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Was heißt eigentlich Volk?

Interview mit Micha Brumlik Was heißt eigentlich Volk?

Am 6. März wird der Publizist Micha Brumlik in Hannover mit der Buber-Rosenzweig-Medaille geehrt. Ein Gespräch über die neue Rechte, den neuen Antisemitismus und das christlich-jüdische Abendland.

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Micha Brumlik bekommt die Buber-Rosenzweig-Medaille.

Quelle: Woitas

Hannover . Herr Professor Brumlik, seit Jahrzehnten verfolgen Sie die Lage der Bundesrepublik im Hinblick auf Antisemitismus, Antijudaismus und Fremdenfeindlichkeit. Wie beurteilen Sie die Lage heute?
In der Bundesrepublik Deutschland bildet sich wie in vielen europäischen Staaten eine neue Rechte aus, die auf absehbare Zeit nicht so schnell verschwinden wird. Ich vermute, dass die sogenannte Flüchtlingskrise hier lediglich die Rolle eines Beschleunigers, eines Brandbeschleunigers spielt. Nun haben Menschen, die irgendeiner Weise weit rechts, antidemokratisch, völkisch und rassistisch denken, einen vermeintlichen ehrenwerten Grund gefunden, sich zu organisieren.

Zur Person

Micha Brumlik wurde 1947 als Kind jüdischer Flüchtlinge in der Schweiz geboren und lebt seit 1952 in Deutschland. Er war bis zu seiner Emeritierung im Frühjahr 2013 Professor am Fachbereich Erziehungswissenschaften an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt am Main. Er gilt als Spezialist für die Geschichte des Judentums und zeitgenössischer jüdischer Themen.

Am Sonntag, 6. März, wird ihm in Hannover auf der bundesweiten Eröffnungsveranstaltung der „Woche der Brüderlichkeit“ die Buber-Rosenzweig-Medaille verliehen. Sprechen werden in Hannover unter anderem Bundespräsident Joachim Gauck und Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil. Die Laudatio auf Brumlik hält die ehemalige hannoversche Landesbischöfin Margot Käßmann. Brumlik wird auch geehrt für sein Engagement in der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit.

Wen meinen Sie, wenn Sie von der neuen Rechten sprechen?
Das ist ein bunt gemischtes Publikum, vor allem in der AfD. Da hat man eher aufgeklärte Konservative wie Alexander Gauland, christlich wertkonservativ-intolerante Frauen wie Beatrix von Storch sowie politische Karrieristen wie Frauke Petry, die auf diesen Zug sehr erfolgreich aufgesprungen sind, und zum Schluss tatsächlich rassistisch und völkische Denker wie Björn Höcke.

Sie erwarten, dass die neue Rechte auf absehbare Zeit bleibt. Worauf gründen Sie diese Erwartung oder Befürchtung?
Ich gründe die Erwartung darauf, dass sich die politischen Verläufe in den westeuropäischen Ländern durchaus ähneln. Dahinter steht eine soziale Krise. Wir wissen seit Jahren, dass in einem Teil des sogenannten Prekariats die Beteiligung am politischen Leben gleich Null ist. Da haben wir eine Bevölkerungsgruppe, die von den traditionellen politischen Parteien nicht mehr erreicht wird. Dann gibt es Gruppen, die den allmählichen Niedergang des Wohlfahrtsstaates und die Spreizungen der Einkommen nicht mehr dem neoliberalen Kapitalismus zurechnen, sondern der Globalisierung und Internationalisierung und deswegen auf sogenannte nationale Lösungen setzen.

Sie sprachen von sogenannter Flüchtlingskrise. Ist der Staat nicht auch in einer Krise, wenn er angesichts der Menge von Flüchtlingen an seine Grenzen gerät?
Ja, das ist die Frage, da streiten sich die Geister. Wenn ich sehe, wie ein wesentlich kleinerer und ärmerer Staat wie Jordanien mindestens so viele Flüchtlinge aufgenommen hat, vermag ich nicht zu erkennen, wieso das Ländern wie der  Bundesrepublik nicht auch gelingen soll. Es gibt, das ist keine Frage, dabei soziale Konflikte und auch emotionale Widerstände.

