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Woran glaubst du wirklich, Jussi?

Interview mit Jussi Adler-Olsen Woran glaubst du wirklich, Jussi?

Seine Krimis spiegeln die Realität in all ihrer Härte wider – aber Jussi Adler-Olsen zieht Übersinnliches zumindest in Betracht. Der 64-Jährige erörtert Fragen zwischen Himmel und Erde mit Udo Röbel im Interview.

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Autor Jussi Adler-Olsen.

Quelle: dpa

Gleich auf den ersten Seiten seines neuen Bestsellers „Verheißung“ hat sich Jussi Adler-Olsen einen kleinen Scherz erlaubt. Einen etwas makabren Scherz, der sich allerdings nur dem Leser erschließt, der ganz am Ende des Buches auch die Danksagungen des Autors gelesen hat: Der Polizist, der sich zum Auftakt des Romans vor den Augen seiner Kollegen erschießt, heißt Habersaat - genauso wie seine Pressesprecherin beim deutschen dtv-Verlag.

Um Erlaubnis gefragt hat Jussi Adler-Olsen Beatrice Habersaat nicht. „Hätte ich?“, grinst er und schiebt die Antwort gleich hinterher: „Nein …“ Das klingt vielleicht etwas arrogant. Ist es aber nicht. Jussi Adler-Olsen ist alles andere als arrogant. Aber so selbstbewusst, wie es nur ein Autor sein kann, der inzwischen weltweit über 14 Millionen Bücher verkauft hat.

Und dass er gerne mit Namen spielt, wissen seine Leser spätestens, seit er enthüllt hat, warum er der Hauptfigur seiner Thriller den Namen Mørck gegeben hat. Carl Mørck - so heißt der eigentlich stinkfaule Kommissar des Sonderdezernats Q, der im Keller des Polizeipräsidiums sitzt und sich um uralte ungelöste Fälle kümmern soll. Mørck - so hieß auch ein Mörder, mit dem Jussi Adler-Olsen als Kind gespielt hat. In der psychiatrischen Klinik, in der sein Vater Oberarzt war. Doch dazu kommen wir gleich noch.

Lassen Sie uns erst einmal nicht über Mörder reden, Herr Adler-Olsen: Wie war es bei der Königin?

Jussi. Nenn mich bitte Jussi. Und, ach ja, unsere Königin ist wirklich eine nette alte Dame. Aber ich glaube, unsere Begegnung war für beide Seiten etwas mühsam.

Wieso das?

Na ja. Ich war an diesem Tag einer der letzten, den sie mit Ritter-Orden, so einer Art Bundesverdienstkreuz, auszeichnete, und Ihre Majestät war schon ein bisschen müde. Und ich wiederum bin ja nicht gerade als ein glühender Verfechter der Monarchie bekannt. Eine erste Einladung des Königshauses zu einem gesetzten Dinner hatte ich ein Jahr zuvor schon einmal ausgeschlagen.

Warum?

Weil meine Frau nicht mit eingeladen war. Und überhaupt, wenn jemand den Orden verdient hat, dann Hanne, die es inzwischen über 40 Jahre mit mir ausgehalten hat. Ohne sie wäre wahrscheinlich aus mir nicht das geworden, was ich heute bin. Vielleicht würde ich heute irgendwo in Thailand an einer Bar rumhängen.

Und worüber unterhält man sich dann, wenn man mit seiner Königin spricht? Über Ihre Bücher?

Wie gesagt, Unterhaltung kann man unser Gespräch vielleicht nicht nennen. Bei solchen Begegnungen ist es zudem üblich, dass die Konversation mehr von einem selbst auszugehen hat. Das hatte mir auch schon der Zeremonienmeister zugeflüstert, als er mich zu ihr führte. Also habe ich ihr die goldenen Manschettenknöpfe meines Vaters gezeigt, die ich extra zu diesem Anlass angezogen hatte und die der getragen hat, als er seinen Orden bekam. Aber daran hat sie sich nicht mehr erinnert. Und ja, es lag mir schon auf der Zunge sie zu fragen, ob sie schon mal eins meiner Bücher gelesen hat, aber dann habe ich es mir doch verkniffen.

Sind Sie dennoch ein wenig stolz auf den Orden?

Ja. Sicher. Obwohl ich lange mit mir gerungen habe, ihn überhaupt anzunehmen. Erst meine älteste Schwester hat mich davon überzeugt: „Jussi“, hat sie gesagt, „damit stehst du endgültig auf einer Stufe mit unserem Vater.“

Ihr Vater war Arzt, Psychiater, Freigeist, Querdenker und einer der brillantesten Köpfe seiner Zeit. Manch anderes Kind wäre vielleicht an so einer übermächtigen Vaterfigur zerbrochen ...

Vielleicht. Aber es gab ja noch den Vater ohne Arztkittel. Den Vater, dem man jede Frage der Welt stellen konnte. Den Vater, der uns jeden Tag in unserer Neugier bestärkte, die Welt zu entdecken. Und den Vater, der seinem 16-jährigen Sohn, der lieber Rockgitarre lernt als zu büffeln, nach einer verhauenen Mathe-Arbeit sagt: „Jussi, du hast so viele Talente. Probiere sie einfach alle aus und folge deinem Herzen.“ Was ich dann auch gemacht habe: vom Jimi-Hendrix- Gitarristen in einer Coverband, vom Comicverleger und Friedensaktivisten, vom Solarunternehmer bis zum Thriller-Autor.

