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Kultur „Leibniz ist kein schlechter Gesprächspartner“
Nachrichten Kultur „Leibniz ist kein schlechter Gesprächspartner“
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00:16 16.06.2016
Von Simon Benne
"Ich hege die idealistische Vorstellung, dass manche Fragen zeitlos sind": Brandon C. Look. Quelle: Archiv
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Hannover

Brandon C. Look gilt als einer der weltweit renommiertesten Leibniz-Experten. Der 49-Jährige wurde in Los Angeles geboren, wuchs in Michigan auf und lehrt heute an der Universität Kentucky Geschichte der Philosophie. Am Historischen Museum hält er in dieser Woche drei Vorträge zur Aktualität von Leibniz: Am 14. Juni geht es um Natur, am 15. Juni um Freiheit und am 16. Juni um Gerechtigkeit bei Leibniz. Beginn ist jeweils um 18.15 Uhr, der Eintritt ist frei.

Professor Look, Hannover feiert Leibniz in dessen 300. Todesjahr als Genie. Das Interesse an ihm ist dabei aber oft rein museal, nur etwas für Lokalpatrioten. Schließlich lebte Leibniz in einer ganz anderen Zeit als wir. Was soll an ihm heute noch aktuell sein?
Philosophie ist immer ein Gespräch. Man kann es mit Zeitgenossen führen - oder mit Toten. Und da ist Leibniz kein schlechter Gesprächspartner. Ich hege die idealistische Vorstellung, dass manche Fragen zeitlos sind. Und bestimmte Antworten von Leibniz sind bis heute relevant.

So? Leibniz meinte, dass die Welt aus winzigen, lebendigen Teilchen besteht, die er Monaden nannte. Das ist doch durch die moderne Naturwissenschaft längst widerlegt; das ist doch skurril!
Leibniz stellte sich die Monaden als Kraftzentren vor. Heute verstehen Wissenschaftler Atome teils auch als Bündel von Energie - das ist nicht so weit voneinander entfernt. Es gibt einige Forscher in der analytischen Metaphysik, die sagen: Wir sind in eine Sackgasse geraten, wenn wir nur fragen „Was gibt es?“. Wir sollten lieber fundamentaler fragen, was allem zugrunde liegt.

In welchem Zusammenhang?
In der Neurowissenschaft beispielsweise denken die meisten Experten heute rein materialistisch. Sie glauben, dass mentale Ereignisse reduzierbar sind auf biochemische Vorgänge. In Leibniz’ Monadologie heißt es: Wenn wir uns das Gehirn als große Maschine dächten, als eine Art komplizierte Mühle, und wir könnten sie in Bewegung beobachten - wir würden doch nie einen Gedanken sehen. Heute würde Leibniz uns wohl fragen, ob unser Bewusstsein wirklich auf Materielles verkürzt werden kann.

Leibniz glaubte, dass alle Übel hienieden der Preis für unsere Freiheit seien. Er sagte, wir leben in der besten aller möglichen Welten. Kann man das nach Auschwitz überhaupt noch vertreten?
Bei seinem berühmten Satz ging Leibniz von bestimmten Prämissen aus: Etwa, dass es einen Gott gibt und dass dieser Gutes will. Es gibt aber neben dem menschlichen Bösen auch das natürliche Böse, etwa schreckliche Erdbeben. Das Problem des Bösen ist für Denker, die an Gott glauben, die vielleicht größte Schwierigkeit überhaupt. Man kann auch umgekehrt schlussfolgern, dass Leibniz’ Prämissen hier schlicht falsch sind. Ich selbst glaube nicht an einen personalen Gott - an dieser Stelle bin ich kein Leibnizianer ...

Als Politiker hatte Leibniz oft nicht viel Erfolg, seine Bemühungen, die Kirchen zu vereinen, sind gescheitert ...
... und er ließ sich doch seinen optimistischen Glauben an die Fähigkeit des Menschen zur Vernunft und zur Gerechtigkeit nicht nehmen. In seiner Moralphilosophie findet sich viel christlicher Platonismus. Gerechtigkeit ist für ihn die Nächstenliebe des Weisen. Wir handeln gerecht, indem wir Liebe zeigen, das heißt, das Wohlsein anderer mit Freude sehen. Oft gilt Leibniz als kühler Rationalist, bei dem alles nach dem Diktat der Vernunft laufen soll. Dabei liegt auch der Liebe ein rationales Fundament zugrunde. Für Leibniz sind Liebe und Vernunft daher eng beieinander. Und beides zeigt sich sehr konkret, wenn Menschen die Welt besser machen.

Dann plädieren Sie also dafür, dass Hannover Leibniz zum 300. Todestag guten Gewissens feiern darf?
Absolut! Aber man sollte sich nicht nur vor der historischen Person verbeugen. Einen Musiker ehrt man gewöhnlich damit, dass man seine Werke aufführt. Und einen Denker ehrt man am besten, indem man sich mit seinen Ideen auseinandersetzt.

Interview: Simon Benne

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