Was kann man an Aufklärung tun?
Man muss ganz hart mit denen diskutieren, die Schlagworte wie „Lügenpresse“ in die Welt setzen. Man muss mit ihnen diskutieren: Was heißt eigentlich Volk? Und ist es richtig, wenn die gewählten demokratischen Institutionen oder auch die Medien verteufelt werden? Damit muss man sich mit jenen, die solche Meinungen hegen, hart in der Öffentlichkeit auseinandersetzen.

Muss man nicht Sorge bekommen, in einen Zustand wie in der Weimarer Republik zu kommen?
Ich rechne auf Dauer mit einem Wähler-Bevölkerungsanteil von zwölf bis 15 Prozent. Den Vergleich mit der Weimarer Republik akzeptiere ich überhaupt nicht, denn trotz aller völkischen und rassistischen Unterströmungen sind diese Parteien nicht in der Lage, eine faschistische Massenmobilisierung in Gang zu setzen, mit Straßenschlachten und anderem mehr. Das sehe ich nicht, auch wenn ein Teil der Partei so etwas herbeiführen will. Der AfD-Parteiphilosoph in Baden-Württemberg, Marc Jongen, fordert wie sein philosophischer Lehrer Peter Sloterdijk eine „thymotische“ Politik, eine Politik, die auf Erregung und Wut setzt. Damit muss man sich auseinandersetzen. Aber zu Zuständen wie in der Weimarer Republik werden wir nicht kommen, weil die Weimarer Republik – bis auf die SPD – ein Teil des "Zentrums" sowie einige Liberale eine Republik ohne Demokraten war.

Gerade im jüdischen Lager gibt es Befürchtungen, mit den Migranten könne auch ein neuer Antisemitismus nach Deutschland kommen.
Ich glaube schon, dass es auch unter den Flüchtlingen aus Syrien und anderswo Personen gibt, die einen antizionistischen, antiisraelischen Antisemitismus mitbringen. Aber wenn man den Demoskopen glaubt, haben bereits 20 Prozent der Bevölkerung antisemitische Einstellungen. Deshalb glaube ich nicht, dass es zu einer wesentlichen Vergrößerung dieses Phänomens kommt.

Und wie ist es mit dem Antiislamismus bestellt?
Ja, der entwickelt sich gerade und deckt in etwa jenes Wählerpotenzial ab, über das wir eben sprachen.

Sie bekommen nächste Woche Sonntag in Hannover die Buber-Rosenzweig-Medaille der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit überreicht, bei der Bundespräsident Joachim Gauck der Schirmherr ist. Was bedeutet diese Auszeichnung für Sie selbst?
Das ist für mich eine sehr, sehr große Ehre. Tatsächlich habe ich mich seit mehr als 30 Jahren um das christlich-jüdische Gespräch bemüht. Dabei konnte ich nicht nur einen neuen Blick auf mein Judentum gewinnen, sondern genauer verstehen, welches die Grundlagen und Ausformungen der christlichen Religion und ihrer Institutionen sind.

Wird bei den Gutmeinenden bei uns nicht etwas zu schnell vom christlich-jüdischen Abendland geredet, obwohl es fürchterliche historische Brüche gegeben hat wie den Holocaust?
Es ist interessant zu sehen, wann diese Formulierung zum ersten Mal aufgekommen ist. Ich hege den Verdacht, dass diese zunächst teilweise als eine Abwehrformel gegen den Islam fungierte. Tatsächlich konnten Juden seit dem dritten Jahrhundert im christlichen Abendland leben, mehr oder minder auskömmlich. Aber seit der Zeit der Kreuzzüge war das christliche Abendland im Unterschied zur islamischen Herrschaftssphäre ein Gebiet, in dem die Juden gepeinigt, diskriminiert, vertrieben und unterdrückt worden sind.

Also ist die Rede vom Abendland auch eine politische Beschwörungsformel?
Genau das.

Interview: Michael B. Berger

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