Sie selbst sind erst mit 39 Jahren Vater geworden …

Jussi, sag Jussi zu mir. Und ja, Udo. Ich hatte mich in jungen Jahren sterilisieren lassen. Wie viele andere, die damals glaubten, man dürfe keine Kinder in eine Welt setzen, die am Abgrund eines Atomkriegs steht. Aber dann haben Hanne und ich doch immer mehr den Wunsch nach einem Kind verspürt, und ich habe den Eingriff rückgängig machen lassen. Und dann klappte und klappte es nicht, obwohl ich nachweislich wieder zeugungsfähig war. Wir überlegten schon ernsthaft, ein Kind zu adoptieren. Bis dann dieser Ägyptenurlaub kam …

Jussi, wir hören.

Wir haben natürlich auch Gizeh besucht. Und ein alter Mann führte uns tief in eine der Pyramiden. Nach einer halben Stunde gelangten wir in eine stockdunkle Kammer, wo uns unser Führer bedeutete, vollkommen still zu verharren. Mir wurde plötzlich eiskalt - und dann plötzlich total heiß, und da wird dir dann schon ein bisschen unheimlich. Darüber gesprochen habe ich mit meiner Frau erst am Abend. Und siehe da. Es war ihr ganz genauso ergangen.

Und wie ging es dann weiter?

Eine Woche später waren wir in Luxor. Auch am Grab von Tutanchamun. Und ich weiß bis heute nicht, warum ich in diesem Moment plötzlich wieder an unser Kinderproblem denken musste. „Hey, Tut, give me a hand“, sprach ich mehr zu mir selbst. Eigentlich im Scherz. Hey Tut, hilf` mir ein bisschen. Und was soll ich sagen? Ein paar Tage später war Hanne schwanger. Wahrscheinlich hat es nur an dem Essen gelegen, das wir in Ägypten zu uns genommen haben. Viel Gemüse und Obst. Oder vielleicht einfach daran, dass wir beide so entspannt waren. Aber egal. Irgendwo im Hinterkopf ist da natürlich immer noch das Gefühl, dass es Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, die wir nicht so einfach mit unserem Verstand erfassen und erklären können.

Grenzerfahrungen, Esoterik, Gurus … genau vor dieser Kulisse spielt auch dein jüngster Roman „Verheißung“ …

… und für unseren Helden Mørck, der ja auch so ein klein wenig mein Alter Ego ist, sind das natürlich alles Bekloppte …

… aber der Autor Jussi Adler-Olsen schildert diese Welt eigentlich ohne Häme und vorurteilsfrei.

Ja. Ich würde mir auch nie anmaßen, darüber zu spotten. Jeder Mensch hat das Recht, seinen eigenen Glauben und sein ganz persönliches Seelenheil zu finden.

Und: Danach noch weitere „merkwürdige“ Erlebnisse gehabt?

Sagen wir mal Begegnungen … Genau in der Zeit, als wir versuchten, Eltern zu werden, traf ich eines Tages in der ­S-Bahn nach Kopenhagen Jossi, einen Rucksack-Hippie aus Deutschland. Drei Tage später lief er mir auf einem Festival mit mehreren Tausend Besuchern über den Weg - und mehrere Monate später mitten in Paris. Zufälle gibt es, dachte ich mir. Bis ich ein Jahr später in Finnland war, an der Grenze zur (damals noch existierenden) Sowjetunion. Und wer kommt uns auf der Brücke entgegen? Jossi! Aber die Geschichte wird noch verrückter. Als meine Frau im sechsten Monat war, waren wir in Freiburg und hatten Appetit auf einen Apfel. Wir landeten in einem kleinen Bioladen. Und wer stand hinter der Ladentheke? Jossi! Er war endlich sesshaft geworden - und meine Frau schwanger. Er schickte uns dann noch ein Buch über Wassergeburten. Danach habe ich nie wieder etwas von ihm gehört …

Jossi - eine Art Schutzengel von Jussi?

Andere Menschen sehen es vielleicht so. Ich weiß es nicht. Ich weiß genauso wenig, wie und warum ich plötzlich Einfälle für meine Bücher habe. Oft am Morgen, in dem Schwebezustand zwischen Schlafen und Erwachen. Genau in solch einem Moment habe ich auch das Ende meiner Mørck-Reihe gefunden.

Und - wie geht es aus?

Das verrate ich natürlich nicht. Im Herbst erscheint (in Dänemark) erst einmal der siebte Band, in dem wir neben der eigentlichen Handlung noch mehr über die Lebensgeschichten von Carl Mørck und seinem Assistenten Assad erfahren. Und natürlich über Rose, ihre geheimnisvolle Sekretärin mit den zwei Persönlichkeiten.

Aber die ganze „Wahrheit“ erfahren wir erst im zehnten und letzten Band?

Ja. Die kennt bis dahin außer mir nur ein guter Freund.

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