazu veranlassen wird, sich von Gott abzuwenden. Glauben Sie das?

Ehrlich gesagt habe ich diese Worte Ibn Rushd in den Mund gelegt. Ich glaube daran, ja. Ich sehe doch, was täglich im Namen der Religion angerichtet wird: Gräuel, die Abscheu hervorrufen. Leute, die behaupten, für Gott zu morden, sind die schlechteste Werbung für Gott, die man sich denken kann.

Wir erleben eine globale Migrationswelle. Sie sind selbst aus Indien nach England ausgewandert, dann nach New York. Was sind die Folgen ethnischer Durchmischung?

Es gibt Probleme, ja. Die islamistische Unterwanderung der Jugend ist das größte Problem. Aber man kann es in den Griff bekommen, indem man genau prüft, wer ins Land kommt. Die Nachrichten von Muslimen, die aus Europas Hauptstädten in den Dschihad ziehen, verstellen allerdings den Blick aufs große Ganze. Für England kann ich sagen, dass die Integration der Zuwanderer geglückt ist. Sie hat das Land kulturell bereichert. Und die USA sind ohne Migration nicht denkbar. Die Einzigen, die dort das Recht hätten, sich über Einwanderer zu beklagen, sind die Ureinwohner. Die US-Literatur liefert schon lange den Beleg für die kulturelle Bereicherung durch Einwanderung. Sie ist geprägt von den Geschichten jüdischer Osteuropäer und Italiener. Und jetzt beginnen ganz andere Einwanderer-Communitys damit, ihre Geschichten zu erzählen: Bengalen, Vietnamesen, Afghanen. Storys aus aller Welt werden zu amerikanischen Storys.

Überfordern die Flüchtlinge aus Nah- und Mittelost den Westen?

Die meisten dieser Menschen rennen um ihr Leben. Sie flüchten vor ebendem, was uns Angst einjagt. Der IS entsetzt sie ebenso wie uns. Wir sollten keine Angst vor den Flüchtenden haben; sie teilen unsere Ängste. Ich bin sehr beeindruckt von Angela Merkel und ihrem „Wir schaffen das“. Da steckt viel Zuversicht drin, und warum auch nicht? Wir leben in einer sehr wohlhabenden Ecke der Welt. Wir können vieles schaffen, was andere Länder nicht können. Wir sollten uns treu bleiben.

Interview: Marina Kormbaki

Das ist Salman Rushdie

Sir Salman Rushdie, 68, hat 1988 mit seinem Buch „Die satanischen Verse“ weltweit Aufsehen erregt. Kurz danach hat der iranische Ajatollah Khomeini den Dichter mit einer Fatwa belegt. Das Todesurteil wegen angeblicher Beleidigung des Propheten Mohammed wurde nie aufgehoben, das Kopfgeld beträgt 3,3  Millionen Dollar. Lange versteckte sich Rushdie in Großbritannien, wurde von Königin Elizabeth zum Ritter geschlagen. Heute lebt Rushdie in New York. Er war viermal verheiratet und hat zwei Söhne.

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